Kussel Netta

Netta Lehfeldt geb. Kussel

29.6.1922 in Aurich; ✡4.10.2008 in Helsingborg

Staatsangehörigkeit

Religion jüdisch

Vater Hugo Kussel *16.2.1894 in Gruiten; ✡ 1945 KL Dora

Mutter Marianne Wolff; ✡ vor 1944 in Minsk

Onkel Benno Benjamin Wolff *5.2.1883 in Aurich; ✡ November 1941

Tante Regina geb. Wolff *14.4.1890 in Aurich; ✡ November 1941

Regina und Marianne Wolff waren Schwestern.

Geschwister

Elfriede Kussel *18.2.1925 in Aurich; ✡vor 1944 in Minsk

Cousinen

Lina Wolff *7.8.1920 in Aurich; oo Haim Joachim Zucker (*1915)

Fanni Zipora Wolff *24.9.1921 in Aurich; ✡ 29.12.1954 in Kiriat Bialik

Selma Wolff *15.6.1923 in Aurich; ✡ 13.11.1987 in Beer Sheva

Beruf

Adressen Aurich, Wallstraße 10, Marktstraße 2 und 18; Mannheim; Oldenburg; Havelberg; Helsingborg, Schweden;  

Heirat Ernst Eugen Lehfeldt *25.4.1921 in Magdeburg; Zahntechniker; ✡5.12.1987 in Stockholm

Scheidung

Heirat ca 1952 mit Willy Beil *5.6.1921 in Schildberg; ✡3.7.2016

Kinder

Weiterer Lebensweg

1.12.1930 Von der Wallstraße 10 Umzug in die Marktstraße 2

24.6.1936 zur Tante Auguste nach Mannheim

15.1.1938 Umzug der Familie in die Marktstraße 18

Juni 1938 Rückkehr für 6 Wochen nach Aurich

Novemberpogrom

10.11.1938 Vater Hugo und Onkel Benno verhaftet

10.11.1938 Novemberpogrom in Aurich; die Verwüstungen und das Abbrennen der Auricher Synagoge wurden vom Führer des Auricher SA-Sturmbannes Eltze angeführt. Dieser war von der SA-Gruppe Nordsee vermutlich kurz vor Mitternacht informiert worden. Alle männlichen Juden verhaftet und in der in der Landwirtschaftlichen Halle „Bullenhalle“ eingesperrt und am folgenden Tag auf dem Ellernfeld schikaniert und gequält. SA-Sportwart Wilhelm Bock ließ die „Schutzhäftlinge“ „Bullenhalle“ in entwürdigender Weise „Sport“ treiben.

Frauen und Kinder werden tagsüber entlassen

Internierung der Auricher Juden im KL Sachsenhausen; Onkel Benno bekommt die Häftlingsnummer 10448, Vater Hugo Kussel die Nr.10188

17.12.1938 Entlassung von Vater Hugo und Onkel Benno aus dem KL Sachsenhausen

Abgemeldet nach Oldenburg; Netta Kussel geht zur Hachschara auf den Brüderhof in Harksheide

Der Brüderhof in Harksheide

Netta Kussel geht zur Hachschara auf den Brüderhof in Harksheide

Der Brüderhof in Harksheide beherbergte von 1934 bis 1939 einen Hachschara Kibbuz in Trägerschaft des Hechaluz. Die evangelische Einrichtung „Rauhes Haus“ hatte sie an den Bauern Leuschner verpachtet. Der große Hof bot Unterkunft für 35 Chaluzim.

Ab 1935 gab es hier auch eine „Mittlere Hachschara“ für 15-17-jährige Schulentlassene.

Vor der „Polenaktion“ am 28.10.1938  flüchteten einzelne Chaluzim mit polnischem Pass über die Grenze nach Dänemark, einzelne mussten mit 700 anderen ab Hamburg Altona nach Zbaszyn fahren; der Hamburger Transport kam aber erst um Mitternacht an die bereits von Polen abgeschlossene Grenze und durften nach drei Tagen des Abwartens wieder nach Hamburg zurückkehren.

Im Novemberpogrom bleibt der Brüderhof von Verwüstungen verschont, vermutlich weil Pächter Leuschner NSDAP-Mitglied war. Es sollen aber vier ältere Chaluzim verhaftet worden sein.

März 1939 Auflösung des Kibbuz nach Kündigung des Pachtvertrages. Die Jugendlichen der mittleren Hachschara können nach Palästina emigrieren. Die über 17-jährigen gehen zum Teil nach Dänemark.

Waldgehöft Havelberg

Netta Kussel wechselt zur landwirtschaftlichen Hachschara ins Waldgehöft, auch Jagdgehöft Barella, Damlacker Weg, nördlich von Havelberg (1934-1941), Träger bis zum Pogrom November 1938 war der Hechaluz, dann die RVJD. Die frühere Jagdpacht gehörte dem jüdischen Rechtsanwalt Siegfried Freund, er war zunächst auch der Leiter. Es umfasste acht Hektar Land, eine kleine Villa, zwei Wohnhäuser, eine Werkstatt, einen Stall, Gewächshäuser und Schuppen. Bis zu 50 Chaluzim waren hier untergebracht.

16.11.1936 Richard Horn eingestellt als Betriebsleiter in Havelberg; in dieser Funktion bleibt er bis September 1939.

30.6.1937Auf der Belegschaftsliste von Havelberg finden sich neben den angestellten Leitern Horn und Hans Cohn 13 Chaluzim und sieben Chaluzoth.

Juni 1938 Günter Timendorfer im Team mit Leo Lippmann, Norbert Klein und Schreiner Ludwig Weiss beim Bau eines Gewächshauses in Havelberg

Im Novemberpogrom 1938 wird das Gehöft verwüstet. Die jungen Männer über 17 Jahre werden ins örtliche Polizeigefängnis gebracht.

Verhaftet wurden der Leiter Richard Horn und Madrich Werner Weitzfelder sowie die Chalutzim Heinz Budwig, Herbert Gotthilf, Gross Walter, Lutz Rosenberg, Norbert Klein, Arno Lewy, Leo Lippmann, Janus Nadler, Heinrich Stern, Günter Timendorfer, Heinrich TimendorferLudwig Weiss.

Die Chaluza Annette Eick berichtet:

»Die Frau unseres Leiters (Johanna Horn) war auf der Farm geblieben und stand vor der Entbindung. Das Kind blieb im Bauch, sie hat furchtbar gelitten und ist daran gestorben.«

Johanna Horn ist auf dem jüdischen Friedhof unweit vom Waldgehöft begraben.

12.11.1938 Entlassung der älteren Chaluzim aus dem Polizeigefängnis.

Dezember 1938 Viele aus der Haft Entlassene gehen zum Hachschara-Trainingskurs im Lager Schlosshofstraße in Bielefeld zusammen mit der aus Buchenwald entlassenen Gruppe aus Ellguth

Minderheitenzählung

17.5.1939 Netta Kussel in Havelberg, Damlacker Weg, insgesamt sind dort 56 Jugendliche und Personal gemeldet

17.5.1939 Hugo, Marianne sowie Elfriede Kussel in Aurich, Marktstraße 18

1939 Ernst Eugen Lehfeldt von Magdeburg zur Hachschara nach Jessen-Mühle, von dort nach Schweden

27.7.1939 Elfriede Kussel nach Hannover, Jüdisches Altenheim in der Brabeckstraße 86, dort vermutlich als Pflegehelferin;  anschließend zur Hachschara in das Lehrgut Schocken-Gut Winkel bei Spreenhagen

Emigration nach Schweden

Frühjahr 1939 das Londoner Büro der „Youth Aliyah“ überträgt Eva Warburg die Leitung der Jugend Alijah i Sverige mit Sitz in Stockholm

Juni 1939 wurde der alte Gutshof Hälsinggården in Korsnäs in Nordschweden bei Falun als Jugendalijah-Hof für die mittlere Hachschara (15-17 Jahre) in Trägerschaft der »Stiftung für Landwirtschaftsausbildung« eröffnet

Herbst 1939 Netta Kussel kann mit einer Gruppe Chaluzim aus dem Waldgehöft Havelberg nach Schweden emigrieren

Judenvertreibung aus Ostfriesland/Oldenburg

Januar 1940 Anordnung der Gestapo-Leitstelle Wilhelmshaven: Ausweisung der in Ostfriesland lebenden Juden „aus militärischen Gründen“ bis zum 1. April 1940.

26.2.1940 Zwangsverkauf des Hauses Wallstraße 8/10

27.2.1940 Zwangsumzug von Marianne und Hugo Kussel nach Düsseldorf, Düsselkämpchen 2 , zusammen mit der Tante Regina Wolff und ihrem Mann Benno, die in der Steinstraße 33 einziehen.

9.11.1941 alle fünf eingewiesen in das Sammellager Viehhallen im alten Düsseldorfer Schlachthof

10.11.1941 beide Eltern auch Benjamin und Regina Wolff insgesamt 997 Juden auf dem Transport von Düsseldorf nach Minsk

Nettas Vater Hugo wird von Minsk aus in das Konzentrationslager Płaszów, einem Vorort südöstlich von Krakau verlegt

4.8.1944 Hugo Kussel von Krakau nach Flossenbürg

21.8.1944 vom KL Flossenbürg in das KL Natzweiler, dann Ravensbrück und zuletzt ins Lager Mittelbau-Dora verlegt; hier sind weit über tausend Häftlinge durch einen verheerenden Bombenangriff der Allierten umgekommen.

3.4.1945 fataler Luftangriff der Allierten auf die Boelcke-Kaserne mit 1000 Toten und 2000 weiteren in den nächsten Wochen

Nachkriegszeit

Oktober 1945 Netta Lehfeldt auf der Mitgliederliste des Hechaluz Schweden, „Alte Chaluzim“4.10.2008 in Helsingborg

4.10.2008 Tod von Netta Beil in Helsingborg

Beisetzung auf dem Pålsjö Västra begravningsplats, Helsingborg, Skåne County, Sweden

Gedenken

17.7.2014 Stolpersteine für Netta, die Eltern und Schwester Elfriede in Aurich

Quellen

http://stolpersteineaurich.com/2010/01/11/netta-kussel-verh-beil/

https://biografien.erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/person/elfriede-kussel-516

https://collections.arolsen-archives.org/de/search/topic/3-1-1-3_1211000?s=1211000

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/78777793

https://www.magdeburg.de/PDF/Lehfeldt_Dr_Michael_Ehepaar.PDF?ObjSvrID=37&ObjID=14015&ObjLa=1&Ext=PDF&WTR=1&_ts=1555057648

https://www.mappingthelives.org

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Peter W. Lande,  Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History

https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

“My