Jacobs Jethro

Jethro Jacobs

Jethro Jacobs; Foto: Fredel Fruhman

*10.2.1939 in Recklinghausen; ✡ 4. April 2025 in Israel

Vater Erich Jacobs *19.12.1906 in Nuttlar, Meschede; ✡ 6.3.1973 Trenton, New Jersey, USA

Mutter Jettchen Hetti Neumann * 18.10.1909 in Kassel; ✡ 13.8.2007 in New York

Schwester  Fredel Jacobs *1948 oo David Fruhman *1949; drei Kinder

Adressen Recklinghausen, Kellerstraße 21

Weitere Lebensdaten

St.Vinzenz-Haus Börster Weg, hier befand sich auch das Kinderkrankenhaus

1939 nach Geburt Mutter Hetti wegen Mastitis (Brustentzündung) ins Krankenhaus, Jethro ins St. Vinzenz-Kinderkrankenhaus der Caritas in Recklinghausen Börster Weg 11

Erich Jacobs schreibt über die erfahrene Unterstützung durch Marta Speck:

„Unser Baby wurde krank. Meine Frau hatte nicht genügend Muttermilch. […] Ich erinnere mich nicht, wer unser Arzt war. Er kam, sah Jethro – wie schwach er war –, ordnete seine Überweisung in das Kinder-Krankenhaus an und meine Frau musste auch ins Krankenhaus. Das  Kinder-Krankenhaus ließ uns wissen, dass unser Baby Muttermilch braucht! Woher sollten wir Muttermilch nehmen? Es gab keine jüdische Pflegemutter mehr in Recklinghausen oder in der näheren Umgebung. Nichtjüdische Frauen würden es nicht wagen, ihre Milch für ein jüdisches Kind zu geben. Doch Gott hat uns nie verlassen. Er half uns auch in dieser Situation! Es lebte im gleichen Haus eine jüdische Frau, verheiratet mit einem Goj [Nichtjuden], eine Frau Speck (ein sehr passender Name für „Speck“ = Deutsch für „Bacon“). Obwohl sie einen Goj geheiratet hatte, fühlte sie sich immer noch „jüdisch“. Sie selbst hatte keine Kinder, aber sie liebte Kinder. Als sie hörte, dass wir Muttermilch für unser Baby brauchten, war sie bereit, eine „Gojish“ nach Muttermilch zu fragen. So bekam das Kinder-Krankenhaus Muttermilch für unseren Jethro. In diesem Krankenhaus gab es viele Kinder, die Muttermilch benötigten. Wir hörten, dass es eine Krankenschwester gab, die eine Nazi-Enthusiastin war. Anstatt die für unser Kind abgegebene Milch dem jüdischen Baby zu geben, gab sie es „deutschen“ Kindern. Und sie wäre froh gewesen, wenn das jüdische Kind gestorben wäre. Schon bald bekam ich den Hinweis, unser Kind doch nach Hause zu holen, denn im Krankenhaus würde es sicherlich bald sterben. Und wir nahmen Jethro mit nach Hause! Und das war das Beste: Jethro bekam jetzt zu Hause seine Muttermilch und nahm an Gewicht zu. Mama, die inzwischen aus dem Krankenhaus gekommen war, sorgte gut für unser fast verlorenes Kind….

© Stadtarchiv Recklinghausen

17.5.1939 Jethro Jacobs (JJJJ) mit 9 weiteren nichtjüdischen Säuglingen (NNNN) gemeldet bei Minderheitenzählung im St.Vinzenz-Kinderkrankenhaus Börster Weg 11; das Haus gehörte den Schwestern des Ordens von der Göttlichen Vorsehung.

Das Bombeninferno im Nordviertel 1945

Das Kinderkrankenhaus in Recklinghausen wurde durch den schweren Bombenangriff auf das Nordviertel zerstört; am 23. März 1945 gingen 500 Tonnen Bomben über dem Hauptbahnhof und dem Nordviertel nieder.

April 1945 Pfarrer Josef Zumhülsen (St. Elisabeth) schreibt in der Pfarrchronik:

„Nach der dritten [Angriffs-] Welle wagte ich einen Blick nach draußen: Richtung Bahnhof. Da schaute man in das grausige Schauspiel. Das ganze Nordviertel zwischen Tellstraße und Wickingstraße stand in Rauch und Flammen. […] Schon kamen die ersten Leute: schwarz im Gesicht, die Frauen mit wirren Haaren, kopflos flüchtend aus den brennenden Häusern. Auch das Waisenhaus und das Säuglingsheim brannten. […] Viel schlimmer kann es am Ende der Welt nicht sein! Ein großes lautes Wehklagen! Viele wurden in den Luftschutzkellern ihrer Häuser getroffen, viele verbrannten bis auf ein wenig Asche, sehr viele verloren mit einem Schlage ihr ganzes Hab und Gut und behielten nur das, was sie gerade am Leib trugen. […] Am Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag der Karwoche war ich jeden Morgen um 8 Uhr auf dem Friedhof, um meine Toten zu beerdigen, ebenfalls abends gegen 19 Uhr. Über Tag wagte man sich nicht heraus wegen der Tiefflieger, die hier dauernd kreisten und die Arbeiten auf dem Bahnkörper behinderten.“

Die Ordensschwestern gründeten 1946 im Oliverhaus in Datteln das renommierte St.Vinzenz-Kinderkrankenhaus


7. 3. 1941 Erich Jacobs erhält Einreisevisum für Ecuador

8.9.1941 abgemeldet nach Ecuador

Familie Jacobs sind die letzten jüdischen Recklinghäuser, denen die Flucht gelang

8.9.1941 -13.9.1941 über Bremen, Berlin, Frankfurt, Paris, Irun, Barcelona

In Barcelona Foto Fredel Fruhman

4 Monate Warten in Barcelona

Dann weiter über Lissabon, Casablanca, Jamaika, nach Kuba

1946 Trenton USA

Auswanderung nach Israel, Kibbuz Alumim in Hanegev

1995 zu Gast in Recklinghausen auf Einladung der Stadt

7.10.2023 Kibbuz Alumim wird von der Hamas überfallen, Kibbuzim ermordet, aber Yitro besuchte zu den Feiertagen mit seiner Frau die gemeinsamen Kinder im Norden Israels.

Nachruf

Yitro Jacobs ist am 4. April 2025 in Israel verstorben. Er hatte seit längerem gesundheitliche Probleme und war durch den Hamas-Anschlag vom 7. Oktober 2023 auf seinen Kibbuz Alumim seelisch sehr belastet. Er selbst war gottlob abwesend, da er zusammen mit seiner Frau zu den Feiertagen die gemeinsamen Kinder im Norden Israels besuchte.

Sein Vater Erich Jacobs war Lehrer und auch – nach der Flucht von Rabbi Selig Auerbach aus Recklinghausen – geistiger Führer der schrumpfenden jüdischen Gemeinde.

Als Säugling war Yitro in den zwei Jahren bis zur Flucht der Familie über Barcelona, Lissabon, Casablanca, Jamaika, nach Kuba und 1946 in die USA der absolute Liebling der Gemeinde.

In allen Briefen aus Recklinghausen an seine Eltern erkundigen sich die Zurückgebliebenen nach dem Befinden des kleinen Jethro.

Er hinterlässt acht Kinder, dreißig Enkel und bereits auch einige Urenkel.

Quellen

https://www.recklinghausen.de/Inhalte/Startseite/Ruhrfestspiele_Kultur/Gedenkbuch/_Opferbuch_selfdb.asp?form=detail&db=545&id=298

http://www.erich-jacobs.de/

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

https://www.mappingthelives.org

Sylvia Seimetz, Dr. Julius Weinrich – Unermüdlich im Einsatz: der vergessene Mitbegründer der Kinderklinik; Recklinghäuser Zeitung, 24.6.2021

https://www.recklinghausen.de/inhalte/startseite/ruhrfestspiele_kultur/gedenkbuch/staetten_der_herrschaft/_3.07_terror_produziert_terror_der_bombenkrieg.asp

Wunder geschehen doch noch / Geschichte und Schicksal der jüdischen Familie Jacobs – Erich Jacobs,
Hrsg. von Siegfried Homann, Karl-Heinz Martini, Franz-Josef Wiemer. Aus dem englischen Originalmanuskript übersetzt von Andreas Wiemer (Deutsche Ausgabe; ISBN 3-938481-00-5)

Heinz Reuter, Die Juden im Vest Recklinghausen, Vestische Zeitschrift Bd. 77/78, 1978/1979

Werner Schneider, Jüdische Heimat im Vest Gedenkbuch 1983

Werner Schneider, Jüdische Einwohner Recklinghausens 1816-1945, in: 750 Jahre Stadt Recklinghausen. 1236-1986, hrsg. von Werner Burghardt, Recklinghausen 1986

Georg Möllers / Jürgen Pohl: Abgemeldet nach „unbekannt“ 1942, Die Deportation der Juden aus dem Vest Recklinghausen nach Riga, hrsg. von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Recklinghausen, Klartext Verlag, Essen 2013

Alle Fotos Fredel Fruhman

https://eservice2.gkd-re.de/selfdbinter320/DokumentServlet?dokumentenname=545-298fieldBiographie.pdf

www.dorsten-unterm-hakenkreuz.de (Auszug aus Erich Jacobs Memoiren)

U.S. Behördendaten Verzeichnis

U.S. Sterbe-Verzeichnis der Sozialversicherung (SSDI)

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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