Dasberg Rafael

Raphael Dasberg

*4.6.1936 in Groningen; ✡ 22.4.1945 auf der Strecke Finsterwalde-Tröbitz

Staatsangehörigkeit Niederlande

Religion jüdisch

Vater Simon Dasberg *13.11.1902 in Dordrecht; ✡ 24.2.1945 Bergen Belsen

Mutter Bella Frank *20.4.1906 Altona; ✡22.2.1945 Bergen Belsen

Onkel Eli Dasberg *6.9.1904 in Dordrecht; ✡ 30.8.1989 in Herzlia

Geschwister

Fanny Dasberg *8.2.1931 in Leeuwarden; ✡8.12.2018 in Israel; oo Rafael Stahl (1924 Saarbrücken-2014)

Dina Dasberg *15.7.1932 in Groningen; ✡25.3.1922 in Israel

Samuel Dasberg *28.3.1934 in Groningen; ✡?

Beruf Schüler

Adressen Groningen

Heirat  –

Kinder

Weiterer Lebensweg

Sein Großvater war Rabbiner Samuel Dasberg; nach Abschluss an der NIS übernimmt er von 1894 bis 1932 die Rabbiner-Stelle in Dordrecht

Sein Vater war Oberrabbiner Simon Dasberg, Zionist, Aktivist des Misrachi

1929 Oberrabbiner für Friesland

Die Eltern bei der Amteinführung in Groningen 1931

1931 Oberrabbiner von Groningen

6.12.1942 Simon Dasberg stellvertretender Oberrabbiner von Amsterdam

Kamp Westerbork

26.5.1943 Einweisung der Familie Simon Dasberg in das polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork; Unterbringung in der Baracke 60

11./12.1.1944 Familie Simon Dasberg auf dem zweiten Transport von 1037 Austauschjuden von Westerbork nach Bergen-Belsen

15.3.1944 Familie Eli Dasberg auf dem vierten Transport von Austauschjuden von Westerbork nach Bergen-Belsen

Sternlager Bergen-Belsen

Ab dem 14.9.1943 bis 19.5.1944 kamen etwa 3572 Häftlinge aus Westerbork in sieben Transporten direkt nach Bergen-Belsen, unter anderem Juden mit doppelten Staatsbürgerschaften, Diamantschleifer mit ihren Familien und diejenigen, die auf einer Einreiseliste für Palästina standen.

Die „Austauschjuden“ kommen in das Sternlager Bergen-Belsen, einem vom eigentlichen Konzentrationslager abgetrennten Bereich; sie dürfen weiterhin ihre Zivilkleidung mit dem „Stern“ tragen.

22.2.1945 Mutter Bella stirbt im Sternlager von Bergen Belsen

24.2.1945 Vater Simon stirbt im Sternlager von Bergen Belsen

Der Verlorene Zug

Nach dem Tod von Vater Simon am 24.2.1945 und Mutter Bella Frank am 22.2.1945 im Sternlager von Bergen Belsen, kümmert sich das Ehepaar Osias und Hene Birnbaum um die vier Dasberg-Waisen und nimmt sie mit auf den dritten, den verlorenen Zug.

10.4.1945 Evakuierung der Austauschjuden von Bergen-Belsen mit dem Ziel Theresienstadt

10.4.1945 Judenältester Josef Weiss bringt die Familie Birnbaum und 55 Kinder in den 3 einzigen Personenwagen unter; während des Transports kümmert sich die Familie Birnbaum um 55 Kinder, auch die elternlosen wie Isaac van der Horst und die Dasbergs. Zugeteilter Arzt für den Waggon ist Dr. Heijmann Elte (1888-1983)

22.4.1945 Tod von Rafael Dasberg während der Fahrt; Osias Birnbaum tauscht mit Dr. Nussbaum ein halbes Brot gegen ein sauberes weißes Laken, um ihn bei einem Halt auf der Strecke von Finsterwalde nach Tröbitz zu begraben

23.4.1945 Irrfahrt des verlorenen Zuges endet an der gesprengten Elsterbrücke; Ankunft Tröbitz

Befreiung durch die 1. Ukrainische Front der Roten Armee, General Tschukow

Über den dramatischen Tod von Rafael Dasberg gibt es folgende Berichte der Familie Birnbaum:

„Ein anderer kleiner Junge, der mit ihnen zusammen im Zugwaggon fuhr, war

Rafi, der Sohn von Rabbiner Dasberg. Schon zu Beginn der Fahrt erkannte das

Ehepaar Birnbaum, dass das an Fleckfieber erkrankte Kind in kritischem

Gesundheitszustand war. Trotzdem wollte das Ehepaar Birnbaum ihn keinesfalls

aufgeben. Sie kämpften um sein Leben und hofften von ganzem Herzen, dass ihn

seine Kräfte auf der anstrengenden Fahrt nicht verlassen und er wieder gesund

werden würde; doch während der Fahrt verschlechterte sich Rafis Zustand und

trotz Sonis Bitte wollte der Arzt, der mit ihnen im Zugwaggon war, nicht zu dem

sterbenden Rafi hingehen und ihm Hilfe leisten. Rafi starb in den Armen seiner

Schwestern. „Damals verstand ich nicht, weshalb der Arzt nicht einmal zu ihm

hingehen wollte“, sagt Soni, „aber heute weiß ich, dass der Arzt selbst völlig hilflos

war; er hatte keine ärztlichen Mittel, keine Medikamente, die er dem Kind geben

konnte; und selbst er, der Arzt, konnte dem Rafi nicht helfen“. Bei einer der

Fahrtunterbrechungen erlaubten ihnen die SS-Aufseher, das Kind zu begraben.

Joshua-Heschel konnte ein Leichentuch beschaffen (im Tausch gegen einen halben

Laib Brot von Mami) und sie beerdigten das Kind rasch neben dem Bahngleis, bevor

der Zug weiterfuhr. Zvi erinnert sich an diesen traurigen Vorfall und sagt, dass viele

Jahre später, im Jahre 1951, der Familienvater aus Israel einen Brief an eine

deutschsprachige jüdische Zeitung schrieb, worin er darum bat, ihm und den beiden

in Israel lebenden Schwestern und dem Bruder von Rafi Dasberg dabei zu helfen,

Rafis Grab ausfindig zu machen, doch es war vergebens.

Osias Joshua Heschel Birnbaum schreibt darüber:

„Das kranke Kind Dasberg litt an akuter Diarrhoe. Ganz still lag er auf der Sitzbank. Seine beiden großen Schwestern waren auch mit uns im Zugwaggon, aber unsere Soni, sie soll leben, die selbst schon sehr geschwächt war, pflegte das kranke Kind Tag und Nacht. Weder der Arzt noch die Krankenschwester, die mit uns im Zugwaggon waren, kümmerten sich um ihn. Wegen des schweren Durchfalls musste er häufig gesäubert werden – was Soni, sie soll leben, tat, ohne sich vor der Ansteckungsgefahr zu fürchten. Die angebliche „Krankenschwester“ überließ Sonidie Arbeit. Soni tat alles mit Empathie und Liebe. Ich wusste zwar, dass das Kind in kritischem Zustand war, aber die Tatsache, dass es nicht mehr am Leben war, traf mich überraschend. In dem Zugwaggonneben uns waren Holländer, die einmal zur oberen Gesellschaftsschicht gehörtenund im KZ-Lager aktiv tätig gewesen waren. Als der Zug unterwegs hielt, berichtete ich ihnen von dem Tod des Kindes; doch woher nimmt man ein weißes Laken, umdarin die Leiche einzuhüllen? Auf einer der Stationen unserer langen Fahrt konnte Mami vom Militär, das dort war, zwei Brotlaibe erhalten. Wir hörten, dass Dr. (Julius)Nussbaum, der sich in einem anderen Zugwaggon befand und früher einmal Arzt in Magdeburg war, ein solches Laken besaß, in das wir die Leiche des Kindes einhüllen konnten. – Wir hatten freundschaftliche Beziehungen zu ihm und seiner Familie. -Wir baten ihn, uns das Laken zu diesem Zweck zu geben. Er war einverstanden –unter der Bedingung, dass wir ihm einen Teil des Brotes gaben, das Mami von denSoldaten auf der Bahnstation bekommen hatte. Es blieb uns keine Wahl und wir gaben ihm, was er verlangte. Wir konnten ihm auch nicht zürnen, denn auch er war vor Hunger geschwollen. Nachdem wir das Laken erhalten hatten, stiegen ein paar Männer schnell aus dem Waggon, mit Spaten in den Händen, die sie sich vom Lokomotivpersonal geliehen hatten. Wir zeigten auf einen Baum und baten sie, dort zu graben, damit vielleicht in Zukunft die Begräbnisstätte gefunden werden könnte. Die Männer gruben schnell ein Loch neben dem Baum und dort begruben wir das Kind. An der Beerdigung nahm ein Minjan von zehn Männern teil, die das Kaddisch-Gebet für den Toten sagten. In letzter Minute können sie noch auf den Zug springen, der sich schon in Bewegung gesetzt hatte.“

Quellen

https://www.myheritage.de/research

https://collections.arolsen-archives.org/en/document/130277873

Auke Zeldenrust, Kibboets op de Klei, Boom, 2020

Morris Schnitzer, My three selves, a memoir, Lugus, Toronto, 2002

Hannelore Grünberg-Klein, Zolang er nog tranen zijn, Nijgh & Van Ditmar, 2015

Soni Birnbaum, Die Erinnerungen, wie Pappi sie geschrieben hat; 2010

Coos Wever, The lost train; Masterarbeit, Universität Haifa, 2020

https://collections.yadvashem.org/en/documents/3655767

https://www.gfh.org.il/eng/Archive

Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130277786

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130277763

https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Dasberg%22%7D&page=4

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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