Michel Ernst

Ernst Wolfgang Michel

*1.7.1923 in Mannheim; + 7.5.2016 in New York

Staatsangehörigkeit deutsch

Religion jüdisch

Vater Otto Michel *21.7.1879 in Bad Kreuznach; Zigarrenfabrikant; +August 1942 in Auschwitz

Heirat der Eltern 2.12.1921 in Bad Kreuznach

Mutter Frieda Wolff *1.11.1884 in Norden; +August 1942 in Auschwitz

Geschwister

Lotte Michel *7.11.1928 in Mannheim; oo Sami Gaston Rein

Beruf Journalist; Schriftsetzer; Manager; Funktionär United Jewish Appeal UJA

Adressen Mannheim, Richard-Wagner-Str. 26; Fürstenwalde; Paderborn

Heirat 13.8.1950 in New York Suzanne Stein (1930-1984); Scheidung 1979

Kinder

Lauren Michel *22.3.1953; oo Chaim Shachar

Karen Michel oo Brian Daniels

Joel Michel oo Terry

2. Ehe Sommer 1988 mit Amy Beth Goldberg *4.9.1951

Weiterer Lebensweg

1936 Ausschluss aus der Schul-Fußballmannschaft;

1936 von der Pestalozzi-Schule verwiesen

2.1. – 10.11.1938 Arbeit in der Kartonagenfabrik Kaufmann, Bruchsal

3.1.1939 wieder in Mannheim bei den Eltern gemeldet

10.11.1938 Novemberpogrom in Mannheim; die Wohnungstür wird eingeschlagen, die Wohnung verwüstet, der Vater Otto verhaftet

12.11.1938 Entlassung des Vaters aus der Gestapozentrale in Mannheim

April 1939 Schwester Lotte mit Hilfe einer französischen jüdischen Hilfsorganisation nach Frankreich, überlebt bei katholischen Nonnen; 1944 mit Jugend-Alijah-Transport nach Palästina

17.5.1939 in Mannheim mit den Eltern bei Minderheiten-Volkszählung

23.6.1939 Vertrag zwischen der RVJD und der Stadt Paderborn zur Errichtung des Umschulungs- und Einsatzlagers Paderborn, Grüner Weg 86; vom Hechaluz wird eine „Aufbaugruppe“ nach Paderborn geschickt

Ernst Michel berichtet:

Am 2. September 1939 stand ein SS-Mann vor unserer Tür. Er sah mich und fragte: „Ernst Michel?“ Ich nickte, und er fuhr fort: „Sechs Uhr morgen früh am Bahnhof.“ Ich wollte noch etwas fragen, aber er sagte nur: „Halt die Klappe.“ Es war der letzte Abend, an dem ich meine Eltern sah. Am nächsten Morgen fuhr ich in mein erstes Lager, nach Fürstenwalde, zur Kartoffelernte.

28.9.1939 aus Mannheim angemeldet im Lager Landwerk Ahrensdorf

2.8.-9.9.1940 nochmal kurzzeitig bei den Eltern, aus Rüdnitz kommend (Hachscharalager der Jüdischen Jugendhilfe Berlin bei Bernau, Eberswalde)

22. 10.1940 die Eltern mit 6500 Juden des Saarlandes, der Pfalz und Baden in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich transportiert in der „Bürckel-Wagner-Aktion“

5.7.1941 behördliche Anordnung zur reichsweiten Auflösung der Hachschara-Lager auch Ahrensdorf

8.1.1942 aus Ahrensdorf angemeldet im „Jü­di­schen Ar­beits­ein­satz­lager Paderborn“, mit einer Gruppe- u.a. auch seine Freundin Ruth Mischliburski – die nach Auflösung von Ahrensdorf noch abschließende Aufräumarbeiten erledigen musste.

4.7.1942 Eltern von Gurs nach Rivessaltes

24.8.1942 Mutter Frieda von Drancy nach Auschwitz deportiert

26.8.1942 Vater Otto von Drancy nach Auschwitz deportiert

November 1942 in Kraft tretendes Gesetz: „Alle im Reich gelegenen Konzentrationslager sind judenfrei zu machen und sämtliche Juden sind nach Auschwitz und Lublin zu deportieren.“

März 1943 Reichsweite „Fabrikaktion“, alle noch in Arbeitslagern und kriegswichtigen Betrieben beschäftigten „Volljuden“ werden verhaftet und in Konzentrationslager nach Auschwitz und ins „Generalgouvernement“ deportiert

27.2.1943 Befehl von Wilhelm Pützer (1893-1945), Leiter des Judenreferats der Gestapo-Außendienststelle Bielefeld, das „jüdische Arbeitseinsatzlager in Paderborn“ aufzulösen und deren Insassen und weitere Juden aus dem Sprengel bis zum 1. März, also zwei Tage später, nach Bielefeld zu bringen, wo sie „spätestens“ bis 13 Uhr im „Saal der Eintracht“ eintreffen mussten.

27.2.1943 die Pforte des Lagers Paderborn wird von Polizisten bewacht, um Fluchten zu verhindern

1.3.1943 Auflösung des Arbeitslagers Paderborn; mit der Bahn nach Bielefeld; mit Bussen ins Sammellager Saal im Haus der Gesellschaft „Eintracht“ am Klosterplatz

Erwin Angress berichtet:

„Die Jüdischen Lagerinsassen – insgesamt 99 – wurden in Extrawagen nach Bielefeld transportiert, die an den fahrplanmäßigen Zug ab Paderborn am 1.3.43 um 8.24 Uhr angehängt wurden. In Bielefeld gab es im Saal des Vereinslokals ,Eintracht” ein Sammellager für Juden aus dem ganzen Bezirk. Bereits in der darauffolgenden Nacht vom 1. auf den 2. März 1943 wurden alle Juden zum Bielelelder Güterbahnhof gebracht und in Waggons gepfercht. Mit diesem Zug rollten wir dann nach Auschwitz… Nur 9 Personen haben überlebt.“

2.3.1943 40 Stunden in zwei geschlossenen Güterwaggon, Transport Bielefeld über Hannover – Erfurt – Dresden nach Auschwitz mit allen 98 Chawerim aus dem Arbeitslager

Ernst Michel war mit Ruth Mischliburski im Waggon:

„Ich fand einen Platz neben Ruth, einem Mädchen, das ich kurz nach meiner Ankunft in Paderborn (?) kennengelernt hatte. Sie war das erste Mädchen, das mir wirklich gefiel. Sie war in meinem Alter, hatte meine Größe, war sehr intelligent und sehr hübsch. Sie kam aus Frankfurt, nicht weit entfernt von Mannheim. Ich mochte sie sofort und wir verbrachten viel Zeit
miteinander in Paderborn. Nun hielten wir in dem nasskalten Viehwaggon nacheinander Ausschau.
„Viel länger könne sie uns nicht hier drin behalten“, flüsterte sie mir zu.
„Noch ein Tag und keiner hat mehr Kraft. Dann sterben wir.“

Ernst Michel berichtet von der Selektion an der Rampe:

„Ich hatte keine Zeit die Situation zu erfassen, als Ruth mir zum letzten Mal ihre Hand entgegenstreckte. Wir konnten nicht sprechen. Ich versuchte, sie zu ergreifen, aber sie war schon weg. Es waren nun zwei Reihen, die sich langsam vorwärts bewegten. Männer auf einer Seite, Frauen auf der anderen“

Ruth Mischliburski wurde kurz nach der Ankunft im März 1943 durch Gas ermordet

„… Issy schlurfte neben mir. Er war in Paderborn einer der charismatischen und zuverlässigsten Leiter. Er war dynamisch, optimistisch und stets hilfsbereit. Er war stark wie ein Stier. Er hatte Lilo in Paderborn geheiratet einige Wochen vor unserer Deportation. Sie war bereits auf der anderen Seite. Tränen rannen sein Gesicht hinunter. Ich berührte ihn. Er nickte nur.“

Eingewiesen ins Lager zum Aufbau des IG-Farben Werkes Buna Monowitz, Häftlingsnummer 104995

Kalendarium von Auschwitz vom 3.3.1943

„Reichssicherheitshauptamt Transport, Juden aus Berlin. Nach der Selektion lieferte man 535 Männer als Häftlinge ins Lager ein, sie bekamen die Nr. 104 890 – 105 424; 145 Frauen bekamen die Nr. 36 9035 – 37 079. Die übrigen wurden vergast.“

Sommer 1943 Stefan Heymann, ein älterer Mithäftling besorgt ihm im Lagerlazarett (HKB) eine Arbeit als Schreiber.

Ab Sommer 1943 als Krankenpfleger im HKB Auschwitz tätig

18.1.1945 Todesmarsch über 80 km von Auschwitz nach Gleiwitz; Isidor Philipp berichtet:

„Wer sich hinlegte, wurde von den SS-Männern, die auf Motorrädern fuhren, erschossen.“

„Von dort begann dann – in offenen Kohlewaggons und bei 15 Grad unter Null – die Fahrt durch Polen, Tschechoslowakei und Österreich zurück nach Deutschland.“

26.1.1945 Ankunft im KL Buchenwald; Unterbringung im Juden-Kinderblock 22, Blockältester ist der spätere KPD-Spitzenfunktionär Emil Carlebach

2.2.1945 Kommando 57 (Steinträger im Steinbruch), eines der härtesten Buchenwald-Kommandos

13.3.1945 Kommando Schw, Schwalbe V, Codename für eine unterirdische Fabrikation von synthetischen Benzin in Berga a.d. Elster; Außenlager des KL Buchenwald

11.4.1945 Räumung des Außenlagers Berga; Todesmarsch nach Osten

18.4.1945 Flucht aus der Marschkolonne von 1500 Häftlingen mit seinen Freunden Hans Honzo Munk und Felix Schwartz, ebenfalls als Krankenpfleger im HKB Auschwitz eingesetzt. Drei Tage im Wald versteckt; bis zur Befreiung Arbeit auf Bauernhöfen wo sie gegen Arbeit auf verschiedenen Höfen aufgenommen wurden

21.6.1945 angemeldetin Mannheim, Feuerbachstraße 44

September 1945 der spätere Bundespräsident, Dr. Theodor Heuss stellt ihn als Redektuer der Rhein-Neckar-Zeitung in Heidelberg ein

Auf Vermittlung von Dr. Theodor Heuss wird erKorrespondent für die Deutsche Allgemeine Nachrichtenagentur (DANA, Vorläuferagentur der DPA) beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess November 1945 bis April 1946;

Ernst Michel wird vor Prozessende von Hermann Göring in seine Zelle gerufen.

„Aber dann kam auf einmal Görings Anwalt in einer Verhandlungspause zu mir und erzählte, Göring wolle diesen Auschwitz-Häftling Ernst Michel, der da immer in den Zeitungen berichte, persönlich kennenlernen.“ … „Wir gingen also zu Görings Zelle, die Tür wurde geöffnet. Göring lächelte, kam auf mich zu und wollte mir die Hand geben. In dem Moment erstarrte ich, ich konnte mich nicht bewegen. Ich sah nur die Hand, das Gesicht, wieder die Hand – und drehte mich weg. Ich konnte nicht, ich konnte mit diesem Mann nicht reden, kein Wort.“

15.8.1946 abgemeldet aus Mannheim in die USA

5.7.-15.7.1946 auf dem US-Marinetransporter USS MARINE FLASHER von Bremen nach New York

13.8.1950 in New York Suzanne Stein (1930-1984)

Leitende Funktionen für den United Jewish Appeal UJA, über 20 Jahre Vorsitzender

24. 3.1960 Einladung ins Weiße Haus von Präsident Dwight Eisenhower

Juni 1981 Organisator des Welttreffens der 6000 Überlebenden in Jerusalem, zusammen mit Ernst Piese Zimche unter Teilnahme von Menachem Begin, Israels Ministerpräsident

1.7.1983 Erster Besuch in Auschwitz

Mai 1989 Verabschiedung als Präsident der UJA

19.-28.5.1989 Teilnehmer des von der Stadt Paderborn ausgerichteten Treffens der überlebenden Chawerim

26.2.2007 Besuch in Mannheim

7.5.2016 Tod in New York

Gedenken

4.1.1999 Pages of Testimony von Ernst Michel für seine Eltern

Stolpersteine für seine Eltern Mannheim, Richard-Wagner-Str. 26

Quellen

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

Ernest W. Michel, „Promises Kept – Ein Lebensweg gegen alle Wahrscheinlichkeiten“, 2013

Passenger and Crew Lists of Vessels Arriving at New York, New York, 1897-1957 (National Archives Microfilm Publication T715, roll 7140); Records of the Immigration and Naturalization Service, Record Group 85

Susanne Reber, Biografie Ernst Michel, 2015

https://stolpersteine-guide.de/map/biografie/1292/familie-michel

https://collections.arolsen-archives.org/en/search/person/6625481?s=%20Michel%201923%20Buchenwald&t=1723966&p=0

https://www.spiegel.de/panorama/ernest-w-michel-warum-habt-ihr-mir-das-angetan-a-434136.html

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de930928

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de931007

Margit Naarmann, Ein Auge gen Zion, Paderborn, 2000; ISBN3-89498-087-7

Kurt Salinger, Nächstes Jahr im Kibbutz, Paderborn 1998

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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