Ilse Kayem
*11.10.1912 in Kaiserslautern; ✡20.5.1985 in Tel Aviv
Staatsangehörigkeit deutsch
Religion jüdisch

Vater Eugen Kayem *12.8.1880 in Kaiserslautern; ✡13.3.1937

Mutter Clara Fassbender *24.2.1887 in Remagen; ✡ 10.8.1942 in Auschwitz
(die Mutter stammte aus Remagen, ebenso ihr Großonkel Moses Adam Fassbender (*1824, ✡1891 in Recklinghausen)
Großvater Julius Kayem *1856 in Steinbach/Glen; ✡1930 in Kaiserslautern
Geschwister
Gerda Kayem *26.4.1919 in Kaiserslautern; ✡ 25.12.2002 in Israel
Beruf Landarbeiterin
Adressen Kaiserslautern; Mannheim; Halbe; Kreuznach
Heirat –
Kinder-
Die Hachschara Bewegung
In den ersten acht Jahren der Nazi-Diktatur bis zum Beginn des Russland-Feldzuges 1941 wurden Auswanderungsaktivitäten jüdischer Organisationen nicht nur geduldet, sondern sogar gefordert.
Am 25. August 1933 wurde nach dreimonatigen Verhandlungen zwischen der Jewish Agency, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und dem deutschen Reichsministerium für Wirtschaft zur Erleichterung der Emigration und Förderung des deutschen Exports eine entsprechende Vereinbarung geschlossen.
Im gesamten „Deutschen Reich“ entstanden überwiegend landwirtschaftliche Ausbildungsstätten für jüdische Mädchen und Jungen, sogenannte Hachscharalager (Hachschara hebräisch für Ertüchtigung).
So bestanden 1935 31 Hachschara-Lehrbetriebe für Landwirtschaft und Gärtnerei in Deutschland, in denen sich die „Chaluzim“ (hebräisch für Pioniere) durch Erlernen eines landwirtschaftlichen Berufs für ihre Auswanderung nach Palästina (Alija) vorbereiteten.
Der entsprechende Nachweis durch die jüdische Dachorganisation Hechaluz bildete die Voraussetzung für die Ausstellung eines Einreisevisums durch die britischen Behörden auf der Basis eines sogenannten „Arbeiterzertifikats der Kategorie C“. Von den ab 1933 nach Palästina auswandernden deutschen Juden gehörten „etwa 36 % zur »Mittelstandseinwanderung«, über das Kapitalisten-Zertifikat (Kategorie A), die 1000 Palästina Pfund mitbringen mussten. Etwa 32 % der Einwanderer waren Arbeiter der Kategorie C.
Zwischen 1933 und 1938 konnten mehr als 18.000 jüdische Jugendliche aus Deutschland emigrieren, überwiegend zur Alija nach Palästina. Das war etwa jeder vierte aus der Generation der 6- bis 25-jährigen.
Weiterer Lebensweg
1930 Nach dem Tod des Großvaters Julius übernehmen seine Söhne Eugen und Ludwig das Wäschegeschäft
Ilse und Gerda Kayem besuchen das Mädchenlyzeum der Franziskanerinnen in Kaiserslautern
Aktive Mitglieder im Jüdischen Pfadfinderbund Kaiserslautern später Makkabi Hazair
23.6.36 Gerda Kayem von Kaiserslautern zur Hachschara auf den Hof Westerbeck/Stern, Hachscharalager des jüdischen Pfadfinderbundes „Makkabi Hazair“ auf Gut Westerbeck in Westerkappeln
13.3.1937 Tod des Vaters bei einem Kuraufenthalt in Bad Königstein/Taunus17.11.1937 Antrag aus Ausstellung eines Passes in Westerkappeln
18.2.1938 Gerda Kayem mit einer großen Gruppe abgemeldet nach Remagen;
Landwerk Halbe
Ilse Kayem geht zur Hachschara in das Landwerk Halbe, zuvor Jüdische Mustersiedlung und Landerziehungsheim Halbe (1919-1926) und von 1934-38 Hachscharah-Lager in Trägerschaft des Träger Makkabi; wie auch Ahrensdorf und Freienstein; Leiter war Friedrich Perlstein
1938 wirkte Alex Moch an der ersten Abschlussprüfung im jüdischen Landwerk Halbe (Brandenburg) mit, gemeinsam mit dessen Leiter Friedrich Perlstein sowie Martin Gerson, dem Leiter der Hachschara Ausbildungsstätte Gut Winkel in Brandenburg, die beide Diplom-Landwirte waren. Die neun Lehrlinge aus dem Jugendbund Makkabi Hazair hatten nach ihrer zweijährigen Ausbildung in Halbe eine schriftliche Klausurarbeit zu verfassen, ein Fachtagebuch vorzulegen, ihre praktischen Fertigkeiten in Acker- und Pflanzenbau, Viehhaltung, Obst- und Gemüsebau nachzuweisen, und wurden mündlich in Bodenkunde, Düngung, Botanik, Pflanzenschutz sowie betriebswirtschaftlichen Kenntnissen geprüft.
Novemberpogrom in Halbe
Zu den überfallenen Ausbildungsorten gehörten Ellguth/Schlesien, Freienstein/Pommern, der Gehringshof bei Fulda, Groß-Breesen/Schlesien, Grüsen bei Frankenberg, Neuendorf bei Fürstenwalde, das Landwerk Halbe/ Brandenburg, Silingthal/Schlesien, Halberstadt, Jägerslust bei Flensburg, Bomsdorf/Krs.Bitterfeld und Sennfeld/Baden. Hachschara-Stätten wie Urfeld bei Köln, Polenzwerder, der Brüderhof bei Hamburg, der Kibbuz Westerbeck in Westfalen und Einrichtungen wie das Jüdische Jugendheim Essen, das auch für Ausbildungszwecke genutzt wurde, waren ebenfalls betroffen.
10.11.1938 Novemberpogrom in Halbe; Diplomlandwirt Friedrich Perlstein ist Leiter des Landwerks
Perlstein dazu in einem Brief an das Ausgleichsamt des Kreises Bergstraße vom 7. 2. 1973:
„Am 9. November 1938 erschienen Lastautos, gefüllt mit schwarz uniformierten Sturmtruppen. Sie stürmten in die Gebäude und befahlen uns hinter dem Gebäude anzutreten. Es war stock dunkel und wir wurden mit starken Scheinwerfern geblendet. Untermischt mit Schimpfwörtern wurde uns erklärt, dass wir erschossen würden, aber vor der Hinrichtung sollten wir zusehen, wie sie das ‚Judennest‘ vollständig zerstören würden. Sie stohlen, was sie für sich haben wollten und zertrümmerten alles was in bestialischer Weise zerstört werden konnte.
Zum Schluss gaben sie den Befehl das Landwerk Halbe zu verlassen und erklärten mit grausamen Drohungen, dass sie morgen zurückkommen würden, um sich zu versichern, dass ihr Befehl ausgeführt wurde. Dann bestiegen sie ihre Lastwagen und verschwanden in der Nacht. Das war das Ende des Landwerk Halbe.“
Novemberpogrom in Kaiserslautern
10.11.1938 Gerda Kayem berichtet: „Ihre nichtjüdische Schulfreundin Lilo Machers, geb. Steinmann, Tochter des Kunsthändlers Julius Steinmann in der Eisenbahnstraße, sei mit dem Auto vorgefahren, habe Frau Kayem mit ihren beiden Töchtern eingeladen und zunächst in ihr Elternhaus in die Eisenbahnstraße gebracht. Dann nahm sie die Kayems mit in ihr Haus nach Offenbach am Main, wo Lilo Machers seit ihrer Heirat mit dem Apotheker Machers seit kurzem lebte. Dort wohnten Klara, Ilse und Gerda Kayem dann einige Wochen. Lilo Machers, so Gerda Kayem wörtlich „hat sich der Freundschaft zu unserer Familie nie geschämt und hat mich und meine Schwester nach dem Krieg übers Rote Kreuz suchen lassen.“
Gerda Kayem gemeldet als Haushilfe in Gorssel, Gelderland, Niederlande
21.3.1939 Ankunft von Gerda Kayem in Haifa mit Bernd Jonas (zuvor zur Hachschara im Werkdorp Nieuwe Sluis Wieringermeer)
2. 9. 1941 Gemeinsame Einbürgerung von Gerda und Jonas Bernd in Palästina
Minderheitenzählung 1939
17.5.1939 Ilse Kayem noch bei der Mutter Klara in Mannheim, Sophienstraße 24
Ilse Kayem auf dem Kladovo-Transport
Vom Hechaluz Österreich organisierte Alijah, Sonderhachschara SH-5; Plan über die Donauroute, Schwarzes Meer, Palästina
24./25.11.1939 mit 822 von Wien nach Bratislava; dort kamen weitere 130 aus Berlin, 50 aus Danzig, 100 aus Prag
Anfang Dezember auf die SS URANUS zunächst nach Gyor; dann wieder zurück nach Bratislava
12.12. 1939 weiter nach Bezdan
14./15.12.1939 in Budapest auf drei jugoslawischen Schiffen SS Kraljica Marija, Car Dusan and Car Nikola zur jugoslawisch-rumänischen Grenze. Die Rumänen verweigern die Einreise
18.12.-30. 12.1939 in Prahovo
31.12.1939 die Schiffe liegen im Winterliegeplatz in Kladovo, die Flüchtlinge bleiben an Bord
Januar 1940 ein umgebauter Schleppkahn wird angehängt, um mehr Platz zu haben
Mai 1940 die Schiffe fahren ab, die Flüchtlinge suchen bei Bauern Unterkunft
19. 9.1940 die Flüchtlinge werden auf dem Kahn nach Sabac geschleppt
Unterbringung in Sabac in einer alten Mühle und einem Getreidespeicher
März 1941 verlassen einzelne Familien, 200 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren Sabac mit legalen Visa, darunter auch Ilse Kayem – trotz ihres Alters von 28 Jahren; über Griechenland, Istanbul, das syrische Aleppo und Beirut erreichen sie Palästina
6.4.1941 Einmarsch der Wehrmacht in Serbien
August 1941 Juden von Sabac und die Flüchtlinge in einer alten Festung Camp Sabac interniert
11.10.1941 Jüdische Männer, Zigeuner und manche Serben verlegt in das Seniak Camp
12./13. Oktober 1941 Massenerschießung in Zasavica von 2100 als Racheaktion für 21 tote deutsche Soldaten
Die Bürckel-Wagner-Aktion in Baden
22.10.1940 Mutter Klara in Mannheim in das Sammellager Turnhalle der C6-Schule „Kurfürstenschule“
Auf dem ersten von sieben Transporten von 6500 Juden des Saarlandes, der Pfalz und Baden, davon 1972 aus Mannheim in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich transportiert in der „Bürckel-Wagner-Aktion“.
März 1941 Verlegung verschiedener Gruppen aus Gurs in andere Lager: Betagte Menschen kamen nach Noé, Schwerbehinderte nach Récébédou, Familien in das sogenannte ‚Familienlager‘ Rivesaltes,
In Gurs arbeitete Klara Kayem als Friseuse und erlernte die Anfertigung von Stoffblumen, um sich etwas Taschengeld zu verdienen.
5.4.1941 Antrag des Vetter Fritz Pappenheim (*18.5.1902 in Köln, ✡31.7.1964 in Cambridge), der in Nizza lebte, für sie einen Erholungsurlaub und stellte die Summe von 18.000 frs. zu ihrer Verfügung bereit. Viele Gurshäftlinge sind noch auf diesem Weg über ein Sammellager in Marseille nach Casablanca gereist und von dort auf der portugiesischen SS GUINEE in die USA gereist. Bei Klara Kayem war dies offenbar nicht möglich.
6.8.1942 Mutter Klara aus Gurs nach Drancy, Sammellager
10.8.1942 vom Sammellager Drancy nach Auschwitz
Gedenken
Grabsteine für Gerda Katz und Tochter Narda auf dem Sde Warburg Cemetery, Israel
12.10.2015 10 Stolpersteine für Gerda Kayem und ihre Familien in Kaiserslautern, Glockenstraße 83
Quellen
Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939
Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947
https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de890533
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/127212883
Peter W. Lande, Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History
https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/ein-kibbuz-in-westfalen
https://archive.org/stream/MitteilJdischerPfadfinder/Nr.%2010%20%281936%29_djvu.txt
Jüdische Einwohner von Westerkappeln seit 1933 mit Belegungsliste Westerbeck, erstellt von der Gemeinde Westerkappeln am 14.11.1946