
Gella Reutlinger -Simon
*25.12.1921 in Eitorf; ✡15.9.1983
Staatsangehörigkeit deutsch,staatenlos
Religion jüdisch
Vater Julius Jonathan Simon *10.1.1885 in Hamm/Sieg; ✡24.7.1942 Maly Trostinec

Mutter Toni Veith *22.9.1894 in Borken, Westfalen; ✡24.7.1942 Maly Trostinec
Beruf Haushälterin; Pflegekraft
Adressen Eitorf; Bonn; Wieringermeer; Amsterdam; Kibbuz Hazorea
Heirat
9.7.1942 Julius Werner Jula Reutlinger *14.11.1921; ✡ 1.2.1987 in Amsterdam
Scheidung 20.9.1946 in Amsterdam
2. Ehe 1950 mit Ascher Rath
Kinder zwei
2. Ehe des Ex-Ehemanns Julius R. am 21.7.1949 in Aalsmeer mit Tineke de Lange *9.6.1920 in ‚t Zand; ✡11.7.1984; (Tineke L. hatte sie aus Westerbork befreit)
Weiterer Lebensweg
Novemberpogrom
10.11.1938 Vater Julius verhaftet in Köln als „Aktionsjude“
16.11.1938 Inhaftierung als „Schutzhäftling“ im KL Dachau
10.12.1938 Entlassung des Vaters aus dem KL Dachau
Februar 1939 Emigration von Gella Simon aus Bonn nach Amsterdam

Werkdorp Wieringermeer
12.4.1937 Julius Reutlinger zur Hachschara in das Werkdorp Wieringermeer
2.1.1938 Formelle Ummeldung von Barsingerhorn auf Wieringermeer
Dezember 1940 Gella Simon zur Hachschara in das Werkdorp Wieringermeer
Auflösung des Werkdorp und die zweite große Razzia in Amsterdam
20.3.1941 Auflösung des Werkdorp durch den SD der SS; 210 der 290 Lehrlinge werden nach Amsterdam verbracht und in Familien untergebracht; Gerd Vollmann berichtet darüber:
„Am 20. März kamen morgens blaue Busse von der Amsterdamer Gemeindebahn am Rande des Polders. … Die ca. 300 Werkdörfler wurden inspiziert durch Lages in Uniform und Barbie in Zivil.
Willy Lages, SS-Sturmbannführer, Leiter des Sicherheitsdienstes in Amsterdam; Klaus Barbie, SS-Obersturmführer, Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam
Unser Betriebsleiter Kemmerlin sorgte dafür, dass ca. 60 Jungen und Mädels bleiben durften, um das Vieh usw. zu versorgen. Die anderen kriegten 10 Minuten die Gelegenheit, um etwas zu packen und dann wurden wir mit Bussen nach Amsterdam gebracht…“
Unterbringung der 210 Werkdorper zunächst in Asschers Diamantschleiferei im Amsterdamer „Pijp“
27.3.1941 Unterbringung der Werkdorper in Gastfamilien oder bei Verwandten;
20.5.1941 Amsterdam Plantage Badlaan 3
Volkstuinen
Mai 1941 Julius Reutlinger als Gärtner stellvertretender Leiter der „Volkstuinen“;
Leiter ab 1942 war Manfred Laupheimer (*30.5.1910 in Stuttgart; ✡ 31.7.1944 in Auschwitz)
12.8.1941 Laupheimer als Blumengärtner auf einer Blumenfarm in Aalsmeer
3.10.1942 Laupheimer nach Amsterdam, Badlaan 15; er wird Leiter im „Joodse Volkstuinen“, Kleingartensiedlung des Judenrats am Zeeburgerdijk
5.11.1942 Laupheimer erstattet Anzeige wegen Einbruch in einen Schuppen und Diebstahls von Kartoffeln und Gemüse im „Joodse Volkstuin“; gestohlen wurden Kartoffeln (200 kg), Rüben (50 kg), Weißkohl (25 kg), Karotten, Lauch und Knollensellerie.
Zweite Razzia in der Franschelaan
26.5.1943 die Bewohner des Jeugdhuis Franschelaan werden bei einer Razzia verhaftet und nach Westerbork deportiert;
auch Julius und Gella Reutlinger sowie Manfred mit Frau Carmen Laupheimer eingewiesen in das polizeiliche Judendurchgangslager zusammen mit Kurt Elias, Ruth Karlsberg, Ernst Rosenbaum, Grete Schramm, Norbert Schweitzer, Martin Uffenheimer, alle Baracke 60
Flucht aus Westerbork
3.3.1944 Manfred und Carmen Laupheimer auf dem Transport von Westerbork nach Auschwitz
Tod in Auschwitz Carmen am 15.7., Manfred Laupheimer am 31.7.1944
23.3.1944 Flucht von Julius und Gella Reutlinger aus dem Kamp Westerbork; eine der letzten Fluchten aus Westerbork. Tinus Schabbing berichtete die Geschichte ihrer Flucht:
Julius und Gella Reutlinger wurden unerwartet auf eine Transportliste gesetzt; die üblichen Fluchthelfer waren nicht zu erreichen. Tineke de Lange (2. Ehefrau des Julius!) hatte die Koordination übernommen, sie bat Tinus Schabbing, sie nach Westerbork zu begleiten; die Nacht verbringen die beiden bei starker Kälte in einem Hühnerstall. Am nächsten Morgen schleusen sie Julius und Gella Reutlinger nach Amsterdam, wo das Ehepaar im Versteck bis zur Befreiung überlebt.
28.3.1944 „VOW“ vertrokken onbekend waarheen“ untergetaucht

Die Flucht des Ehepaar Reutlinger war eine der letzten aus Westerbork.
Durch den Verrat des Spitzels „Karel“, der von Paul Amo Rosenbaum die Einzelheiten der von Paul Siegel entwickelten Variante zur Flucht kurz vor Abfahrt des Deportationszuges erfahren hatte, konnte der SD das Wäldchen mit der Torfhütte finden. Die Kontrollen am Lagereingang und die Bewachung wurden verstärkt.
Maly Trostinec
Nicht nur Juden aus Köln sondern aus dem gesamten Regierungsbezirk wurden deportiert. In einem Schreiben der Gestapo Köln an die Landräte in Euskirchen, Bergheim, Siegburg, Gummersbach, Köln und Bergisch-Gladbach wurde zuvor angeordnet, dass die für die Deportation vorgesehenen Menschen am 19.7. in der Zeit von 10-15 Uhr nach Köln-Deutz, Westhalle der Messehalle, überführt werden sollten
19.7.1942 ab Lager Much ins Sammellager Köln-Deutz (Messehalle),
20.7.1942 Beide Eltern mit 1164 Juden mit dem Zug Da219 ab Bahnhof Deutz nach Minsk
„Morgens bestiegen sie Abteilwagen der Reichsbahn, „Holzklasse“ mit beidseitig 5 Einsteigetüren, begleitet und bewacht von einem Polizeioffizier mit 15 Mann. Um 15 Uhr verließ der Zug Köln. Das Ziel hieß „Osten -Arbeitseinsatz“. Die Stimmung war geteilt. Gegenüber den, nichts Gutes ahnenden Älteren ab 50, glaubten die Jungen, bald wieder arbeiten zu können. „Endlich raus aus dem Bomben-Köln“. „Wir kehren wieder“, sangen die Kleinen aus dem jüdischen Kinderheim. Die Reise aber wurde immer beschwerlicher, insbesondere für die 11, noch nicht einjährigen Kinder und die 21 Alten über 70. Neben der fehlenden Nahrung, dann noch der Umstieg in Güterwagen und das 19-stündige Warten auf dem Abstellgleis vor Minsk in der Sommerhitze. Endlich, frühmorgens 6.15 h die Ankunft und das Verlassen des Zuges in Maly Trostinez. Danach, alles ohne barsche Befehle und Geschrei, folgte eine fast freundliche Begrüßung durch einen SS-Offizier. Er fragte nach Spezialisten und teilte etwa 20 zur Arbeit ab. Die Übrigen sollten das Gepäck abgestellt lassen, um zunächst mit den bereitstehenden Fahrzeugen zu den, hinter dem Wald liegenden Unterkunft- und Arbeitsbaracken gefahren zu werden.
Doch deren Fahrt ging in das Wäldchen, an eine, zuvor von russischen Kriegsgefangenen und Minsker Juden ausgehobene 40x5x4 Meter große Grube. Dort lauerte der Tod in Gestalt bewaffneter SS-Leute und Polizisten. Sie erschossen alle, die auf normalen Lastwagen eintrafen direkt am Grubenrand, während die anderen in den als Wohnwagen getarnten LKw’s qualvoll in eingeleiteten Motorabgasen sterben mussten. Für keinen der unschuldigen Menschen – ihre Namen findet man auf den erhalten gebliebenen Transportlisten der von Deutz ostwärts rollenden Züge – gab es nach Ankunft überhaupt ein Entrinnen.“
24.7.1942 Tod der Eltern bei Massenerschießung im Wald von Blagowschtschina
Nachkriegszeit
18.9.1945 wieder in Amsterdam, Weesperplein
20.9.1946 in Amsterdam Scheidung von Julius Reutlinger
Alija beth auf der SS BIRIA
22.6.1946 Abreise von Gella Simon zusammen mit Siegbert und Betty Pinkus aus Port de Sete, einem kleinen Hafen 200 km westlich von Marseille mit 1086 Ma’apilim auf dem von der Haganah gechartertem Schiff SS BIRIA, zuvor SS AKBEL
2.7.1946 Ankunft der SS BIRIA in Haifa, Internierung im britischen Camp Athlit bei Haifa
Kibbuz Hazorea
1950 Zweite Ehe mit Ascher Rath

Gedenken
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Quellen
https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de962205
https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de962699
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130361721
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130361720
https://collections.yadvashem.org/en/documents/3655767
https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Reutlinger%201921%22%7D
https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Gella%20Simon%201921%22%7D
https://www.mappingthelives.org
Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939
Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947
Peter W. Lande, Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History
https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316