Lerner Assi

Assi Asse Lerner

*17.10.1925 in Hamburg; ✡ 1945 in Braunschweig

Staatsangehörigkeit polnisch; staatenlos

Religion jüdisch

Vater Karl Kalmann Lerner *16.9.1885 ; ✡ 14.1.1935 in Hamburg

Mutter Regina Rifka Getzler-Kriegel *17.7.1885; ✡ 17.12.1935 in Hamburg

Geschwister

Ettel Lehrner 1915 in Hamburg ; ✡16.6.1918 in Hamburg mit 3 Jahren, 3 Monaten

Hermann Lerner *27.5.1921 in Hamburg; ✡ ?

Fraglich verwandt

Louis Lerner Mai 1926 verstorben als Frühgeburt

Beruf Landwirtsch. Praktikant

Adressen Hamburg, Forsmannstraße 14; Berlin; Jessen-Mühle;Neuendorf

Heirat ledig

Kinder

Weiterer Lebensweg

Juni 1918 Vater Kalman Lerner Kaufmann und Soldat

14.1.1935 Tod des Vaters Kalmann in Hamburg

Seine Vormunde heißen Dr. Ginsburg und Herr Getzler (Onkel?), auch in der Forsmannstraße 14 wohnhaft

1935 Eintritt von Asse Lerner in die Talmud Thora Schule in Berlin, wohnt im jüdischen Kinderheim Beit Ahawah, Auguststraße 14/16

1936 Asse Lerner wieder nach Hamburg abgemeldet

7.2.1936 Ausstellung eines polnischen Passes für Bruder Hermann in Hamburg

4.5.1936 Ankunft von Bruder Hermann auf der SS JERUSALEM in Haifa mit Studentenzertifikat B III

28.10.1938 Eltern abgeschoben nach Zbaszyn?

17.5.1939 im Grindel, Hamburg bei Minderheiten-Volkszählung

Zur Hachschara ins Lager Jessen-Mühle

5.7.1941 behördliche Anordnung zur Auflösung der Hachschara-Lager; Um­be­nen­nung der noch bestehenden in „Jü­di­sches Ar­beits­ein­satz­lager“

Mai bis September 1941 Auflösung der Hachscharalager Ahrensdorf, Jessen, Havelberg; Verlegung der Chaluzim in das Lehrgut Neuendorf im Sande; nur ein kleiner Teil darf noch im Landwerk selbst arbeiten, die meisten werden zur Zwangsarbeit bei Unternehmen in Fürstenwalde verpflichtet.

27.5.1941 aus dem Lehrgut Jessen-Mühle zur Hachschara ins Landwerk Neuendorf im Sande

2.4.1942 Verhaftung der älteren und der bereits bei der Gestapo zuvor auffällig gewordenen Chaluzim aus Neuendorf und Deportation auf Lastwagen in eine große Turnhalle nach Frankfurt/Oder

3.4.1942 Deportation dieser Neuendorf-Gruppe mit 1009 Personen nach Warschau

November 1942 in Kraft tretendes Gesetz: „Alle im Reich gelegenen Konzentrationslager sind judenfrei zu machen und sämtliche Juden sind nach Auschwitz und Lublin zu deportieren.“

20.2.1943 neue Richtlinien des Reichssicherheitshauptamtes für die „technische Durchführung der Evakuierung“

März 1943 Reichsweite „Fabrikaktion“, alle noch in Arbeitslagern und kriegswichtigen Betrieben beschäftigten „Volljuden“ werden verhaftet und in Konzentrationslager nach Auschwitz und ins „Generalgouvernement“ deportiert

31.3.1943 Die Belegschaftsliste des Landwerk Neuendorf enthält 96 Männer (drei abwesend) und 76 Frauennamen

7.4.1943 Zustellung der Transportlisten für Neuendorf

10. 4.1943 169 Chawerim aus Neuendorf mit LKW nach Fürstenwalde, von dort mit der Bahn nach Berlin; zu Fuß ins Sammellager ehemaliges jüdisches Altenheim Große Hamburger Straße 26; in Berlin vom Transport zurückgestellt 16 Personen (Geltungsjuden, Juden aus privilegierten Mischehen etc.)

19.4.1943 Chawerim aus 10 jüdischen Einsatzlagern, allein 153 Personen aus dem Landwerk Neuendorf bei Fürstenwalde auf dem 37. Osttransport von Berlin nach Auschwitz (Fabrikaktion)

Esther Bejarano erinnert sich:

„Wohin der Zug fuhr, wussten wir nicht. Die Waggons waren überfüllt und wir konnten uns kaum bewegen. Wenn wir mal austreten wollten, mussten wir über die Menschen steigen, um an die Kübel in der Ecke zu gelangen. Die Luft in den Waggons war miserabel und wurde immer schlechter.“

Esther berichtet auch, dass viele alte und schwache Menschen diese mehrere Tage dauernde Fahrt in den Viehwaggons nicht überlebten. Ihre Leichen blieben die ganze Zeit in den Waggons.
Mit Esther saßen viele der Jugendlichen im Waggon, mit denen sie in Neuendorf zusammen war: Eli Heymann, Schimschon Bär, Schoschana Rosenthal, Miriam Edel, Anne Borinski, Hilde Grünbaum, Karla und Sylvia Wagenberg, Herbert Growald und noch viele andere.

20. 4. 1943 Ankunft in Auschwitz; Notiz im Lagerbuch von Auschwitz:

„Mit einem Transport der RSHA […] sind etwa 1 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder eingetroffen. Nach der Selektion werden 299 Männer, die die Nummern 116754 bis 117502 erhalten sowie 158 Frauen, die die Nummern 41870 bis 42027 erhalten, als Häftlinge in das Lager eingewiesen.
Die übrigen 543 Deportierten werden in den Gaskammern getötet.“

Lerner wird zur Zwangsarbeit im Auschwitz-Nebenlager Monowitz eingewiesen: ihm wird die Auschwitz-Häftlingsnummer 117034 in den linken Unterarm tätowiert

12.8.1944 letzter Akteneintrag in Monowitz

15.1.1945 die Häftlinge in Auschwitz hören den russischen Kanonendonner 30 km aus dem Osten

18.1.1945 Evakuierung aller drei Auschwitz-Lager; ca. 60 000 Häftlinge; 10000 aus Monowitz

18.1.1945 Beginn des Todesmarsches mit 400 Frauen von Auschwitz- Birkenau nach Loslau

Auschwitz-Überlebende berichten von der Brutalität der SS-Leute während des Todesmarsches:

Zofia Posmysz:

„Der letzte Tag in Auschwitz war der 18. Januar. Nach drei Tagen und drei Nächten zu Fuß wurden wir in offenen Güterwagen nach Ravensbrück gebracht.“

Asher Aud:

„Wenn wir sind gegangen Totenmarsch, da sind keine Menschen gegangen, da sind nur Skelette gegangen.“

Sigmund Kalinski:

„Wer nicht konnte oder wer zur Seite war, wurde erschossen, bei ungefähr 15 bis 20 Grad minus in unseren Kleidern.“

Isidor Philipp berichtet:

„Wer sich hinlegte, wurde von den SS-Männern, die auf Motorrädern fuhren, erschossen.“

19. – 23.1.1945 Ankunft in den Eisenbahnknotenpunkten Gleiwitz und Loslau. Von Gleiwitz oder Loslau in Güterwaggons zu westlich gelegen Konzentrationslager wie Buchenwald, Ravensbrück

Isidor Philipp berichtet:

„Von dort begann dann – in offenen Kohlewaggons und bei 15 Grad unter Null – die Fahrt durch Polen, Tschechoslowakei und Österreich zurück nach Deutschland.“

Nach Schätzungen starben bei diesen Räumungstransporten von Auschwitz insgesamt zwischen 9.000 und 15.000 Häftlinge.

Assi Lerner mit 4000 Häftlingen von Gleiwitz in offenen Güterwaggons Irrfahrt über Tschechien, nach Mauthausen und wieder nach Deutschland

28.1.1945 Ankunft von 3500 Häftlingen, 500 Toten in Nordhausen KL Mittelbau Dora bei Nordhausen, V2-Produktion

Zwei Tage später waren weitere 600 Häftlinge tot;

unterirdische Flugzeug- und V2-Raketenfabrikation

Nach Auflösung von Dora nach Ravensbrück

14.4.1945 Ankunft im überfüllten Frauen-KL Ravensbrück; Unterbringung im Jugendlager Uckermarck;

registriert im KL Ravensbrück unter dem Namen des Zwillingsbruders Hermann zusammen mit Isi Philipp und Theo Lehmann

24.4.1945 Ankunft im Auffanglager Wöbbelin nach Weitertransport;

das Außenlager Wöbbelin des Konzentrationslagers Neuengamme nach der Befreiung; es bestand als Auffanglager nur zehn Wochen, vom 12. 2 bis zum 2. 5.1945;

2.5. 1945 Befreiung im Lager Wöbbelin, die SS-Wachen fliehen nach einem Luftangriff

Juni 1945 im Ev. Bethlehemsstift, Stadtkrankenhaus in Ludwigslust, Mecklenburg

Assi Lerner bittet um Verlegung ins Jüdische Krankenhaus Hamburg

21.9.1945 Verlegung in die Lungenheilstätte Schwerin-Lankow

30.10.1945 Tod an Tuberkulose im Krankenhaus der Sozialversicherung des Landes Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin-Lankow

Gedenken

18.6.1918 Beisetzung der Schwester Ettel auf dem Jüdischer Friedhof Ilandkoppel, Hamburg-Ohlsdorf

17.1.1935 Beisetzung des Vaters Kalmann Lerner auf dem Jüdischer Friedhof Ilandkoppel, Hamburg-Ohlsdorf, unter Mithilfe der Chewra Kadisha (Beerdigungsbruderschaft)

13.7.1958 Page of Testimony für Asse von seinem Bruder Zwi Hermann Lerner

Quellen

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1101513

BILDER & DOKUMENTE – הכשרות החלוץ בגרמניה – דור המשך (hachshara-dor-hemshech.com)

https://yvng.yadvashem.org/ad

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/12663716

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/3768509

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/86342292

Harald Lordick, Das Landwerk Neuendorf: Berufsumschichtung – Hachschara – Zwangsarbeit; in Pilarczyk, Ulrike (Hrsg) Hachschara und Jugendalija, Schulmuseum Steinhorst, 2019

Lore Shelley (Editor), The Union Kommando in Auschwitz, Lanham, New York, London, 1996

Wiehn Erhard (Hrsg) Wer hätte das geglaubt, 2010, Hartung Gorre Verlag

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Staatsarchiv Israel, Einwanderungslisten

Harald Lordick, Landwerk Neuendorf in Brandenburg, in: Kalonymos, 2017, Heft 2

Esther Bejarano, Man nannte mich Krümel, Curio Verlag 1989

Esther Bejarano, Erinnerungen, Laika Verlag, 2013

Anneliese Ora-Borinski, Erinnerungen 1940 – 1943, Kwuzat Maayan-Zwi, Israel 1970

Diethard Aschoff, „Jeden Tag sahen wir den Tod vor Augen“. Der Auschwitzbericht der Recklinghäuserin Mine Winter, in: VZ 94 – 96, 1995 – 97, Hrsg. W. Burghardt, S. 321 – 386

Video-Interview mit Issy Philipp 1994

Naftali-Rosenthal-Ron, Aufblitzende Erinnerungen, Autobiografie; deutsche Übersetzung von Alice Meroz, Berlin 2015

Danuta Czech, Lagerbuch von Auschwitz

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/127212883

Ernest W. Michel, „Promises Kept – Ein Lebensweg gegen alle Wahrscheinlichkeiten“, 2013

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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