Karmell Bertha

20 jüdische Kinder Purim ca 1931; Foto Stadtarchiv Bottrop

Betty Bertha Beata Klara Karmell

*31.8.1925 in Bottrop; ✡ 21.10.2018 Amsterdam

Religion jüdisch

Staatsangehörigkeit staatenlos; Vater Russe, Mutter Österreich

Vater Karl Samuel Karmell *3.3.1900 in Jendrzejow; ✡ 31.5.1944 in Auschwitz

Mutter Auguste Horn *3.6.1902 auch 6.6.1900 in Perechinsko; ✡ 11.6.1943 in Sobibor

Geschwister

Renate Rennie Karmell *6.12.1936 in Amsterdam; ✡ 11.6.1943 in Sobibor

Beruf Schülerin; Näherin; Fabrikarbeiterin

Adressen Bottrop; Tel Aviv; Amsterdam, diverse Adressen

Heirat 20.1.1948 mit Marcus Dwinger*16.3.1923 in Leeuwarden; ✡ 30.5.2003 in ASD

Kinder

Raymond Charly Dwinger *1951 in Amsterdam; oo Hetty

Mady Dwinger *1958 in Amsterdam; oo Bennie

Enkel fünf

Weiterer Lebensweg

17.11.1924 Heirat der Eltern in Tel Aviv

1924/25 Zuzug der Familie Karmel nach Bottrop

1926 Einreise von Akiva, Gitel und Berta Karmel auf der SS KARNOLIA in Jaffa

1933 Abmeldung der Familie aus Bottrop

28.8.1933 Samuel und Auguste Karmell von Bottrop angemeldet in Amsterdam

30.6.1934 Samuel und Auguste abgemeldet aus Amsterdam nach Rio de Janeiro

1934 Auguste Karmell mit ihrer Tochter abgemeldet „nach Südamerika“

4.2.1935 Samuel und Auguste aus Berlin wieder gemeldet in Amsterdam; vermutlich hatten sie zuvor in Berlin die Tochter Berta ins Auerbach’sche Waisenhaus gebracht

6.11.1936 Geburt von Schwester Renate in Amsterdam

9.12.1936 Bertha Karmell aus Berlin zu den Eltern nach Amsterdam

1.3.1943 Vater Jakob angestellt beim Joodse Raad Amsterdam „ allgemene dienst“

Juli 1942 Erste Aufrufe in Amsterdam zu den Transporten „nach Osten“; dritte große Razzia in Amsterdam

Marcus Dwinger

1942 Marcus Dwinger täuscht sein Ertrinken vor und geht mit gefälschten Papieren nach Frankreich; Notiz der Meldekartei: „VOW vertrokken onbekend waarhen“; er wird beim Grenzübertritt in die unbestzte Zone in Frankreich festgenommen und mit 8 Franzosen auf einen Transport nach Deutschland geschickt. Max Dwinger berichtet:

„Wir haben den Deutschen, der uns begleitete, getötet und aus dem Zug geworfen.“

Max reist nach Paris und trifft am Gare du Nord einige Landsleute, die in die Hafenstadt Lorient fahren. Letztlich gelingt ihm die Flucht über die Pyrenäen und die Ausreise nach England. Er macht eine Piloten-Ausbildung bei der RAF.

Onderduiker

Mai 1943 Berta mit den Eltern und Schwester Renate Karmell vermutlich als „onderduiker“ im Versteck verhaftet und in das Sammellager „Hollandsche Schouwburg“ gebracht;

13.5.1943 als Strafgefangene eingewiesen in das KL VUGHT

Außenlager Moerdijk

21.5.1943 Verlegung von Jakob Karmell nach Moerdijk, ein Außenlager des KL Vught beim Hafen von Rotterdam in alten Lagerhallen; es bestand vom 27.3.1943-Ende Februar 1944;

Kindertransport Vught – Westerbork – Sobibor

6. und 7.6.1943 fast 1.300 jüdische Kinder aus dem KL Vim Alter von null bis sechzehn Jahren gehen mit den Eltern auf Transport. Drei Tage später werden sie fast alle im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen ermordet, insgesamt 3014 Menschen, ein oder beide Elternteil/e und die Kinder.

7.6.1943 Unter der Vorspiegelung eines Transportes in ein Kinderlager Verlegung von Guste und Renate Karmell in das Kamp Westerbork; wie bei strafgefangenen Onderduikern üblich, werden sie auf den nächsten, jeweils dienstags abgehenden Transport gestellt.

8.6.1943 Mutter Guste mit Schwester Renate auf dem Transport von Westerbork nach Sobibor

Wiedersehen mit dem Vater

Oktober 1943 Rückverlegung von Jakob Karmell aus Moerdijk ins KL Vught

Bericht von Betty Dwinger:

„Ein paar Wochen später trottet eine Gruppe erschöpfter Gefangener durch das Lager, unter ihnen Bettys Vater . „Papa, Papa!“ Der Mann springt aus der Reihe und rennt zu seiner Tochter. „Wir umarmen uns. Ich sage ihm, dass ich etwas für ihn gemacht habe. Schau mal, Papa, ein Taschentuch mit einem Spruch drauf.“ Samuel ist gerührt, als er die Worte liest, und setzt sich dann das Taschentuch wie eine Kippa auf den Kopf. Er breitet die Hände aus, legt sie auf Bettys Kopf und spricht den Segen, so wie jüdische Eltern ihre Kinder nach alter Tradition segnen. „Möge Gott dich behüten und beschützen.“

Auschwitz

Laut Westerbork 15.11.1943 Vater Samuel Karmel auf dem Transport von 1149 Juden von KL VUGHT nach Auschwitz

Laut Bundesarchiv 5.11.1943 Vater Samuel Karmel auf dem Transport von 4237 Juden aus dem Zwangsarbeiterlager Szebnie bei Jaslo; an der Rampe in Birkenau werden 396 Frauen und 952 Männer zur Zwangsarbeit selektiert, 2889 werden in die Gaskammern geschickt;

der Vater bekommt die Häftlingsnummer 161345 in den linken Unterarm tätowiert.

31.5.1944 Tod des Vaters Jakob Karmell in Auschwitz

Philips Kommando

Juni 1943 Berta Karmel in die Firmenwerkstatt der Firma Philips innerhalb des Konzentrationslagers Herzogenbusch (Vught)

KL Vught – PHILIPS Deportation – Auschwitz – Ravensbrück -Schweden

Juni 1944 Schließung des KL Vught

3.6.1944 Berta Karmel mit 496 Philips-Gefangenen (391 Frauen, 90 Männer, 15 Kinder) bei der „PHILIPS Deportation“ auf der Transportliste vom KL Vught nach Auschwitz

Betty Dwinger berichtet:

„Wir wurden nach Auschwitz gebracht. Wir waren 60 Leute in einem Holzwaggon. Ein Eimer für alles. Eine dreitägige Fahrt. Eine Katastrophe, es gab nichts zu trinken, absolut nichts. Man konnte sich nicht bewegen, man war dicht gedrängt. Wir hatten Angst. Dann öffneten sich die Türen, und da standen SS-Männer. Ich dachte: Das ist das Ende. Wir wurden mit Knüppeln hinausgetrieben, und plötzlich sah ich meinen Vater kommen und rief: Papa! Papa! Sofort bekam ich eine Ohrfeige von einem Deutschen. Papa war natürlich nicht da, aber ich hoffte es so sehr. Ich wünschte es mir so sehr.“

In Auschwitz bekommt sie die Häftlingsnummer 78589 in den linken Unterarm tätowiert.

Lilly Klafter aus Amsterdam berichtet:

„They told us that we were being sent East, to work.  They put us on passenger trains in good condition.  We didn’t know where we were going.  Two days later we reached the camp [Auschwitz-Birkenau]… They got us off the trains with screams and deadly blows.  They stood us in a line… they brought us to the „sauna“.  We smelled something dreadful, and asked the veteran inmates what the strange smell was.  „That’s scorched human flesh.“  We didn’t believe our ears.  What did that mean? „Yes, here, human beings are burned.“  When they brought us to the „sauna“, we saw chimneys belching out thick smoke…“

Die weiteren Stationen der Philips-Arbeiterinnen 

nach Angaben von Betty Dwinger

18.6.1944 Gruppe der „Philips-Facharbeiterinnen“ verlegt nach Reichenbach in die Telefunken-Fabrik

20.1.1945 Sportschule

22.2.1945 Trautenau

1.3.1945 Porta Westfalica

20./21.4.1945 in das am erst 7. April geräumte Neuengamme-Außenlager Hamburg Eidelstedt werden erneut mehrere hundert Frauen eingewiesen. Anfang Mai kamen weitere Häftlinge aus den Hamburger Frauen-Außenlagern Langenhorn/Ochsenzoll und Wandsbek hinzu.

1.5.1945 Berta Karmel mit hunderten Frauen auf einem Schwedischen Rote-Kreuz-Rettungstransport

2.5.1945 Ankunft in Padborg, Dänemark

Das Padborg Tagebuch

2. Mai 1945

Um 15:00 Uhr trifft plötzlich die Nachricht ein, dass ein Zug mit etwa 3.000 Frauen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück im Bahnhof von Padborg eingetroffen ist. Das Lager wird für ihre Aufnahme vorbereitet. Sie werden am Bahnhof vom D.K.B. (Sønderborg) mit einer Mahlzeit versorgt. Während sie auf das Essen warten, wird Knäckebrot an sie verteilt. Sie haben seit mehreren Tagen nichts gegessen und sind so hungrig, dass es für die Krankenschwestern und das C.B.U.-Personal kaum möglich ist, das Knäckebrot unter ihnen zu verteilen.“

Malmö

4.5.1945 325 Frauen erreichen Schweden, Registrierung in Malmö

Unterbringung im Schulgebäude der Linnéskolan von Malmö

13.6.1945 Robertshöjd

5.5.1945 die 158. Brigade der Royal Army erreicht das Frauen-Außenlager Eidelstädt des KL Neuengamme; 11 Frauen und 10 Kinder werden in Eidelstädt befreit

Aus dem Kriegstagebuch der des Hauptquartiers 158. Brigade der Royal Army:

480 Frauen – sehr schlimme Zustände, wenig oder keine Lebensmittel, Durchfall, Krankheiten / Deutsche Kriegsgefangene zu Aufräumarbeiten herangezogen. Brot ist knapp. 319 Deutsche, 3 Russinnen, 2 Polinnen, 1 Belgierin, 1 Niederländerin, 4 Italienerinnen, 99 Jugoslawinnen, 18 Tschechinnen, 5 Ungarinnen“

Nachkriegszeit

Befreite Frauen des Philips-Kommando

Betty Karmel acht Monate in einem schwedischen Krankenhaus zur Behandlung einer Tuberkulose

25.6.1945 Marcus Dwinger wieder in Amsterdam gemeldet

7.11.1946 Berta Karmel wieder in Amsterdam gemeldet

20.1.1948 Heirat mit Marcus Dwinger in Amsterdam

3.7.1963 Umzug in Amsterdam von der Biesboschstraat 26 zu Bolestein 35

Erinnern

Betty Dwinger erzählt ihre Geschichte in dem Buch De Joodse bruiloft: een koffer vol oorlogsgeheimen. Das Buch handelt von allen Hochzeitsgästen der Heirat der Schwägerin Mimi Dwinger mit Barend Boers
 

Quellen

https://victims.auschwitz.org/victims/111944

http://dirkdeklein.net/2025/06/02/frits-philips-the-philips-kommando/

https://collecties.kampwesterbork.nl/persoon/https%3A%2F%2Fkampwesterbork.nl%2Fdata%2Fperson%2F10845281

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de893875

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de893873

https://www.oorlogsbronnen.nl/tijdlijn/c46a378c-4499-4f44-bf76-0387d7bf0d03

https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Karmel%22%7D

https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Guste%20Horn%201900%22%7D

Auke Zeldenrust, De Joodse bruiloft: een koffer vol oorlogsgeheimen (Amsterdam 2018) 194-201

https://www.mappingthelives.org

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Peter W. Lande,  Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History

https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

“My