Schorr Alfred

Alfred Abraham Schorr

*2.7.1920 in Wien; ✡ 14.9.1941 in Mauthausen

Geburtsurkunde des Jüd. Matrikelamtes Wien; Courtesy by Evelyne Heely

Staatsangehörigkeit Österreich

Religion jüdisch

Vater Leiser Schorr *12.10.1886 in Warez, Galizien; ✡?

Mutter Malka Seiler *10.9.1880 in Jaworow; ✡?

Geschwister

Esther Schorr *8.4.1908 in Jaworow; ✡ April 1997 in Leeds

Heinrich Schorr, Dr. med *20.3.1911 in Jaworow; ✡ 1976 in Sutton Coldfield

Elka Schorr *22.10.1912 in Jaworow; ✡ 

Beruf Lehrling, Lederbörsenhandwerk; Landwirtschaftlicher Volontär

Adressen Wien, Untere Augartenstraße 26; Werkdorp Wieringen Nieuwesluizerweg 42, Slootdorp (Wieringen); Amsterdam,

Heirat ledig

Kinder

Weiterer Lebensweg

„Anschluss“ Österreichs 1938

Nach dem völkerrechtswidrigen Einmarsch der Wehrmacht erfolgte am 13. März 1938 der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich.

16.5.1938 Antrag von Vater Leiser Schorr auf Unterstützung zur Emigration bei der Israelitischen Kultusgemeinde Wien

Alfred Schorr bereits zur Hachschara in Augsburg.

Hachschara in Augsburg

Vor Mai 1938 Alfred Schorr zur Hachschara als Gärtnerpraktikant nach Augsburg, Beth Chaluz in der Armenhausgasse B 121 a  (21), Träger war der Hechaluz; das Beth Chaluz befand sich bis 1937 in der Bernheimer-Villa in der Friedberger Straße 9; von Augsburg gingen viele Jugendliche auf das Hachschara Gut Bannacker in Augsburg-Bergheim, der Hechaluz unterhielt hier in Haus 3 eine landwirtschaftliche Ausbildungsstätte.

Bewerbung an der BEZALEL

Selbstportät; Courtesy by Evelyne Heely

1938 bewirbt sich Alfred Schorr in fließendem Hebräisch als Student an der renommierten Kunstschule Bezalel in Jerusalem. Er schreibt u.a:

„Sehr geehrte Herren!

Hiermit bewerbe ich mich an der „Bezalel“ um eine Zulassung als regulärer Student. Ich bin achtzehn Jahre alt…. Ich mache eine Lehre zum Ledergeldbörsenmacher, ein besonderes und spezielles Handwerk in Wien. … Aufgrund der vorherrschenden Situation konnte ich meine Ausbildung nicht abschließen. …  Ich arbeite ernsthaft und fortlaufend an Zeichnungen, eine Kunst, der ich leidenschaftlich fröne. … Ich habe die starke Hoffnung, dass mein Brief ihr Interesse weckt und dass Sie Ihren Teil beitragen, mir die Möglichkeit zu verschaffen, nach Bezalel zu kommen. Ich hoffe auf Ihre Antwort mit hoher Erwartung und Dankbarkeit!“

Empfehlungsschreiben

Wenige Tage nach der Kristallnacht erreicht ihn die abschlägige Antwort.

Novemberpogrom

10.11.1938 33 Chaluzim verhaftet in Augsburg im Novemberpogrom, Alfred Schorr mit den 28 über 18- Jährigen Chaluzim aus dem Wohnheim für jüdische Auszubildende in der Armenhausgasse,

„Schutzhaft“ in Dachau; Häftlingsnummer 21210

8.12.1938 Entlassung der Gruppe aus dem KL Dachau mit der Auflage, Deutschland zu verlassen

Februar 1939 Flucht in die Niedelande

25.2.1939 Alfred Schorr zur Hachschara ins Joodse Werkdorp Wieringermeer

Werkdorp Nieuwe Sluis

Träger des „Jüdisches Werkdorf Nieuwe Sluis“ ist die „Stichting Joodse Arbeid“ (Stiftung Jüdische Arbeit); hier werden jüdische Jugendliche zu Landarbeitern umgeschult (Hachschara) als Vorbereitung auf die Ansiedlung in Palästina (Alija). Die Ausrichtung war neutral, nur etwa ein Drittel der Chawerim waren auch zionistische Chaluzim (zionistische Pioniere)

Im März 1934 kommt eine kleine Gruppe von Volontären als Aufbaugruppe in die verlassenen Baracken auf der Farm. Dreieinhalb Jahre lang dienten diese als Unterkunft für die Gruppe der Bauarbeiter. Ende 1934 stehen vier Baracken und eine Kantine dicht beieinander rund um das Haukes-Haus.

Oktober 1934 Aufnahme des regulären Ausbildungsbetriebs

Im Zentrum des Werkdorfs wird ein Gemeinschaftshaus errichtet, die Baracken werden in einem Halbkreis herumgebaut.

Auflösung des Werkdorp

20.3.1941 Auflösung des Werkdorp durch den SD der SS; 210 der 290 Lehrlinge werden nach Amsterdam verbracht und in Familien untergebracht; Gerd Vollmann berichtet darüber:

„Am 20. März kamen morgens blaue Busse von der Amsterdamer Gemeindebahn am Rande des Polders. … Die ca. 300 Werkdörfler wurden inspiziert durch Lages in Uniform und Barbie in Zivil.

Willy Lages, SS-Sturmbannführer, Leiter des Sicherheitsdienstes in Amsterdam; Klaus Barbie, SS-Obersturmführer, Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam

Unser Betriebsleiter Kemmerlin sorgte dafür, dass ca. 60 Jungen und Mädels bleiben durften, um das Vieh usw. zu versorgen. Die anderen kriegten 10 Minuten die Gelegenheit, um etwas zu packen und dann wurden wir mit Bussen nach Amsterdam gebracht…“

Unterbringung der 210 Werkdorper zunächst in Asschers Diamantschleiferei im Amsterdamer „Pijp“

27.3.1941 Unterbringung der Werkdorper in Gastfamilien oder bei Verwandten;

11.6.1941 Offizielle Abmeldung der 210 Werkdorper aus der Gemeinde Wieringermeer

1.8.1941 endgültige Schließung des Werkdorpes

Alfred Schorr offiziell abgemeldet nach Amsterdam

Zweite große Razzia in Amsterdam

14.5.1941 Bombenexplosion im Marine-Offiziersclub Amsterdam auf der Bernard-Zweerskade ist Anlass für Verhaftungswelle

Juni 1941 Zweite große Razzia in Amsterdam; der SD geht bei dieser Razzia anders vor als bei der ersten Razzia im Februar 1941, bei der  Juden wahllos auf der Straße aufgegriffen und festgenommen wurden; bei der zweiten Razzia nutzen die Deutschen Adresslisten und gehen gezielt zu den Häusern von dem sie wissen, dass dort Juden leben.

11.6.1941 SS-Obersturmführer Klaus Barbie von der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam“ erschleicht sich durch Täuschung die Adresslisten der „Werkdorper“

11.6.1941 „Vergeltungsmaßnahme“ 300 vorwiegend Jugendliche, davon 61 „Werkdorper“ im Durchgangslager Schoorl inhaftiert; von ihnen werden vier, die keine vier jüdischen Großeltern haben, freigelassen.

Von Dezember 1940 bis August 1941 war SS-Untersturmführer Hans Stöver Kommandant des Camp Schoorl

Der Werkdorper Bernard Natt,, ein Cousin von Lotte Brück, beschreibt die Razzia des 11. Juni 1941:

„Am Mittwochabend, dem 11. Juni 1941, besuchte ich mit Lotti in der Stadsschouwburg eine Aufführung von Griegs Oper „Per Gynt“. Es war eine schöne, angenehme Aufführung. Es war auch das letzte Mal, dass ich mit Lotti ausgegangen bin. Auf dem Heimweg trafen wir einige Freunde vom Werkdorp. Sie waren sehr aufgebracht und teilten uns mit, dass unsere Mitbewohner des Werkdorps noch am selben Abend von der Gestapo festgenommen worden seien.

22.6.1941 Deportation der 296 in Schoorl Inhaftierten in das KL Mauthausen; dort werden sie durch extrem harte Arbeit im Steinbruch und oftmals tödliche medizinische Experimente ermordet; keiner überlebt das Jahr 1941

14.9.1941 Tod von Alfred Schorr im KL Mauthausen

England

Vor Mai 1938 Schwester Elka mit domestic permit nach England

28.12.38 Schwester Ester Schor nach Bedford, England als „Nurse“

1939 Emigration von Heinrich Schorr nach England

Bruder Heinrich geht als Farmhand auf die Hachschara Farm, Manor Farm, Tingrith, Ampthill, Bedfordshire

Kriegseintritt Großbritannien

1.9.1939 Überfall der Wehrmacht auf Polen

3.9.1939 Großbritannien und Frankreich erklären Deutschland den Krieg

Britischer Census

29.9.1939 Heinrich Schorr /Henry Shore auf der Manor Farm

29.9.1929 Elka Schorr als Nursemaid in The Rectory, Ludlow, Shropshire

29.9.1939 Ester Schorr als Hausmädchen bei Familie Singer in 11, Linden Road, Bedford, Bedfordshire

Winston Churchill: „Collar the lot“

10.5.1940 Winston Churchill Premierminister als Nachfolger von Neville Chamberlain; Anordnung Churchills, zur Internierung und Verschiffung außer Landes der etwa 70000 Deutschen und Österreicher in Großbritannien; 60000 von ihnen waren Flüchtlinge.

11.6. -1.8.1940 10000 Männer und 4000 Frauen als „enemy aliens“ interniert in neun Camps auf der Isle of Man

Juli 1940 Innerhalb von 16 Tagen wurden über 10000 Internierte auf fünf Schiffen illegal nach Übersee (Australien, Kanada) deportiert

SS DUNERA – 57 Tage auf See

10.7.-6.9.1940 Bruder Dr. Heinrich Schorr auf der SS DUNERA von Liverpool nach Sydney

Die 2500 Deportierten waren zuvor in den Lagern mit falschen Versprechungen zu einer „freiwilligen Meldung“ gedrängt worden. So wurden die auf der Isle of Man im Camp Ramsey Internierten aus dem Kitchener Camp getäuscht, dass sie wohl nach Kanada kämen und dort völlige Bewegungsfreiheit hätten.

Die SS DUNERA war ein zum Militärtransporter umgebautes früheres Kreuzfahrtschiff und für nur 1157 Soldaten zugelassen.

An Bord befanden sich auch die 451 Schiffbrüchigen des durch einen Torpedo des U-47 versenkten Internierten Schiff ARANDORA STAR (überwiegend kriegsgefangene Marine-Soldaten)

12.7.1940 Die SS DUNERA übersteht zwei Treffer durch aber nicht explodierende Torpedos der U-56.

24.7.1940 Hafen von Free Town in Sierra Leone

Die 450 Schiffbrüchigen der ARANDORA STAR werden in Melborne ausgeschifft und kommen in das Lager Tatura.

6.9.1940 Ankunft der SS DUNERA in Sydney; Internierung der 2000 Juden und Nazi-Gegner in zwei Lagern bei Hay in New South Wales

Australien-Rückkehr

28.11.1941 Rückkehr von Bruder Dr. Heinrich Schorr auf der SS STIRLING CASTLE von Sydney über Auckland nach Liverpool

Massaker in Maly Trostinec

27.5.1942 beide Eltern Schorr auf dem Transport Zug Da 204 von Wien nach Maly Trostinec

1.6.1942 Massenerschießung des gesamten Transports im Wald von Blagowschtschina

Gedenken

Quellen

Henny E. Dominicus, Mauthausen, een gedenkboek, Amsterdam 1999

https://acrobat.adobe.com/id/urn:aaid:sc:EU:3788160f-e50b-425a-b9a8-a092142001f1

ww.joodsmonument.nl/en/page/226324/alfred-schorr

https://www.mappingthelives.org

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130371547

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/10748388

https://yvng.yadvashem.org/ad

Niederlande, Bevölkerungsregister, 1810-1936; Bron: boek, Deel: 146, Periode: 1912-1938

www.werkdorpwieringermeer.nl/

https://www.oorlogsbronnen.nl/mensen?personterm=Ontruiming%20Joods%20Werkdorp%20Wieringermeer

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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