
Marianne Joachim geb. Prager
*5.11.1921 in Berlin; ✡ 4.3.43 Enthauptung in Plötzensee
Staatsangehörigkeit deutsch
Religion jüdisch
Vater Georg Prager *5.5.1890 in Berlin; ✡18.7.1944 in Theresienstadt
Mutter Jenny Petersdorff *12.4.1886 in Neudorf; ✡7.3.1943 in Auschwitz
Geschwister

Ilse Helga Prager *26.1.1926 in Berlin; 29.7.1995 in Baltimore; oo Charles Kessler
Inge Prager; oo Gerson-Berner
Beruf landwirtschaftlicher Praktikant
Adressen Berlin, Belforter Straße 12 III; Steckelsdorf bei Rathenow im Landkreis Jerichow;
Heirat Heinz Joachim *13.2.1919 in Berlin; ✡ 18.8.1942 Enthauptung in Plötzensee
Kinder keine
Weiterer Lebensweg
Schulabschluss Realschule
Zur Ausbildung zur Kinderpflegerin in das Jüdische Kinderheim in Berlin, Gipsstraße
Minderheiten-Volkszählung
17.5.1939 Marianne mit den Eltern und Schwester Lise in Berlin, Belforter Straße 12 III.
Kindertransport


Das jüdische Umschulungslager Steckelsdorf-Ausbau
Sommer 1940 Marianne Prager zur Hachschara in das jüdische Umschulungslager Landwerk Steckelsdorf-Ausbau bei Rathenow im Landkreis Jerichow II; Träger ist der Bachad, 1928 gegründete Jugendorganisation des orthodox-jüdischen Misrachi; das hebräische Akronym בָּחָ״ד BaChaD steht für Brit Chaluzim Datiim, deutsch ‚Bund religiöser Pioniere‘; Träger war zuletzt die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland RVJD. Das Anwesen gehörte als Jagdvilla einem Berliner Industriellen, der es einschließlich der dazugehörigen Gärtnerei 1936/37 seiner Jüdischen Gemeinde zur Einrichtung eines Erholungsheims schenkte.
Lagerleiter/Madrichim waren Sigmar Bromberger, Manfred und Schoschana Litten, Dr. Benjamin Abrahamson, Herbert Schönewald, Werner Hoffbauer, Friedrich Löwenthal, ab 1941 Kurt Silberpfennig; landwirtschaftlicher Leiter war Joachim Lippmann, später auch in Neuendorf
1939 Instandsetzung und Übernahme von Steckelsdorf durch die RVJD
Frühjahr 1939 Einstellung von Ludwig Stein als Verwalter und Frau Erna als Leiterin der Küche im Landwerk Steckelsdorf
1.9.1939 Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen
Marianne Prager zur Hachschar nach Steckelsdorf
21.5.1941 Schließung der Büros des Hechaluz, Palästinaamt und Bachad in der Meinekestraße 10, Wechsel in die Kantstraße 158
Mai bis September 1941 Auflösung der Hachscharalager Ahrensdorf, Jessen, Havelberg; Umwidmung der bestehenbleibenden als Arbeitslager; Verlegung der Chaluzim in das Lehrgut Neuendorf im Sande; nur ein kleiner Teil darf noch im Landwerk selbst arbeiten, die meisten werden zur Zwangsarbeit bei Unternehmen in der Region verpflichtet.
1941 Marianne Prager zur Zwangsarbeit in der Fabrik von Alfred Teves in Wittenau
Heirat

22.8.1941 Heirat mit Heinz Joachim in Berlin
Jüdischer Widerstand
Ehemann Heinz war mit Siegbert Rotholz aus der zionistischen Gruppe Habonim befreundet
Durch seine Zwangsarbeit in den Berliner Siemens Werken kommt er in Kontakt mit KJVD-Funktionär Herbert Baum der die Antifaschistische Gruppe im Prenzlauer Berg Berlin (AGiP) aufbaute.
Heinz und Marianne Joachim bilden eine eigene, mit Baum assozierte Gruppe, die zunächst von Heinz Joachim geleitet wird. Weitere Mitglieder Gruppe sind Lothar Salinger, Heinz Rothholz und Hilde Loewy. Marianne und Hilde kannten sich aus der Schule.
Februar 1942 Aufteilung der Gruppe um Joachim; Loewy und das Ehepaar Siggi und Lotte Rotholz werden der Gruppe unter der Leitung von Sara Kochmann zugeteilt. Die Gruppe Joachim übernimmt Felix Heymann als Leiter.

17.5.1942 Brandanschlag der Gruppe Baum auf die Nazi-Ausstellung „Das Sowjetparadies“
In den nächsten Wochen werden über 30 jüdische Widerstandskämpfer verhaftet.
Ehemann Heinz Joachim wird bereits in einem ersten Prozess gegen die Baum-Gruppe zum Tode verurteilt und am 18.8.1942 in Plötzensee enthauptet.
9.6.1942 Verhaftung von Marianne Joachim in Berlin, Rickstraße.
Der Prozess
10.12.1942 Zweites Strafverfahren gegen Mitglieder der Gruppe Baum Marianne Joachim, 9 von 12 Angeklagten werden vom dem 2. Senat des Volksgerichtshof Berlin wegen „Vorbereitung zum Hochverrat und landesverräterischer Feindbegünstigung“ zum Tode verurteilt; drei junge Frauen zu langjährigen Zuchthausstrafen.


10.12.1942 Urteil des „Volksgerichtshofs” gegen Marianne Joachim und andere
Die Gerichtskosten in Höhe von 300 RM werden der Familie auferlegt.
Abschiedsbrief


4.3.1943 Marianne Joachim hingerichtet mit acht aus der Gruppe Baum, u.a. Hildegard Loewy, Lothar Salinger und Heinz Rothholz (Chawer aus Paderborn); nach Todesurteilen durch das Berliner Kammergericht und Volksgerichtshof erfolgten die Hinrichtungen mittels Fallbeil in der Strafanstalt Plötzensee; verantwortlicher Scharfrichter war von 1942 bis 1945 Wilhelm Röttger.

10.3.1943 „Bekanntmachung über die Vollstreckung der Todessurteile an Heinz Rotholz und seinen Gefährten“ auf öffentlich ausgehängten knallroten Plakaten.
Mindestens 33 junge Widerstandskämpfer wurden hingerichtet.
Fabrikaktion
4.3.1943 Mutter Jenny Prager auf dem 34.Osttransport von Berlin nach Auschwitz
Theresienstadt
17.3.1943 Vater Georg Prager auf dem 4. Großen Alterstransport nach Theresienstadt; wegen seines „Verwundetenabzeichens“ aus dem 1. WK gilt er als „privilegiert“.
Gedenken
Gedenktafel am Wohnhaus in der Belforter Straße 11/12

Gedenktafel für die durch Hinrichtung Ermordeten der Herbert-Baum-Gruppe, Jüdischer Friedhof Weißensee. Die zentrale Straße des Friedhofs heißt seit 1951 Herbert-Baum-Straße.
Quellen
https://www.jmberlin.de/abschiedsbrief-marianne-joachim-tinte-auf-papier
https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1135419
https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1135560
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/11252289
https://en.wikipedia.org/wiki/Marianne_Joachim
https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_ber_gat4.html
Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939
https://hachschara.juedische-geschichte-online.net/ort/13.pdf
Bettina L. Götze, Landwerk Steckelsdorf-Ausbau, in: Hachschara als Erinnerungsort.
<https://hachschara.juedische-geschichte-online.net/ort/13> [24.03.2024]
Ezra BenGershôm David. Aufzeichnungen eines Überlebenden, Evangelische Verlagsanstalt 1989
Bettina Götze, Rathenow, in: Irene Annemarie Diekmann (Hrsg.), Jüdisches Brandenburg. Verlag für Berlin-Brandenburg 2008. S. 304–328