Leichtentritt Kurt

Foto Josef Roth

Kurt Georg Leichtentritt

*8.6.1912 in Osnabrück; ✡28.7.2001 in Orangeburg

Staatsangehörigkeit deutsch

Religion jüdisch

Vater Georg Leichtentritt *2.1.1881 in Zablotow/ Polen; ✡ 1928 in Osnabrück

Mutter Hedwig Cantor *1.4.1885 in Vreden; ✡ 1.8.1919

Großeltern Leopold Cantor heiratet 1872 Jettchen Israel

Tante Elfriede Bartz geb. Cantor, *18.4.1874 in Vreden; Oeynhausen, Portastraße 23

Vorn: Gertrud und Erna Leichtentritt, Stiefbruder Isaac Samuel
Oben: Les Nathans und Emil Samuel

Stiefmutter Gertrud Leichtentritt geb. Grünewald *25.8.1894 in Beverungen; ✡2.11.1942 in Auschwitz;

Geschwister

Hans Kurt Leichtentritt/Chanan Maor *20.5.1915 in Osnabrück; ✡ 29.7.1989 in Israel; Margot Levy (*9.8.1916 in Berlin; ✡ 21.3.1945 in Palästina)

Halbschwester

Erna Leichtentritt *1.10.1927 in Osnabrück

Beruf Student, Arzt

Adressen Osnabrück; Bonn; New York; Nyack

Heiraten

1.11.1940 in New York mit Anna Pollack *25.4.1912 in Wilno/Polen(heute Vilnius/Litauen), ✡2.12.1988 New York

Mildred Vaccarino *27.2.1922 ✡24.3.1993 in Orangeburg

Kinder

Hedy Leichtentritt

Walter Kurt Leichtentritt; oo Shaila Manseta

Enkelkinder

Nicholas Leichtentritt *1984 Nyack, NY; ✡2019, Charlottesville, Virginia

Kurt Vijay Leichtentritt

Jesse Dennis Leichtentritt

Marilyn Leichtentritt; oo Corrado

Timi Jo Leichtentritt

Jackie Leichtentritt; oo Rose

Sophia Milli Leichtentritt

Lebensweg

1911 Mutter Hedwig Leichtentritt geb. Cantor eingetragen als Inhaberin des „Berliner Kaufhaus“ in Rheine; Anzeige in „Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger“ vom 9.5.1911

Hof Stern in Westerbeck

Bruder Hans Leichtentritt zur Hachschara auf den Hof Westerbeck/Stern, Hachscharalager des jüdischen Pfadfinderbundes „Makkabi Hazair“ auf Gut Westerbeck in Westerkappeln

22.6.1934 Passausstellung in Osnabrück

20.8.1935 anwesend bei einer Nazi-Großveranstaltung auf dem Ledenhof in Osnabrück mit antisemitischer Hetze zusammen mit seinem jüdischen Freund Werner ten Brink, 16 Jahre alt. Ten Brink erinnert sich: „Auf einer Nazi-Kundgebung mit 20 000 Menschen in Osnabrück wurde plötzlich ein Nazi-Lied gesungen, und jeder streckte den rechten Arm halb hoch zum Hitlergruß, nur ich nicht.“ Dafür bekam der jüdische Junge prompt eine Ohrfeige. „Am folgenden Tag nach der Kundgebung grüßten uns die Nachbarn nicht mehr und wir wurden gemieden.“

Hans Leichtentritt, Chanan Maor erinnert sich 1984 in einem Brief aus Israel an die fanatisierten Massen: „Die Bevölkerung Osnabrücks tat sich bereits in den frühen dreißiger Jahren mit großem Judenhass hervor. Bereits im Jahre 1934 oder 35 organisierten wichtige Persönlichkeiten der Stadt auf dem Ledenhof eine Massenveranstaltung mit dem Motto: Aufruf – Judenfrage in Osnabrück – Juden, das ist Eure letzte Warnung! Es gab leider Juden, die den Ernst der Situation nicht erfassten und ihr Zögern mit dem Leben büßen mussten.“

8.7.1936 Ankunft von Bruder Hans in Haifa; Alija mit Hechaluz-Studenten-Zertifikat B III (250 Pfund)

16.1.1938 Heirat in Rehovot

8.12.1939 Einbürgerung von Bruder Hans in Palästina

Assistenzarzt in Bonn

Kurt Georg Leichtentritt war Assistenzarzt in dem von Ordenschwestern – den Franziskanerinnen von Waldbreitbach – betriebenen St. Elisabeth-Krankenhaus in Bonn.

Der dort als Hausgeistlicher tätige Priester Ernst Moritz Roth (31.1.1902-12.3.1945) war 1936 an das Krankenhaus versetzt worden, da er in Dattenfeld, seiner vorherigen Vikarstelle wegen seiner unbeugsamen antinazistischen Haltung mehrfach Ziel heftiger Angriffe der Nazis vor Ort geworden war.

Kurt Georg Leichtentritt ließ sich 1936 von ihm taufen in der irrigen Annahme, so vor den antisemitischen Aggressionen besser geschützt zu sein.

Die tiefgläubige Familie von Ernst Moritz Roth unterstützte ihn bei seinen Plänen zur Emigration und brachte auch einen Teil der Schiffspassagekosten von 162 Hfl für ihn auf.

Ernst Moritz Roth

Ernst Moritz Roth (31.1.1902-12.3.1945)
Von Wilhelm Roth (1898-1952) – Aus dem Familienarchiv Josef Roth,

Ernst Moritz Roth wurde 1936 an das St. Elisabeth-Krankenhaus in Bonn versetzt, da er während seiner vorherigen Tätigkeit als Vikar der Pfarrgemeinde St. Laurentius in Dattenfeld mehrfach öffentlich Kritik am Nationalsozialismus geäußert hatte und mit den NS-Behörden in ständigem Konflikt stand. Doch auch hier widersetzte er sich dem Regime, indem er den befreundeten jüdischen Arzt Kurt Georg Leichtentritt taufte, um ihn – in Unkenntnis der rasseideologischen Stoßrichtung des NS-Regimes – vor möglicher Verfolgung zu retten. Die verschärften Repressalien gegen Juden ließen Roth 1936 dann doch nach einer Fluchtmöglichkeit für Leichentritt suchen: Roth und seine Familie halfen ihm unter anderem mit finanziellen Mitteln bei der Auswanderung nach New York, wo Leichtentritt eine kleine Arztpraxis eröffnen konnte.

In der Zeit zwischen 1935 und 1936 half er aktiv dem jüdischen Medizistudenten/Arzt Kurt-Georg Leichtentritt. Erst versuchte er ihn durch Taufe zu retten (Roths Vater wurde Taufpate), dann halfen Roth und seine Familie, dass Leichtentritt und seine Frau 1939 nach Amerika auswandern konnten. Nach seinen Studien bekam er in Bonn die Stelle als Hausgeistlicher im Elisabeth-Krankenhaus (1936–1937)

Passagierliste der HAL (Holland-Amerika-Linie)
Reisekosten 162,- Hfl
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22.11.-2.12.1939 Kurt Leichtentritt auf der SS ROTTERDAM von Rotterdam nach New York; ergibt als Profession : Medizinstudent an

Heimatadresse Tante Elfriede Bartz geb. Cantor, Oeynhausen, Portastraße 23

Ziel Freund Gottfried Klüber in New York

5.4.1940 Kurt Leichtentritt als Untermieter der Familie von Max und Frieda Abraham in New York, Sherman Avenue, Ad 23 bei US Census

1.11.1940 Heirat in New York mit Anna Pollack

Flucht und Untertauchen von Stiefmutter Gertrud und Halbschwester Erna

1936 Flucht nach Enter zu Marcus Samuel in die Niederlande, Adresse Dorpsstraat 146

Januar Heirat mit Marcus „De matte“  Samuel 1885-1943 (Heirat 15.11.1908 in Dortmund mit der ersten Frau Karola Salmagne (*2.5.1886 in Neuss, ✡7.10.1932 in Enter)

Stiefsöhne

Isaac Les Samuel *26.8.1909 in Wierden; ✡21.5.1943 in Auschwitz; oo Lena Roosendaal

Emil Samuel *27.1.1920; ✡28.5.1943 in Auschwitz

Marcus und Gertrud Samuel tauchen in einem Versteck unter. Der Bürgermeister von Wierden forderte, dass der Geflügelhändler Marcus Samuel und seine Frau Gertrud Grunewald ausfindig gemacht, festgenommen und vor Gericht gestellt werden. Sie werden verhaftet und angeklagt wegen „nicht autorisiertem Wohnortwechsel“, eine gängige juristische Formulierung für Untertauchen in Verstecken.
Tochter Erna war in einem Versteck in Hoogeveen untergetaucht und wurde nicht entdeckt
Oktober 1942 Gertrud Samuel in Wierden in Arrest

20.10.1942 Inhaftierung von Gertrud Samuel im polizeilichen Judendurchgangslager Westerbork zusammen mit Emil Samuel

30.10.1942 Transport von Gertrud Samuel aus Westerbork nach Auschwitz

2.11.1942 Tod in Auschwitz

Onderduiker

1.12. 1942 Tochter Erna Leichtentritt, Hans‘ Halbschwester in Wieren notiert als „VOW“ (vertrokken onbekend waarhen) überlebt unentdeckt im Vertseck;

2.10.1945 zieht sie zu Tante Rosalie Samuel und Onkel Simon Frank, die in Epe überlebt haben

14.9.1953 zog Erna nach verschiedenen Wohnorten nach Amsterdam

Juni 1955 Einbürgerung, niederländische Staatsbürgerschaft für Erna Leichtentritt

10.6.1971 Umzug nach Amstelveen

Nachkriegszeit

Kurt Georg Leichtentritt eröffnet in New York in den Räumlichkeiten seiner Wohnung eine kleine Arztpraxis.

Er steht noch viele Jahre in Briefkontakt mit der jüngeren Schwester Elisabeth von Ernst Moritz Roth, bis dieser nach deren Tod im Jahre 1969 abbricht.

Gedenken

2013 Stolperstein für Gertrud Leichentritt und Tochter in Osnabrück

2013 Stolpersteine für Gertrud Marcus, Isaak und Emil Samuel in Enter, Dorpsstraat 146

Quellen

Persönliche Mitteilungen Foto und Brief von Josef Roth, März 2026

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947

https://rheinische-geschichte.lvr.de/Projekte/Widerstandskarte/ernst-moritz-roth-half-dem-juden-kurt-georg-leichtentritt/DE-2086/lido/dc00019498

https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Moritz_Roth

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/5152600

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130367969

Algemeen Politieblad, nr 36, 10 September 1942, 1023, notice 1835

http://www.enterserfgoed.nl/wp-content/uploads/2017/09/De-oorlogsjaren.pdf

https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Leichtentritt%22%7D

https://repository.overheid.nl/frbr/sgd/19541955/0000278731/1/pdf/SGD_19541955_0000052.pdf

Passenger and Crew Lists of Vessels Arriving at New York, New York, 1897-1957 (National Archives Microfilm Publication T715, roll 6424); Records of the Immigration and Naturalization Service, Record Group 85

Peter W. Lande,  Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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