
Ruth Schwarzschild
*6.9.1919 König, Odenwald; ✡ 19.11.1943 in Auschwitz
Staatsangehörigkeit deutsch
Religion jüdisch

Vater Moritz Mosche Schwarzschild *31.5.1880 in Schlüchtern; ✡25.11.1941 Kauen
Heirat der Eltern 18.4.1906 in König

Mutter Recha Herzfeld *14.6.1876 in König; ✡ 25.11.1941 Kauen
Geschwister
Leo Lazarus Schwarzschild *10.12.1908 in König; ✡14.2.1990 in Amsterdam

Werner Zeev Schwarzschild *17.11.1911 in König; ✡6.9.2000 Israel; oo 1935 Strauss
Rosa Schwarzschild *17.11.1911 in König
Cäcilie Zoe Schwarzschild *12.5.1914 in König; ✡1997 in Glasgow
Beruf Hauswirtschaft; Köchin; Näherin
Adressen König, Odenwald, Schloßplatz 12; München, Antonienstraße 7; Jessen, Ellguth; Wieringermeer
Heirat ledig
Kinder
Weiterer Lebensweg
5.2.1938 Bruder Leo von Dresden ins Joodse Werkdorp
IKG Kinderheim München
2.5.1935 Ruth Schwarzschild als Haushaltslehrling in das Kinderheim der „Israelitischen Jugendhilfe e. V.“, Antonienstraße 7 in München
2.6.1936 nach Frankfurt am Main zu den Eltern
17.5.1939 Beide Eltern Schwarzschild in Frankfurt bei der Minderheitenzählung
Jessen Mühle
Das Hachschara-Lehrgut Jessen Mühle bei Sorau in der Niederlausitz bestand in der Zeit von 1932 – 1943; Träger war die Jüdische Jugendhilfe. Hier wurden für jeweils etwa 30 Chawerim, jugendliche Pioniere des Hechaluz über einige Monate in verschiedenen handwerklichen Tätigkeiten, in Hauswirtschaft und in Landwirtschaft zur Vorbereitung auf die Alija ausgebildet (Erstausbildung und Mittlere Hachschara für 14-18 -Jährige)
1938 war Wolfgang Berger Leiter von Jessen Mühle
Polenaktion
28.10.1938 Bei der „Polenaktion“ wurden aus anderen Lagern polnischstämmige Chaluzim abgeschoben, nicht aber aus Jessen. So bleibt auch Berta Englard verschont. Brunhilde Hoffmann, später Dina Cohen kam im September 1938 nach Jessen, sie schreibt:
„In der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober 1938 wurden im Rahmen der „Polenausweisung“ auch in Jessen Jugendliche und Erwachsene mit polnischer Staatsangehörigkeit verhaftet. … Wir haben Glück gehabt, denn der Bürgermeister von Jessen war sehr anständig und wir sind unbehelligt geblieben.“
Novemberpogrom
10.11.1938 Überfall der Gestapo auf Gut Ellguth; alle erwachsenen Männer nach Buchenwald, so auch Hans Baum aus Herne
Die Gestapo-Nebenstelle in Forst verlangte die Schließung der beiden nur zwei Kilometer voneinander entfernten Lager in Schniebinchen und Jessen. Vom RSHA in Berlin wurde dem nicht stattgegeben, so dass der Betrieb bis zur Schließung 1941 weitergehen konnte.
6.11.1939 Verlegung der über 14 Jahre alten 23 Schüler aus dem Internat der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem unter der Leitung von Musiklehrer Klaus Glücksmann und Gertrud Weil als Madrichim zur Hachschara nach Jessen-Mühle.
1939 -1941 Hans Wolfgang Cohn als Nachfolger von Wolfgang Berger Leiter des Hachscharazentrums Jessen-Mühle bei Sommerfeld in der Niederlausitz zusammen mit Gertrud Weil als Madrichim die Leiter von Jessen
Walter Keschner/Ze’ev Keschet schreibt über die Madrichim Hans Cohn und Trude Weil:
„Jessen Mühle 1940, der große Schlafsaal der Jungen, über dem Generator. Die Tür im Fußboden des oberen Stockwerkes öffnet sich, und die beiden Madrichim Trude Weil und Hawo kommen herunter aus dem Mädchenstockwerk, um uns gute Nacht zu wünschen. Es war nicht einfach nur ein Gute-Nacht-Wunsch, sondern es wurden jedem Chawer ein paar aufbauende Worte gesagt, kleinen Beichten zugehört – über Anpassungsschwierigkeiten, das gemeinschaftliche Leben, Dinge zwischen einem Jungen und einem Mädchen oder einfach so kurze tröstende Gespräche.“
17.5.1939 Ruth Schwarzschild m Jüdischen Lehrgut Jessen-Mühle, Ellguth Klein Schnellendorf bei der Minderheitenzählung
23.10.1939 von Jessen nach Amsterdam

Werkdorp Nieuwe Sluis
5.2.1938 Bruder Leo von Dresden ins Joodse Werkdorp
9.4.1940 Ruth Schwarzschild von Amsterdam ins Werkdorp
Träger des „Jüdisches Werkdorf Nieuwe Sluis“ ist die „Stichting Joodse Arbeid“ (Stiftung Jüdische Arbeit); hier werden jüdische Jugendliche zu Landarbeitern umgeschult (Hachschara) als Vorbereitung auf die Ansiedlung in Palästina (Alija). Die Ausrichtung war neutral, nur etwa ein Drittel der Chawerim waren auch zionistische Chaluzim (zionistische Pioniere)
Im März 1934 kommt eine kleine Gruppe von Volontären als Aufbaugruppe in die verlassenen Baracken auf der Farm. Dreieinhalb Jahre lang dienten diese als Unterkunft für die Gruppe der Bauarbeiter. Ende 1934 stehen vier Baracken und eine Kantine dicht beieinander rund um das Haukes-Haus.
Oktober 1934 Aufnahme des regulären Ausbildungsbetriebs
Im Zentrum des Werkdorfs wird ein Gemeinschaftshaus errichtet, die Baracken werden in einem Halbkreis herumgebaut.
Auflösung des Werkdorp
20.3.1941 Auflösung des Werkdorp durch den SD der SS; 210 der 290 Lehrlinge werden nach Amsterdam verbracht und in Familien untergebracht; Gerd Vollmann berichtet darüber:
„Am 20. März kamen morgens blaue Busse von der Amsterdamer Gemeindebahn am Rande des Polders. … Die ca. 300 Werkdörfler wurden inspiziert durch Lages in Uniform und Barbie in Zivil.
Willy Lages, SS-Sturmbannführer, Leiter des Sicherheitsdienstes in Amsterdam; Klaus Barbie, SS-Obersturmführer, Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam
Unser Betriebsleiter Kemmerlin sorgte dafür, dass ca. 60 Jungen und Mädels bleiben durften, um das Vieh usw. zu versorgen. Die anderen kriegten 10 Minuten die Gelegenheit, um etwas zu packen und dann wurden wir mit Bussen nach Amsterdam gebracht…“
Unterbringung der 210 Werkdorper zunächst in Asschers Diamantschleiferei im Amsterdamer „Pijp“
27.3.1941 Unterbringung der Werkdorper in Gastfamilien oder bei Verwandten;
11.6.1941 Offizielle Abmeldung der 210 Werkdorper aus der Gemeinde Wieringermeer
1.8.1941 endgültige Schließung des Werkdorpes
26.5.1941 Ruth Schwarzschild abgemeldet nach Amsterda, zur Witwe Löwenthal, Scheldestraat 187-II
Zweite große Razzia in Amsterdam
14.5.1941 Bombenexplosion im Marine-Offiziersclub Amsterdam auf der Bernard-Zweerskade ist Anlass für Verhaftungswelle
Juni 1941 Zweite große Razzia in Amsterdam;
11.6.1941 „Vergeltungsmaßnahme“ 300 vorwiegend Jugendliche, davon 61 „Werkdorper“ im Durchgangslager Schoorl inhaftiert; von ihnen werden vier, die keine vier jüdischen Großeltern haben, freigelassen.
22.6.1941 Deportation der 296 in Schoorl Inhaftierten in das KL Mauthausen; dort werden sie durch extrem harte Arbeit im Steinbruch und oftmals tödliche medizinische Experimente ermordet; keiner überlebt das Jahr 1941
Massenerschießung in Kaunas
22.11.1941 Beide Eltern auf dem Transport von Frankfurt nach Kaunas; Einsperrung im Fort IX

25.11.1941 nach Ankunft der Juden aus Frankfurt/Main Massenerschießung zusammen mit den zuvor Eingetroffenen aus Berlin und München; vom Einsatzkommando 3 der Einsatzgruppe A des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD wurden insgesamt 2934 Menschen im Fort IX außerhalb der Stadt erschossen.

11.3.1942 als Näherin in der HAV -Abteilung des Joodse Raad, 74 Oude Schans in Amsterdam zur Betreuung bei anstehender Deportation; sie hat deswegen zunächst eine Sperre.

20.6.1943 Einweisung in das polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork
19.11.1943 Deportation von Ruth Schwarzschild von Westerbork nach Auschwitz
Flucht in die Schweiz – Rückkehr
10.9.1943 Ankunft von Leo Schwarzschild in der Schweiz; vermutlich zuvor in Laren untergetaucht
9.11.1945 Rückkehr von Leo nach Amsterdam
3.4.1946 Scheidung von Rita Hirschberg
18.6.1948 Apothekerexamen in Amsterdam
3.8.1949 Heirat von Bruder Leo mit Johanna Bottema aus Laren
Gedenken
2.2.1979 Pages of Testimony für Ruth und die Eltern von Bruder Werner Zeev
Quellen
https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Schwarzschild%22%7D
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130372517
https://www.mappingthelives.org
www.werkdorpwieringermeer.nl/en/ruth-schwartzschild/
https://gedenkbuch.muenchen.de/index.php?id=gedenkbuch_link&gid=11419
https://www.statistik-des-holocaust.de/OT411122-40.jpg
https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de
https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316
Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939
Staatsarchiv Israel, Einwanderungslisten
Harald Lordick, Landwerk Neuendorf in Brandenburg, in: Kalonymos, 2017, Heft 2
Naftali-Rosenthal-Ron, Aufblitzende Erinnerungen, Autobiografie; deutsche Übersetzung von Alice Meroz, Berlin 2015
Danuta Czech, Lagerbuch von Auschwitz