Kussel Elfriede

Elfriede Kussel *18.2.1925 in Aurich; ✡vor 1944 in Minsk

Staatsangehörigkeit deutsch

Religion jüdisch

Vater Hugo Kussel *16.2.1894 in Gruiten; ✡ 1945 KL Dora

Mutter Marianne Wolff; ✡ vor 1944 in Minsk

Onkel Benno Benjamin Wolff *5.2.1883 in Aurich; ✡ November 1941

Tante Regina geb. Wolff *14.4.1890 in Aurich; ✡ November 1941

Regina und Marianne Wolff waren Schwestern.

Geschwister

Netta Lehfeldt geb. Kussel /Beil *29.6.1922 in Aurich; ✡4.10.2008 in Helsingborg

Cousinen

Lina Wolff *7.8.1920 in Aurich; oo Haim Joachim Zucker (*1915)

Fanni Zipora Wolff *24.9.1921 in Aurich; ✡ 29.12.1954 in Kiriat Bialik

Selma Wolff *15.6.1923 in Aurich; ✡ 13.11.1987 in Beer Sheva

Beruf

Adressen Aurich, Wallstraße 10, Marktstraße 2 und 18; Mannheim; Oldenburg; Havelberg; Helsingborg, Schweden;  

Heirat

Kinder

Weiterer Lebensweg

1.12.1930 Umzug von der Wallstraße 10 (Großeltern) in die Marktstraße 2

15.1.1938 Umzug der Familie in die Marktstraße 18

Novemberpogrom

10.11.1938 Vater Hugo und Onkel Benno Wolff verhaftet

10.11.1938 Novemberpogrom in Aurich; die Verwüstungen und das Abbrennen der Auricher Synagoge wurden vom Führer des Auricher SA-Sturmbannes Eltze angeführt. Dieser war von der SA-Gruppe Nordsee vermutlich kurz vor Mitternacht informiert worden. Alle männlichen Juden werden verhaftet und in der Landwirtschaftlichen Halle „Bullenhalle“ eingesperrt und am folgenden Tag auf dem Ellernfeld schikaniert und gequält. SA-Sportwart Wilhelm Bock ließ die „Schutzhäftlinge“ „Bullenhalle“ in entwürdigender Weise „Sport“ treiben.

Frauen und Kinder werden tagsüber entlassen.

Internierung der Auricher Juden im KL Sachsenhausen; Onkel Benno bekommt die Häftlingsnummer 10448, Vater Hugo Kussel die Nr.10188

17.12.1938 Entlassung von Vater Hugo und Onkel Benno aus dem KL Sachsenhausen

Der Brüderhof in Harksheide

Schwester Netta Kussel abgemeldet nach Oldenburg, sie geht zur Hachschara auf den Brüderhof in Harksheide

Der Brüderhof in Harksheide beherbergte von 1934 bis 1939 einen Hachschara Kibbuz in Trägerschaft des Hechaluz. Die evangelische Einrichtung „Rauhes Haus“ hatte sie an den Bauern Leuschner verpachtet. Der große Hof bot Unterkunft für 35 Chaluzim.

Ab 1935 gab es hier auch eine „Mittlere Hachschara“ für 15-17-jährige Schulentlassene.

Im Novemberpogrom bleibt der Brüderhof von Verwüstungen verschont, vermutlich weil Pächter Leuschner NSDAP-Mitglied war. Es sollen aber vier ältere Chaluzim verhaftet worden sein.

März 1939 Auflösung des Kibbuz nach Kündigung des Pachtvertrages. Die Jugendlichen der mittleren Hachschara können nach Palästina emigrieren. Die über 17-jährigen gehen zum Teil nach Dänemark.

Waldgehöft Havelberg

Netta Kussel wechselt zur landwirtschaftlichen Hachschara ins Waldgehöft, auch Jagdgehöft Barella, Damlacker Weg, nördlich von Havelberg (1934-1941), Träger bis zum Pogrom November 1938 war der Hechaluz, dann die RVJD. Die frühere Jagdpacht gehörte dem jüdischen Rechtsanwalt Siegfried Freund, er war zunächst auch der Leiter.

Minderheitenzählung

17.5.1939 Elfriede Kussel bei den Eltern in Aurich, Marktstraße 18

17.5.1939 Netta Kussel in Havelberg, Damlacker Weg, insgesamt sind dort 56 Jugendliche und Personal gemeldet

27.7.1939 Elfriede Kussel nach Hannover, Jüdisches Altenheim in der Brabeckstraße 86, dort vermutlich als Pflegehelferin; anschließend zur Hachschara in das Lehrgut Schocken-Gut Winkel bei Spreenhagen, wo zeitweilig auch Cousine Fanny gemeldet war.

Gut Winkel

Ca 1940 Elfriede Kussel zur Hachschara ins Gut Winkel, Spreenhagen

Gut Winkel bestand als Lehrgut Schocken ab 1933 in Trägerschaft der zionistischen Jugendbünde; Lagerleiter war Martin Gerson vom Januar 1933 bis zwangsweisen Aufgabe von Gut Winkel am 19. Juni 1941; Hauswirtschaftsleiterin war seine Frau Bertel.

1938 wird die Zahl der Belegplätze mit 120 angegeben.

Im Novemberpogrom 1938 wurde Gut Winkel nicht überfallen.

Bei der Minderheitenvolkszählung am 17. Mai 1939 wurden 210 jüdische Bewohner erfasst.

Mai bis September 1941 Auflösung der Hachscharalager Gut Winkel, Ahrensdorf, Jessen, Havelberg;

5.7.1941 behördliche Anordnung zur Schließung der Hachschara-Lager; Umbenennung der noch bestehenden in „Jüdisches Arbeitseinsatzlager“; Verlegung vieler Chaluzim in das Lehrgut Neuendorf im Sande

Juni 1941 Nach Auflösung von Gut Winkel zieht Elfriede zu den Eltern nach Düsseldorf.

Emigration nach Schweden

Juni 1939 wurde der alte Gutshof Hälsinggården in Korsnäs in Nordschweden bei Falun als Jugendalijah-Hof für die mittlere Hachschara (15-17 Jahre) in Trägerschaft der »Stiftung für Landwirtschaftsausbildung« eröffnet

Herbst 1939 Netta Kussel kann mit einer Gruppe Chaluzim aus dem Waldgehöft Havelberg nach Schweden emigrieren

Judenvertreibung aus Ostfriesland/Oldenburg

Januar 1940 Anordnung der Gestapo-Leitstelle Wilhelmshaven: Ausweisung der in Ostfriesland lebenden Juden „aus militärischen Gründen“ bis zum 1. April 1940.

26.2.1940 Zwangsverkauf des Hauses Wallstraße 8/10

27.2.1940 Zwangsumzug von Marianne und Hugo Kussel nach Düsseldorf, Düsselkämpchen 2, zusammen mit der Tante Regina Wolff und ihrem Mann Benno, die in der Steinstraße 33 einziehen.

Deportation nach Minsk – Suizid der Nachbarinnen

Juni 1941 Von Gut Winkel zieht Elfriede zu den Eltern nach Düsseldorf, allerdings ist sie unter einer anderen Adresse Klever Straße 29 gemeldet. Hier wohnten zeitweilig auch die Eltern Kussel sowie die Alice Freund (*1891 in Gelsenkirchen) und ihre Mutter Lina geb. Wolff (*1860 in Kommern). Das Haus gehörte dem Bauunternehmer Dr. Adolf Breitenstein, der die Situation in einem Brief vom 30.10.1941 beschreibt:

„Die Sache mit Freunds will ich nur andeuten. Alle Juden kommen von D. weg, z. Teil sind sie schon fort und zwar nach Polen. …“

Der Gestapobeamte Georg Pütz überbringt die Deportationsbefehle persönlich.

Der als „Mischling 1. Grades“ überlebende Oberlandesgerichtsrat Hugo Goldfarb gibt beim Prozess gegen Georg Pütz am 18.10.1949 eine eidesstattliche Erklärung ab:

„Die jüngere Frau Alice Freund erzählte mir damals, dass die treibende Kraft der Gestapobeamte Pütz sei, der ohne Gnade vorgehe. Ich versuchte damals, Frau Alice Freund zu bereden, vorläufig nichts Übereiltes zu tun, insbesondere sich nicht das Leben zu nehmen. Beide haben sich jedoch in der Nacht vergiftet und wurden am nächsten Morgen sterbend aufgefunden.“

5.11.1941 Tod von Alice und Lina Freund durch Tablettenvergiftung

9.11.1941 alle fünf eingewiesen in das Sammellager Viehhallen im alten Düsseldorfer Schlachthof

10.11.1941 beide Eltern auch Benjamin und Regina Wolff insgesamt 997 Juden auf dem Transport von Düsseldorf nach Minsk

14.11.1941 Ankunft in Minsk; Transport Leiter Meurin , Hauptmann der Schutzpolizei Düsseldorf in seinem Rapport:

„Die Juden waren um diese Zeit ziemlich weich, da der Zug vielfach unbeheizt liegengeblieben war und vor allem seit Einfahrt ins russische Gebiet keine Möglichkeit mehr gegeben war, Wasser zu fassen…“

Tod von Elfriede und Marianne Kussel in Minsk.

Elfriedes Vater Hugo wird von Minsk aus in das Konzentrationslager Płaszów, einem Vorort südöstlich von Krakau verlegt

4.8.1944 Hugo Kussel von Krakau nach Flossenbürg

21.8.1944 vom KL Flossenbürg in das KL Natzweiler, dann Ravensbrück und zuletzt ins Lager Mittelbau-Dora verlegt; hier sind weit über tausend Häftlinge durch einen verheerenden Bombenangriff der Allierten umgekommen.

3.4.1945 fataler Luftangriff der Allierten auf die Boelcke-Kaserne mit 1000 Toten und 2000 weiteren in den nächsten Wochen

Nachkriegszeit

Oktober 1945 Schwester Netta Lehfeldt auf der Mitgliederliste des Hechaluz Schweden, „Alte Chaluzim“

Gedenken

17.7.2014 Stolpersteine für Elfriede, die Eltern und Schwester Netta Elfriede in Aurich

Quellen

Elfriede Kussel

http://stolpersteineaurich.com/2010/01/11/netta-kussel-verh-beil/

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de906988

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de20040592

https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_rhl_411110.html

https://biografien.erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/person/elfriede-kussel-516

https://collections.arolsen-archives.org/de/search/topic/3-1-1-3_1211000?s=1211000

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/78777793

https://www.magdeburg.de/PDF/Lehfeldt_Dr_Michael_Ehepaar.PDF?ObjSvrID=37&ObjID=14015&ObjLa=1&Ext=PDF&WTR=1&_ts=1555057648

https://www.mappingthelives.org

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Peter W. Lande,  Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History

https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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