Neuhof Ursula

Ursula Neuhof

*31.1.1915 in Göttingen; ✡18.7.2001

Staatsangehörigkeit deutsch

Religion jüdisch

Vater Leo Neuhof *13.7.1882 in Schlüchtern, Kassel; ✡1943 in Lodz

Leo, Ursula und Rosel Neuhof

Mutter Rosel Löwenstern *13.4.1891 in Höringhausen; ✡1943 in Lodz

Geschwister

Beruf  Landarbeiterin

Adressen Schlüchtern; Urfeld;

Heirat 3.6.1938 in Schlüchtern mit Ernst Schwarz *24.9.1913 in Cham;✡ 6.7.1997

1955 Ursula und Ernst mit den drei Söhnen

Kinder drei Söhne

Benjamin Arieh Schwarz *24.1.1940 in Petah Tikwa

Doron Schwarz

Weiterer Lebensweg

Hachschara in Urfeld

Ca 1937 Ernst Schwarz und Ursula Neuhof zur Hachschara ins Umschulungslager Urfeld auf dem Dietkirchener Hof zwischen Bonn und Köln-Wesseling;

In Urfeld lernen sich die beiden kennen

Besitzer war der mit Arthur Stern befreundete nichtjüdische Architekt Albrecht Doering aus Urfeld.

Von März 1934 bis April 1940 war der Dietkirchener Hof als Kibbuz/Beth Chaluz ein Zentrum der Vorbereitung auf die Alija nach Palästina für mehr als 180 meist junge Juden. Das Zentrum des Hechaluz hieß auch Kibbuz Bamaaleh („Bamaaleh“=im Aufstieg); es wurde finanziert vom jüdischen Textilfabrikanten und Architekten Arthur Stern – zu Beginn noch gemeinsam mit der Reichsregierung! Die landwirtschaftliche Ausbildung erfolgte auf Urfelder Bauernhöfen.

Ab 1937 konnten die Chaluzim auch eine Lehre absolvieren in der Großgärtnerei Giesen, dem Obstbau- und Gärtnereibetrieb „Marienhof“ des ehemaligen Kölner Gartenbaudirektors Josef Giesen (1887-1962)

Polenaktion

28.10.1938 Herbert Taub verhaftet in Urfeld in der ersten Polenaktion, zusammen mit neun weiteren Chaluzim u.a. Susi Schmerler, Leo Geffner und Josef Kleinmann sowie Muchi, Max, Oskar und Ida (nicht identifiziert). Susi Schmerler notierte in ihrem Tagebuch:

„Es sind ungefähr 25 Chaluzim, die alle schon in Deutschland auf Hachschara waren und jetzt zur Auslands-Hachschara oder Alija gehen sollten.“

„Doch da kam man uns mitten in unseren (Alija-) Plänen dazwischen. Eines Tages kamen mehrere Polizisten ins Beth Chaluz und brachten 10 Ausweisungsbefehle. Wir rechneten alle damit, dass uns noch 2-3 Monate Zeit bleiben würde. Doch nein! Es sollte heute noch sein! Wir telefonierten mit dem Flugplatz, wann das nächste Flugzeug nach London ging, doch die Polizei stand daneben und forderte von uns, dass wir sofort mitkommen müssten. Nicht einmal unsere Sachen durften wir mitnehmen.“

Novemberpogrom in Urfeld

10.11.1938 notierte der hier als Lehrer arbeitende Gerhard Rachwalsky in sein Tagebuch:
„Wir hatten schon öfter festgestellt, dass wir in Urfeld auf dem Mond lebten. Während in allen deutschen Landen die Volksseele … programmmäßig überkochte, während seit den frühen Morgenstunden … in den Städten Synagogen und jüdische Gemeindehäuser brannten, … standen wir wie jeden Morgen im Winter, um sieben Uhr auf, gingen zur Arbeit und arbeiteten bis zur Mittagspause …“

10.11.1938 im Novemberpogrom verprügelten vier besoffene bewaffnete Nazis die Chaluzim und zerstörten das Inventar. Der nichtjüdische Hausbesitzer Doering vertrieb die Eindringlinge mit seinen Söhnen, bewaffnet mit Jagdwaffen; nachts versteckte er einige Chaluzim in seinem Keller, andere in der Gärtnerei Giesen.

Rachwalsky berichtet:

„Herr Doering ging mit seinen beiden Söhnen, alle drei mit Jagdgewehr bewaffnet, sofort ins Haus, um Demolierungen zu verhüten. (…) Nebenbei sollen Herr Doering und seine Söhne einigen Chawerim (Genossen) beim Entkommen geholfen haben. Fest steht, dass sein kleiner Sohn, mit dem Jagdgewehr in der Hand, in voller Jungvolkuniform, Ursel mitten durch die Rowdies ins Freie gebracht hat. … Zum Glück waren die Nazis weder gut organisiert noch besonders zahlreich. Vor allem waren sie besoffen.“

Alija

Ernst Schwarz und Ursula Neuhof nicht abgemeldet aus Urfeld

13.7.1937 Ausstellung eines Pass für Ernst Schwarz in Bornheim zur Auswanderung

24.7.1937 Ausstellung eines Pass für Ursula Neuhof in Bornheim zur Auswanderung

24.1.1938 Einreise von Ernst Schwarz als Tourist in Palästina

3.6.1938 Heirat von Ernst und Ursula Neuhof in Schlüchtern

10.9.1938 Abmeldung aus Schlüchtern

19.9.1938 Ankunft des Ehepaar Schwarz in Haifa

Deportation der Eltern nach Lodz

20.10.1941 beide Eltern auf dem Transport von Frankfurt nach Lodz

Nachkriegszeit

Ernst und Ursula Schwarz leben in dem Wüstendorf Kfar Jedidja

Gedenken

29.4.1999 Page of testimony für Camilla Schwarz von Enkel Arie Schwarz

21.10.2020 Stolpersteine für Ursula Neuhof und ihre Eltern Leo und Rosel in Schlüchtern, Weitzelstraße 1

Quellen

StA Bornheim, Sammlung Zerlett; Liste der Bewohner im „Lager Urfeld“

https://www.schluechtern.de/fileadmin/user_upload/dokumente/unsere_stadt/auf_den_Spuren_juedischer_Buergerinnen_und_Buerger/Stadtrundgang_Juedisches_Leben_Schluechtern.pdf

Archiv des Rhein-Sieg-Kreises, Landkreis Bonn (ARSK-LKB)

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de970465

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de936899

https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Projekte/Widerstandskarte/josef-wimar-giesen-versteckte-juedische-jugendliche-in-der-pogromnacht/DE-2086/lido/dc00018960

Pracht-Jörns, Elfi (Bearb.), Jüdische Lebenswelten im Rheinland. Kommentierte Quellen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Köln Weimar Wien 2011, S. 272.

https://www1.wdr.de/urfeld100.html

https://www.mappingthelives.org

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

https://collections.arolsen-archives.org/de

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de936890

Genealogie Website My heritage, diverse Familienstammbäume

Hubert Schneider (Hrsg.) Das Tagebuch der Susi Schmerler, eines jüdischen Mädchens aus Bochum, LIT-Verlag, 2018

https://www.kortumgesellschaft.de/tl_files/kortumgesellschaft/content/download-ocr/erinnernzukunft/Mitteilungsblatt-EfdZ-2011-Nr-15.pdf

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316

Peter W. Lande,  Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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