
Alfred Selbiger
*16.5.1911 in Berlin; ✡ 1. oder 3.12.1942 in Sachsenhausen
Staatsangehörigkeit deutsch
Religion jüdisch
Vater Heinrich Selbiger *2.8.1884; ✡ 1942 in Auschwitz
Mutter Emma Behr *21.5.1885 in Flatow; ✡ 1942 in Auschwitz
Geschwister –
Beruf –
Adressen
Zuletzt Berlin, Baumschulenweg, Güldenhofer Ufer 10

Heirat 1939 mit Eka Erika Katz *18.6.1914 in Rogasen; ✡1942/1943 Tod in Auschwitz
Kinder keine
Erster Weltkrieg/Preußische Verlustlisten

14.7.1915 Vater Heinrich, Soldat der 12. Kompagnie des III. Bataillons des Infanterieregiments 50 gemeldet als „leicht verwundet“

6.11.1915 Gefreiter Heinrich Slbiger „vermisst“ gemeldet

31.5.1916 Heinrich Selbiger „in Gefangenschaft“
Weiterer Lebensweg
Nach dem Abitur Aufnahme des Medizinstudiums;
Eintritt in das Rabbiner-Seminar in Berlin; ehrenamtlich tätig in der Jugendabteilung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin
Seine Interessen verlagern sich zunehmend auf soziale, religiöse und philosophische Themenbereiche, er schließt sich der zionistischen Bewegung an.
1933 ist er Jugendgruppenleiter in der „Berliner Zionistischen Vereinigung“ BZV.
Eintritt in den Hechaluz
Jugendgruppenführer (Madrich), Verbandsfunktionär, Bundesleitung des Makkabi Hazair Brit Hafozim in Deutschland
Waldgehöft Havelberg

1938/39 Alfred Selbiger als Madrich ins Waldgehöft, auch Jagdgehöft Barella, Damlacker Weg, nördlich von Havelberg (1934-1941) zur landwirtschaftlichen Hachschara: Träger bis zum Pogrom November 1938 war der Hechaluz, dann die RVJD. Die frühere Jagdpacht gehörte dem jüdischen Rechtsanwalt Siegfried Freund, er war zunächst auch der Leiter. Es umfasste acht Hektar Land, eine kleine Villa, zwei Wohnhäuser, eine Werkstatt, einen Stall, Gewächshäuser und Schuppen. Bis zu 50 Chaluzim waren hier untergebracht.
16.11.1936 Richard Horn eingestellt als Betriebsleiter in Havelberg; in dieser Funktion bleibt er bis September 1939.
30.6.1937 Auf der Belegschaftsliste von Havelberg finden sich neben den angestellten Leitern Horn und Hans Cohn 13 Chaluzim und sieben Chaluzoth.
Juni 1938 Günter Timendorfer im Team mit Leo Lippmann, Norbert Klein und Schreiner Ludwig Weiss beim Bau eines Gewächshauses in Havelberg
Im Novemberpogrom 1938 wird das Gehöft verwüstet. Die jungen Männer über 17 Jahre werden ins örtliche Polizeigefängnis gebracht.
Verhaftet wurden der Leiter Richard Horn und Madrich Werner Weitzfelder sowie die Chalutzim Heinz Budwig, Herbert Gotthilf, Gross Walter, Lutz Rosenberg, Norbert Klein, Arno Lewy, Leo Lippmann, Janus Nadler, Heinrich Stern, Günter Timendorfer, Heinrich Timendorfer, Ludwig Weiss.
Die Chaluza Annette Eick berichtet:
»Die Frau unseres Leiters (Johanna Horn) war auf der Farm geblieben und stand vor der Entbindung. Das Kind blieb im Bauch, sie hat furchtbar gelitten und ist daran gestorben.«
Johanna Horn ist auf dem jüdischen Friedhof unweit vom Waldgehöft begraben.
12.11.1938 Entlassung der älteren Chaluzim aus dem Polizeigefängnis.
Dezember 1938 Viele aus der Haft Entlassene gehen zum Hachschara-Trainingskurs im Lager Schlosshofstraße in Bielefeld zusammen mit der aus Buchenwald entlassenen Gruppe aus Ellguth und von dort nach Holland z.T. zur Einzelhachschara der „Deventer Vereniging“ oder ins Werkdorp Wieringen.
Nach November 1938 waren Nachfolger von Richard Horn als Betriebsleiter in Havelberg: Siegfried Freund, Artur Posnanski, Alfred Selbiger, Heinz Berg und Hilde Nathan.

1938/1939 in Havelberg lernt er Erika Katz kennen.Auf der Belegschaftsliste von Havelberg vom 30.6.1938 sind beide noch nicht verzeichnet.

Sommer 1939
Sommer 1939 Adi Falkenstein (auch auf der PATRIA) berichtet über ein Vorbereitungstreffen in Ahrensdorf für die vom Hechaluz Österreich vorbereitete Alija Beth Sonderhachschara SH- 5:
„Dann kamen eines Tages die Leiter des Berliner Hechaluz nach Ahrensdorf. Ich erinnere mich genau an Hans Wendel. Er kam gekleidet wie ein halber SS-Mann, so mit Schaftstiefeln und Lederjacke. Auch Alfred Selbiger war dabei.“

Widmung von Alfred Selbiger auf der Rückseite: „Schön ist die Jugendzeit – sie kommt nicht mehr Alfred„
Minderheitenzählung
17.5.1939 Alfred Selbiger gemeldet bei seinen Eltern in Berlin, Baumschulenweg, Güldenhofer Ufer 10
17.5.1939 Erika Selbiger in Berlin, Prenzlauer Berg, Winsstraße 7 bei ihren Eltern
21. Zionistenkongress

16.-22.8.1939 Alfred Selbiger als Delegierter des Hechaluz auf dem 21. Zionistenkongress in Genf zusammen mit Kurt Silberpfennig (Vertreter für den Bachad) und Josef Burg für den Misrachi (stellvertr. Delegationsleiter)
Sommer 1941 Bei Auflösung von Havelberg gehen der Leiter Heinz Berg nach Paderborn, die Chawerim Willy Ansbacher und Erich Wallach sowie die Chaweroth Johanna David, Suse Fliess, Ingeborg Frank, Susanne Rosenthal und Carla Wagenberg in das Arbeitslager Neuendorf, die Zwillingsbrüder Manfred und Artur Tannenbaum in die „Domäne Altlandberg“.
Palästinaamt
1939 Alfred Selbiger wird mit Führungsaufgaben im „Palästinaamt“ in Berlin, Meinekestraße 10 betraut; Schwerpunkt der Arbeit ist die Betreuung der Chaluzim, die auf ein Zertifikat zur Alija nach Palästina warten.
August 1940 nach Abreise von Hans Wendel als Transportleiter der Sonderhachschara 7 -auch Paraguay-Transport – übernimmt Alfred Selbiger dessen Funktion als Präsident der Bundesleitung des Makkabi Hazair
21.5.1941 Schließung des Palästinaamts auf Anordnung der Dienststelle Adolf Eichmann
Das letzte Treffen der Führung des Hechaluz
August 1941 Letzte Tagung der Jugend-Alija-Leitung in Berlin

Reichsvereinigung der Juden in Deutschland RVJD
Nach Schließung der Büros in der Meinekestraße arbeitet Selbiger für die von linksReichsvereinigung der Juden in Deutschland (RVJD) in der Kantstraße 158, zunächst Leiter der Abteilung „Ausschuss für jüdische Sondertransporte“ und in der Betreuung der jetzt zu Arbeitslagern degradierten Hachscharazentren, dann in der Finanzabteilung der RVJD. Alfred Selbiger setzt die Arbeit für die in Deutschland noch verbliebenen Chaluzim fort; er gilt als letzter Maskir (Sekretär) des Hechaluz in Deutschland. Er unterstützt lokale Aktivitäten jüdischer Jugendgruppen.
Gemeindeaktion in Berlin -Personaltransport
Im Herbst 1942 beschäftigte die RVJD in Berlin 1580 Mitarbeiter in 26 Abteilungen. Von diesen sollten im Rahmen der Berliner „Gemeindeaktion“ der Gestapo 533 und 328 Angehörige auf dem 22. Osttransport -auch „Personaltransport nach Riga deportiert werden. 19 zur Deportation vorgesehene Mitarbeiter waren untergetaucht
Geiselnahme der 19 RVJD-Funktionäre
10.11.1942 Verhaftung von 19 führenden Funktionäre de der RVJD und JKV Berlin durch die Gestapo Berlin
Der Tod von Alfred Selbiger


3.12.1942 Alfred Selbiger im KL Sachsenhausen mit sieben weiteren Geiseln als „Abschreckung“ erschossen (Blumenthal, Godstein, Joseph, Mendelsohn, Lamm, Looser, Wolff)

Die JKV Berlin bekam unmittelbar den 1. Dezember 1942 als Todesdatum mitgeteilt
Deportation der Angehörigen

9.12.1942 Witwe Erika Selbiger mit beiden Eltern (Transportnummern 686, 687 und 688) als Angehörige der am 3.12.1942 in Sachsenhausen Hingerichteten auf dem 24. Osttransport von Berlin nach Auschwitz; dazu gehörten auch Herta Blumenthal, Herta und Ruth Joseph, Margot Mendelsohn Helene Lamm, Ilse Looser sowie Edith Wolff; weiterhin die bei der „Gemeindeaktion“ vom 20.10.42 verhafteten Funktionäre der JKV Berlin und der RV, wie Bernhard Adler, Marta Henschke, Bruno Mannheim, Johanna Karminski, Robert Bielschowsky, Kurt Rosenberg und Walter Sprinz
Nachruf „Im eschkachech jeruschalajim, tischkach jemini“
י ִנ י ִמ י ח ַּכ ְׁש ִּת ם, ל ְׁשּו ר יְך ! ח ַּכ ְׁש ֶא“ ם־ ֶ
Vergesse ich dein Jerusalem-verdorre meine Rechte! Buch der Psalmen, Psalm 137,Vers 5,6
Anneliese Ora Borinski, Madricha des Makkabi, schreibt in ihren Erinnerungen aus Neuendorf:
„Wir bekamen die Nachricht einige Tage später – fast zugleich auch einen Brief von den Chawerim in Berlin, der ein einziger Schrei war. … Wir rufen unsere Chewrah zu einem Mifkad zusammen, wir summen nur leise das „Schirat Hanoar“, keiner kann sprechen, es ist auch nicht nötig. Man gibt sich nur die Hand.“
Sie beschreibt warmherzig seine besonderen Führungsqualitäten, so unter anderem:
„Was war sein Zimmer in der Meinekestraße doch für eine Quelle von Ruhe , von Geborgensein, wenn man ihm so gegenüber saß.“
Gedenken
Pages of Testimony für Alfred Selbiger von seinen Weggefährtinnen Eva Wagner (Palästinaamt) und der Neuendorf Madricha Ora Borinski
10.12.2007 Stolpersteine für Alfred Selbiger seine Frau und seine Eltern in Berlin Treptow
Güldenhofer Ufer 10 in Baumschulenweg Stolpersteine für ihn und seine Familie gestiftet
Quellen
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/4135599
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/12673804
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/127207604
https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1159600
https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_ber_ot22.html
Anneliese Ora Borinski, Erinnerungen 1940-1943; 1945/1970
Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939
https://www.mappingthelives.org
https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de
Peter W. Lande, Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History
https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316