
Bernhard Natt
*14.1.1919 in Frankfurt; ✡26.12.1913 in Ra’anana, Petah Tikwa
Staatsangehörigkeit deutsch, staatenlos, Israel
Religion jüdisch
Vater Dr. med. Hugo Natt *18.4.1881 Kreuznach ; ✡ 30.10.1963 in London
Heirat der Eltern 12.4.1912
Mutter Clara Bischheim *29.9.1889 ; ✡13.3.1976
Geschwister
Ernst Natt *1.2.1913 ; ✡ 1.2.2005 in England; oo Susi Haas
Walter Natt *2.3.1915 in Frankfurt; oo Relly Seeman
Beruf Landwirtschaftlicher Volontär
Adressen Frankfurt; Werkdorp Wieringen Nieuwesluizerweg 42, Slootdorp (Wieringen); Amsterdam,
Heirat –
Kinder –
Weiterer Lebensweg
Erster Weltkrieg

Vater Hugo war im Ersten Weltkrieg Stabsarzt beim Infanterie-Regiment 81

Nach einer Gasvergiftung kam er ins Schonungskommando beim Eisenbahn-Regiment Hanau; Eisernes Kreuz 1. Klasse; Buch: „Zwischen Schützengraben und Skalpell: Kriegstagebuch eines Arztes 1914-1918″
Bis 1935 Besuch des Reform-Realgymnasiums in Frankfurt
Beginn einer Schreinerlehre
29.9.1939 beide Eltern und Bruder Ernst in Hendon, Municipal Borough bei britischem Census
Der Aufbau des Werkdorp Nieuwe Sluis
18.11.1938 Bernhard Natt zur Hachschara ins Werkdorp Wieringen
Träger des „Jüdisches Werkdorf Nieuwe Sluis“ ist die „Stichting Joodse Arbeid“ (Stiftung Jüdische Arbeit); hier werden jüdische Jugendliche zu Landarbeitern umgeschult (Hachschara) als Vorbereitung auf die Ansiedlung in Palästina (Alija). Die Ausrichtung war neutral, nur etwa ein Drittel der Chawerim waren auch zionistische Chaluzim (zionistische Pioniere)
Im März 1934 kommt eine kleine Gruppe von Volontären als Aufbaugruppe in die verlassenen Baracken auf der Farm. Dreieinhalb Jahre lang dienten diese als Unterkunft für die Gruppe der Bauarbeiter. Ende 1934 stehen vier Baracken und eine Kantine dicht beieinander rund um das Haukes-Haus.
Oktober 1934 Aufnahme des regulären Ausbildungsbetriebs
Im Zentrum des Werkdorfs wird ein Gemeinschaftshaus errichtet, die Baracken werden in einem Halbkreis herumgebaut.
Anfang 1937 Offizielle Eröffnung der nun fertiggestellten Anlage.

Auflösung des Werkdorp und die zweite große Razzia in Amsterdam
„Am 20. März kamen morgens blaue Busse von der Amsterdamer Gemeindebahn am Rande des Polders. … Die ca. 300 Werkdörfler wurden inspiziert durch Lages in Uniform und Barbie in Zivil.
Willy Lages, SS-Sturmbannführer, Leiter des Sicherheitsdienstes in Amsterdam; Klaus Barbie, SS-Obersturmführer, Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam
Unser Betriebsleiter Kemmerlin sorgte dafür, dass ca. 60 Jungen und Mädels bleiben durften, um das Vieh usw. zu versorgen. Die anderen kriegten 10 Minuten die Gelegenheit, um etwas zu packen und dann wurden wir mit Bussen nach Amsterdam gebracht…“
Unterbringung der 210 Werkdorper zunächst in Asschers Diamantschleiferei im Amsterdamer „Pijp“
27.3.1941 Unterbringung der Werkdorper in Gastfamilien oder bei Verwandten;
1.8.1941 endgültige Schließung des Werkdorpes.
14.5.1941 Bombenexplosion im Marine-Offiziersclub Amsterdam auf der Bernard Zweerskade ist Anlass für Verhaftungswelle
Juni 1941 Zweite große Razzia in Amsterdam; der SD geht bei dieser Razzia anders vor als bei der ersten Razzia im Februar 1941, bei der Juden wahllos auf der Straße aufgegriffen und festgenommen wurden; bei der zweiten Razzia nutzen die Deutschen Adresslisten und gehen gezielt zu den Häusern von dem sie wissen, dass dort Juden leben.
11.6.1941 SS-Obersturmführer Klaus Barbie von der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam“ erschleicht sich durch Täuschung die Adresslisten der „Werkdorper“
11.6.1941 „Vergeltungsmaßnahme“ 300 vorwiegend Jugendliche, davon 61 „Werkdorper“ im Durchgangslager Schoorl inhaftiert; von ihnen werden vier, die keine vier jüdischen Großeltern haben, freigelassen.
Von Dezember 1940 bis August 1941 war SS-Untersturmführer Hans Stöver Kommandant des Camp Schoorl
Der Werkdorper Bernard Natt, ein Cousin von Lotte Brück, beschreibt die Razzia des 11. Juni 1941:
„Am Mittwochabend, dem 11. Juni 1941, besuchte ich mit Lotti in der Stadsschouwburg eine Aufführung von Griegs Oper „Per Gynt“. Es war eine schöne, angenehme Aufführung. Es war auch das letzte Mal, dass ich mit Lotti ausgegangen bin. Auf dem Heimweg trafen wir einige Freunde vom Werkdorp. Sie waren sehr aufgebracht und teilten uns mit, dass unsere Mitbewohner des Werkdorps noch am selben Abend von der Gestapo festgenommen worden seien.
22.6.1941 Deportation der 296 in Schoorl Inhaftierten in das KL Mauthausen; dort werden sie durch extrem harte Arbeit im Steinbruch und oftmals tödliche medizinische Experimente ermordet; keiner überlebt das Jahr 1941
Verhaftung als Zivilarbeiter
Februar bis Juni 1943 Bernhard Natt mit gefälschten Papieren untergetaucht als „holländischer Zivilarbeiter“ in Deutschland.
Juni 1943 Bernhard Natt wird verhaftet, da er keinen holländischen Pass vorweisen kann, zuerst ins Gerichtsgefängnis Bocholt und später ins Zuchthaus
November 1943 Transport in einem Zug nach Auschwitz

12.11.1943 Ankunft in Auschwitz
1943-1945 im KL Auschwitz
14.9.1945 Rückkehr in die Niederlande, Noodziekenhuis Eindhoven

1947-1948 Sanatorium in Davos wegen TBC
1949-1950 Haus Hatikwah in Davos
6.9.1950 Ausreise zur Familie nach England
Gedenken
Quellen
Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939
Bernhard Natt: Returning from Auschwitz. Zwei Briefe, ein Telegramm. In: Literatur: Gottfried Kößler/Angelika Rieber/Feli Gürsching, „…dass wir nicht erwünscht waren“, Frankfurt 1993, S. 158-162
Bernhard Natt: Ein deutsch-patriotischer Jude kommt ins Konzentrationslager. In: Petra Bonavita, Assimilation Verfolgung Exil. Frankfurt 2002, S. 83-90
Niederlande, Bevölkerungsregister, 1810-1936; Bron: boek, Deel: 146, Periode: 1912-1938
https://www.oorlogsbronnen.nl/mensen?personterm=Ontruiming%20Joods%20Werkdorp%20Wieringermeer