Reinhold „Reini“ Reuben Ferdinand Schanzer
*4.2.1924 in Szittkehmen, Goldap; ✡ 23.7.2013 in Flushing, New York
Staatsangehörigkeit deutsch; staatenlos; Israel
Religion jüdisch
Vater Sigmund Simon Schanzer *21.3.1883 in Andrichau; ✡ 4.5.1942 Kulmhof
1.Ehe des Vaters am 21.12.1911 in Berlin mit Edith Horowicz (1879-1918)
Halbbrüder aus der ersten Ehe
Heinz Schanzer * 1913 in Berlin; ✡1986 Brasilien
Manfred Menachem Schanzer *1916; ✡1992 in Israel
Heirat der Eltern 21.8.1919 in Berlin
Mutter Berta Baska Stutinsky *3.4.1884 in Bergerode Auxkallen; ✡ 16.2.1941 in Berlin
Geschwister
Ingeborg Schanzer *21.7.1920 in Königsberg; ✡ 4.5.1942 Kulmhof
Herbert Schanzer *14.5.1922 in Szittkehmen, Goldap; ✡ 1930 in Eydtkuhnen
Ruth Schanzer *29.12.1925 in Szittkehmen; ✡ 4.5.1942 Kulmhof
Betty Schanzer *26.9.1928 in Serteggen; ✡ 4.5.1942 Kulmhof
Beruf landwirtschaftlicher Praktikant
Adressen Szittkehmen; Berlin; Rüdnitz;
Heirat 11.8.1949 Zahava Davidovich *28.6.1928; 25.3.2024 in Forest Hills
Kinder drei
Tochter Schanzer; oo Rosenberg
Orna Schanzer; oo Landau
Schanzer
Weiterer Lebensweg
Vater Sigmund (Unter-)Offizier im Ersten WK; Träger des Eisernen Kreuzes
1930 Einschulung
1933-1935 Groß Gaglow

18.6. 1935 Schulwechsel wegen Umzugs nach Berlin
Novemberpogrom

1.12.1938 wegen Schließung der Jüdischen Knabenschule muss er diese zusammen mit seinem Klassenkameraden Gerd Hartog verlassen
17.5.1939 Reinhold mit den Eltern und Schwestern in Berlin Prenzlauer Berg, Lothringer Straße 34/35 bei Minderheiten-Volkszählung
Das jüdische Umschulungslager Hof Wecker in Rüdnitz
1.9.1939 Überfall der Wehrmacht auf Polen
Der Vater drängt Reinhold auf Hachschara zu gehen
2.10.1939 Reinhold Schanzer mit einer Gruppe von über 10 Chaluzim zur Hachschara in das jüdische Umschulungslager Hof Wecker beim Bahnhof in der Bahnhofstraße in Rüdnitz bei Bernau. Der Hof Wecker in Rüdnitz, gelegen an der Bahnlinie Berlin Eberswalde in Rüdnitz war im Besitz der Familie Schocken. Leiter war Erich Marx. Die Eheleute Chane und Robert Emmerich sind als Köchin und Hausmeister angestellt.
Er bestand von 1933 bis 1941 und war somit eines der ersten zionistischen Hachscharalager der Jüdischen Jugendhilfe in Brandenburg.
Seine Freunde aus Berlin und in Rüdnitz waren Gerd Hartog, Ernst Michel, Paul Fischer, Hans Kahane, Rudy Ludwig, Erich Flörsheimer.
Als von der Jewish Agency geschickte Madricha erwähnt er Teresa Hemeldinger
Er arbeitet viel auf dem Hof des örtlichen NSDAP-Bürgermeisters, mit dem er sich gut anfreundet und der daraufhin seine Arbeitsgruppe auch gut mit Essen versorgt.
Die liebestolle Tochter des Bürgermeisters stellt ihm nach!
Juli 1940 Aufruf des Palästinaamtes Berlin, Meinekestraße an die 20 Hachscharazentren jeweils etwa 10 % der Belegschaft für die Sonderhachschar 7 auszuwählen. Rüdnitz erhält 6 Plätze für die 60 Chawerim. Zu diesen von der Belegschaft gewählten gehören:
Aron „Bobby“ Brück, Paul Fischer, Dorle Herbst, Reinhold Schanzer, Arthur Stern und Herbert Treumann; (irrtümlich erinnert als Karl Katz)
Gert Hartog und Ernst Michel werden nicht zur Sonderhachschara 7 ausgewählt; sie gehen bei Auflösung des Gut Wecker im Sommer 1941 nach Ahrensdorf

14.8.1940 Fahrt nach Berlin
Alija Beth – Sonderhachschara VII – der Paraguay-Transport
März 1940 die führenden jüdischen Funktionäre aus Berlin, Prag und Wien werden von SS-Sturmbannführer Adolf Eichmann ins Reichssicherheitshauptamt nach Berlin vorgeladen, um die illegalen „Sondertransporte“ nach Palästina zu forcieren; Ephraim Frank als Vertreter des erkrankten Lyon vom Palästinaamt und als designierter Transportführer dabei.
Für die SH 7 sollen etwa 30.000 Anmeldungen vorgelegen haben, zum großen Teil aber nur fiktiv, um gegenüber der Gestapo die geplante Auswanderung belegen zu können
August 1940 offiziell abgemeldet nach „Paraguay“, zunächst Zugfahrt nach Berlin
Die Schwestern Ruth und Inge kommen zum Abschied noch auf den Bahnsteig.
16.8.1940 mit dem Zug aus Berlin, Bahnhof Friedrichstraße fahren 350 Jugendliche und 150 Eltern, deren Kinder bereits Palästina-Pioniere in Palästina waren, nach Wien mit dem Ziel über die Schwarzmeerroute nach Haifa zu kommen; Transportführer war Ephraim Frank
Zweiter Transportführer Hans Wendel
Leiter des Ordnungsdienst war Paul Jentes
Zwei bis drei Wochen in Wien, in einer jüdischen Schule oder Lehrlingsheim
3.9.1940 mit dem Zug von Wien nach Pressburg/ Bratislava an die Donau; in Pressburg für eine Woche in einem Lager im Stadtteil Patronka; Josef Nussbaum berichtet bei der Registrierung in Atlith, „The Camp was taken over as store for Heavy Opel trucks.“
10.9.1940 zum Donauhafen von Bratislava; dort Verteilung der Chalutzim auf die drei Ausflugsdampfer URANUS, MELK und SCHÖNBRUNN
10.-20.9.1940 von Bratislava nach Tulcea am Schwarzen Meer;
Anfang Oktober 1940 werden 1000 Flüchtlinge auf die drei Schiffe SS PACIFIC, SS MILOS und SS ATLANTIC verteilt, Deutsche auf die PACIFIC, Tschechen auf die MILOS.
Zwischenstopp im Hafen Agios Nikolaos, Kreta, um Kohle aufzunehmen
31.10.1940 von britischer Marine aufgebracht und in den Hafen von Haifa geleitet
1.11.1940 Ankunft der SS PACIFIC in Haifa.
3.11.1940 Ankunft der tschechischen Emigranten auf der SS MILOS, die ebenfalls auf die PATRIA verbracht werden
4.11.1940 Alle Passagiere der SS PACIFIC werden auf die SS PATRIA umgeschifft, dem von den Briten beschlagnahmten, als Truppentransporter umgebauten, großen französischen Frachtschiff (18 000 t)
8.11.1940 Registrierung in Athlit, er gibt als Referenz seinen Bruder Menachem Schanzer an, Kfar Hahoyesh, Nahala
zunächst sind alle auch zur Deportation nach Mauritius vorgesehen
23.oder 24.11.1940 Ankunft der SS ATLANTIC in Haifa
25.11.1940 Sprengstoff-Anschlag der Haganah im Maschinenraum der SS PATRIA, zu diesem Zeitpunkt waren bereits 1771 Ma’apilim (illegale Immigranten) auf das Schiff gebracht.
Walter Steinitz, aus dem Umschulungslager Paderborn kommend, berichtet:
“ Am 25.November morgens um neun Uhr mussten alle auf die Reling, denn der Colonel hatte die Instruktion gegeben, aber um 9.12 Uhr hatte ein Kommando von 60-80 jungen Leuten ins Wasser zu springen, um die Engländer abzulenken, die mit kleinen Booten die Menschen auffischten. Zeitentsprechend zündete einer von uns eine Bombe, keine Zeitbombe, und ist mitgetötet worden. Es war der zweite Transportleiter – Hans Wendel. Niemand hatte von dieser Aktion gewußt – außer acht Leuten. Innerhalb von ein paar Minuten neigte sich das Schiff zur Seite. … Von den 4000 auf der SS PATRIA zusammengedrängten Menschen verloren etwa 260 ihr Leben.“ (ca 200 von 1771)
Reuven Schanzer berichtet von sechs Chawerim, die eingeweiht waren und die Sprengladung an den Heizkesseln anbringen mussten, u.a. Max Rotholz, Hans Dan Labbe und Moritz Levy(?): Hans Wendel befreite noch 15 im „Bunker“ festgesetzte Chawerim, die zuvor bei einer nächtlichen Schwimmaktion bereits an Land von den Briten verhaftet worden waren der letzte von ihnen war Gustav Cohen.
Reinhold Schanzer springt erst relativ spät ins Wasser wird von einem der Boote aufgenommen, springt dann aber noch mal hinein, um seine Chawera Dorle Herbst sicher an Land zu bringen.
Die ins Wasser gesprungenen und die an Bord Überlebenden werden als Schiffbrüchige der SS Patria von den Briten an Land gebracht.
25.11.1940 Internierung in einer Lagerhalle im Hafen von Haifa; die von Bord gesprungenen werden in die Arrestzellen der Polizeiwache von Haifa; Serie von Verhören, insbesondere wenn sie von den Briten der Zugehörigkeit zur Haganah verdächtigt wurden.
26.11. und 8.12.1940 die Überlebenden der SS PATRIA werden mit Bussen in das Internierungscamp Atlith verbracht;
Dezember 1940 noch auf die Umladung wartenden 1581 Emigranten auf der MILOS und ATLANTIC werden als „Detainees“ mit holländischen Frachtschiffen nach Mauritius deportiert. Dort trafen sie am 26.12.1940 ein und wurden in das Zentralgefängnis von Mauritius nahe Beau Bassin verbracht.
1941 zunächst nur Freilassung kleiner Gruppen aus dem Camp Atlith, die eine Aufnahmeadresse in Palästina vorweisen können

19.6.1941 Entlassung von Reinhold Schanzer aus dem britischen Camp Athlit, da er die Adresse seines Bruders Menachem vorweisen kann
September -Dezember 1941 Entlassung der meisten Internierten aus dem Camp Atlith
12.8.1945 Es sollte noch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges dauern, bevor die 1.310 überlebenden Flüchtlinge aus Mauritius auf der SS FRANCONIA in das ersehnte Eretz Israel gebracht werden konnten.
Juli 1941 -April 1943 Reinhold Schanzer im Kibbuz Beit Alfa
1943 Eintritt von Reinhold Schanzer in die Royal Army, Royal Electrical and Mechanical Enineers
Ghetto Lodz -Litzmannstadt
27.-29.10.1941 Deportation der Eltern und Schwestern von Berlin nach Litzmannstadt
4.5.1943 Transport der Eltern und Schwestern aus dem Ghetto Lodz in das Vernichtungslager Kulmhof, wo sie unmittelbar nach Ankunft mit Gas ermordet werden.
Palästinakrieg 1947-1949
29.11.1947 Verabschiedung des UN-Teilungsplanes für Palästina
30.11.1947 erste lokale Kämpfe zwischen arabischen Milizen (u. a. der Armee des heiligen Krieges) und jüdischen Militärorganisationen wie der Hagana und Palmach
14.5.1948 Unabhängigkeitserklärung von David Ben-Gurion
15.5.1948 Ende des Britischen Mandats für Palästina; Einmarsch der Armeeeinheiten aus Ägypten, Syrien, Jordanien und Irak in Palästina
20.7.1949 Waffenstillstandsabkommen nach dem militärischen Sieg Israels
Dank
Ich danke Ari Lipinski, MBA, Buchautor (https://arilipinski.de/ari-blog ), Vorstandsmitglied des Gedenkvereins „Hachsharot HeChalutz in Deutschland 1933-1947 / Nachfolgegeneration“ für die Anregung und Unterstützung bei der Erstellung dieser Hachschara-Biografie.
Quellen
https://www.juedisches-bingen.de/gedenken/zeitzeugen-berichten/index.html
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/12671878
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/71187332
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/12671879
Memoiren von Reuben Schanzer, Du bist eine Jude, „You are a jew“
Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939
https://www.mappingthelives.org
https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch
Staatsarchiv Israel, Einwanderungslisten
Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947
Ernst Michel, Promises kept
https://hachschara.juedische-geschichte-online.net/ort/13.pdf
Ezra Ben Gershôm David. Aufzeichnungen eines Überlebenden, Evangelische Verlagsanstalt 1989
Joel König (Ezra Ben Gershom), Den Netzen entronnen, Vandenhoeck u. Ruprecht 1967
Bettina Götze, Rathenow, in: Irene Annemarie Diekmann (Hrsg.), Jüdisches Brandenburg. Verlag für Berlin-Brandenburg 2008. S. 304–328