Philipp Issy Isidor

Isidor Issy Philipp

*9.2.1906 in Recklinghausen; +1990 in Israel

Isidor Philipp (rechts) mit Weggefährten Peter Wolff 1946 in Haifa

Vater Max Philipp *Dezember 1882 in Recklinghausen; Soldat 1.WK; +9.6.1927 in Recklinghausen

Mutter Rosa Markus *8.6.1874 in Recklinghausen; +2.3.1941 in Unna (Altenheim)

Großeltern

Isack Philipp *6.12.1853. +24.11.1893 in Recklinghausen

Henriette Meyer *22.3.1852 in Sögel; +4.9.1933 in Recklinghausen

Geschwister

Alfred Philipp*4.5.1907; 10.5.1937 Niederlande, dann Palästina; + 1980 Israel

Erna Philipp *16.4.1909 in Rhs, 1938 nach Köln, oo Josef Willner; Deportation 20.07.1942 ab Köln, +24.07.1942 in Trostenez bei Minsk, Vernichtungslager

Kurt Philipp *13.1.1911, ab 1933 auf Wanderschaft, Berlin, dann Niederlande; Heirat 15.9. 1938 Groningen mit Lieselotte Henriette Oppenheimer *24.11.1915, Palästina

Beruf Kraftfahrer

Adressen Bochumer Straße 73

Heirat 22.2.1943 in Paderborn Henny Grossmann *10.7.1904 in Eisenach; +1.3.1943 in Auschwitz (Henny Grossmann war eine Großcousine von Hans Aris aus Recklinghausen-Suderwich)

Kinder aus zweiter Ehe mit Zipporah : Zwei Töchter, verheiratet Chafkin und Itay

Weiterer Lebensweg

1912 bis 1920 Jüdische Schule Recklinghausen

Aktives Makkabi-Mitglied

Aktives Mitglied bei den Leichtathletik- Senioren über 32 Jahre im TuS Hakoah Recklinghausen

August 1928 Vintus- Leichtathletik Meisterschaften in Aachen; Philipp Dritter im Kugelstoßen, Fernbach Sieger

1933 – 1936 Fahrer für den Tabakgroßhandel von Adolf Aron

1936(?) meldet er sich freiwillig zur Umbettung der Verstorbenen vom alten jüdischen Friedhof, wo er unter anderem die Gebeine seiner Großeltern Isack und Henriette Philipp exhumiert. (Umbettung der 20 letzten Grabstätten mit den zugehörigen Grabsteinen zum neuen Friedhof am Nordcharweg)

Aktiv als Gruppenleiter in jüdischen Sportgruppen, er erinnert sich an seinen Aufenthalt in der Krankenbaracke in Auschwitz:

“ Fredi Diament (Gelsenkirchen), dem ich in Deutschland Turnstunden erteilt habe, gab mir eine Schüssel Suppe…“

Bis November 1938 Sporttrainer in Gelsenkirchen, wohin er mit dem Fahrrad fährt

Mai 1939 wohnt bei der Mutter Rosa , Minderheitenzählung

2.10.1939 abgemeldet nach Neuendorf im Sande, Haschara Lager Landwerk

arbeitet auf einem Hof in Altmahlisch, Kreis Lebus, nahe Neuendorf

Aufenthaltsliste der RVJD Paderborn

19.11.1939 von Altmahlisch zusammen mit Walter Mansfeld (Lüchow), Helmut Marx (Mönchengladbach) und Heinz Cohn (Königsberg) ins Umschulungs- und Einsatzlager Paderborn der RVJD Grüner Weg 86;

Issy in Paderborn als „Küchenchef“ für die Chawerim; sorgt dafür, dass von einzelnen ergattertes Essen allen zu Gute kommt. Organisiert Feiern und Sportwettkämpfe

29.4 1940 Mutter ins israelitische Altenheim der westfälischen Gemeinden in Unna

5.7.1941 angeordnete Um­be­nen­nung „Jü­di­sche Ar­beits­ein­satz­lager Paderborn“

November 1942 in Kraft tretendes Gesetz: „Alle im Reich gelegenen Konzentrationslager sind judenfrei zu machen und sämtliche Juden sind nach Auschwitz und Lublin zu deportieren.“

22.2.1943 heiratet eine Woche vor Deportation Henny Großmann in Paderborn

März 1943 Reichsweite „Fabrikaktion“, alle noch in Arbeitslagern und kriegswichtigen Betrieben beschäftigten „Volljuden“ werden verhaftet und in Konzentrationslager nach Auschwitz und ins „Generalgouvernement“ deportiert

27.2.1943 Befehl von Wilhelm Pützer (1893-1945), Leiter des Judenreferats der Gestapo-Außendienststelle Bielefeld, das „jüdische Arbeitseinsatzlager in Paderborn“ aufzulösen und deren Insassen und weitere Juden aus dem Sprengel bis zum 1. März, also zwei Tage später, nach Bielefeld zu bringen, wo sie „spätestens“ bis 13 Uhr im „Saal der Eintracht“ eintreffen mussten.

1.3.1943 Auflösung des Arbeitslagers Paderborn; mit der Bahn nach Bielefeld; mit Bussen ins Sammellager Saal im Haus der Gesellschaft „Eintracht“ am Klosterplatz

2.3.1943 40 Stunden im geschlossenen Güterwaggon, Transport Bielefeld über Hannover – Erfurt – Dresden nach Auschwitz mit allen 98 Chawerim aus dem Arbeitslager

3.3.1943 Ankunft und Selektion in Auschwitz; Ernst Michel berichtet:

„Es gab nun zwei Reihen, beide rückten langsam voran. Männer an eine Seite, Frauen an die andere. … Issy schlurfte neben mir. Er war in Paderborn einer der charismatischen und zuverlässigsten Leiter. Er war dynamisch, optimistisch und stets hilfsbereit. Er war stark wie ein Stier. Er hatte Lilo in Paderborn geheiratet einige Wochen vor unserer Deportation. Sie war bereits auf der anderen Seite. Tränen rannen sein Gesicht hinunter. Ich berührte ihn. Er nickte nur.“

Häftlingspersonalbogen Auschwitz, fast alle der 59 Männer aus Paderborn für Buna Monowitz selektiert

Eingewiesen in Auschwitz III zum Aufbau des IG-Farben Werkes Buna Monowitz, Häftlingsnummer 105 008

Kalendarium von Auschwitz vom 3.3.1943

„Reichssicherheitshauptamt Transport, Juden aus Berlin. Nach der Selektion lieferte man 535 Männer als Häftlinge ins Lager ein, sie bekamen die Nr. 104 890 – 105 424; 145 Frauen bekamen die Nr. 36 9035 – 37 079. Die übrigen wurden vergast.“

In Auschwitz-Monowitz „BUNA“ Vorarbeiter; er führt die Chawerim aus Paderborn, Leiter der zionistischen Gruppe „NOHAM“( Noar Halutzi Meuchad) im KL Auschwitz

Eines Tages wird er mit Lungenentzündung und 40° Fieber in die Krankenbaracke von Monowitz gebracht:

Arthur Posnanski, der in der Krankenbaracke arbeitete, schaute mich an und sagte nur drei Worte: „Du auch, Issy?“

Er wird mit Hilfe von Artur Posnanski vor einer Selektion durch den SS-Arzt gerettet. Zwei anderen Chawerim aus Paderborn – Manfred Abraham und Nathan Joselewitsch haben bereits resigniert und werden mit einem Lastwagen in die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau gebracht.

18.1.1945 „Evakuierung aller drei Auschwitz-Lager; ca 60 000 Häftlinge auf dem Todesmarsch über 80 km von Auschwitz nach Gleiwitz; Isidor Philipp berichtet:

Theo Lehmann und ich schleppten einen Häftling, einen schwachen jungen Mann, bis Gleiwitz mit. 8o km im tiefen Schnee. Wer sich hinlegte, wurde von den SS-Männern, die auf Motorrädern mit Beiwagen fuhren, erschossen.“

Außenlager des KZ Buchenwald KL Mittelbau Dora bei Nordhausen, V2-Produktion

Nach Auflösung von Dora Irrfahrt über Tschechien, nach Mauthausen und wieder zurück nach Ravensbrück,

„Von dort begann dann – in offenen Kohlewaggons und bei 15 Grad unter Null – die Fahrt durch Polen, Tschechoslowakei und Österreich zurück nach Deutschland.“

Registrierung in Ravensbrück mit seinem Freund Theo Lehmann

zuletzt im KL Außenlager Wöbbelin;  das Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme bestand nur zehn Wochen, vom 12. Februar bis zum 2. Mai 1945; die SS-Wachen fliehen nach einem Luftangriff.

Isidor Philipp berichtet:

„Wir waren jetzt in der Gegend von Hannover, … Wir waren frei, Theo und ich. In einem kleinen Dorf fanden wir eine Familie, die uns ein Zimmer mit Betten gab. Es gab aber nichts zu essen.“

März 1945 Todesmarsch nach Bergen-Belsen

3. Mai 1945 Befreiung

mit dem Zug nach Berlin, bekommt DP-Papiere,

Juni 1945 verließen 16 jüdische Überlebende Buchenwald, um das „Kibbuz Buchenwald“ zu gründen, auf einem Landgut in Egendorf unweit von Weimar, ein von der US-Army zur Verfügung gestellter Bauernhof.

Isi Philipp kommt wie viele andere dann zum „Kibbuz Buchenwald“, der aber bald von der Gruppe wieder geräumt wird, da die Sowjets nach Rückzug der US-Army Thüringen besetzen. Die Gruppe zieht auf den Gehringshof bei Fulda.

Ende August 1945 verließ eine erste Gruppe des Kibbuz Buchenwald den Gehringshof in Richtung Palästina. Isi Philipp wird von der „Jewish Brigade“ bestimmt, diese Gruppe von Düsseldorf nach Antwerpen zu führen. Internierung im Camp Antwerpen. Mit dem LKW nach Marseille;

März 1946 von Marseille mit der SS TEL HAI illegal nach Haifa; ursprünglich SS ASYA

vor Haifa wird das Schiff von der britischen Marine aufgebracht und übernommen; nach Ankunft in Haifa zunächst im Hafengelände

Die illegalen Immigranten der SS TEL HAI im Hafen von Haifa März 1946

Internierung für zwei Wochen im Camp Athlith; lebt nach Freilassung im Kibbuz Bet Degania, wo er seine zweite Frau Zippora kennenlernt; Umzug nach Tel Aviv

1962 zu Besuch bei seiner Cousine Martha de Vries geb. Markus in Recklinghausen

9.2.1986 80. Geburtstag, Treffen der Weggefährten aus Paderborn in Israel. Auszüge aus der Rede von seinem Freund Kurt Löwenstein:

“ …Nordhausen. Eines Tages erschien Isi und erklärte, dass er Brot verschaffen wird. Wie? ‚Ich werde boxen gehen!‘ ‚Aber du kannst doch gar nicht boxen.‘ ‚Was ist das denn wichtig, die Hauptsache, ich erhalte Brot.‘ Nichts half, kein Abreden, kein Schimpfen.Isi ging zum Vergnügen der SS-ler boxen. Er kam zurück, zerschlagen und zerschunden, scheu lächend zog er unter seiner Bluse einen Laib Brot hervor. Er nahm ein Messer und schnitt eine Scheibe nach der anderen ab und verteilte sie unter den Kameraden.“

19.-28.5.1989 Treffen der Weggefährten aus Paderborn auf Einladung der Stadt Paderborn

Berichtet über seinen Besuch in Recklinghausen 1962

23.5.1993 4-h-Interview Oral-History auf hebräisch über Recklinghausen, Paderborn, Ausschwitz und vieles mehr

Tod in Israel

Quellen

https://www.recklinghausen.de/Inhalte/Startseite/Ruhrfestspiele_Kultur/Gedenkbuch/_Opferbuch_selfdb.asp?form=detail&db=545&id=483

Margit Naarmann, Ein Auge gen Zion, Paderborn, 2000; ISBN3-89498-087-7

Ernest W. Michel, „Promises Kept – Ein Lebensweg gegen alle Wahrscheinlichkeiten“, 2013

Kurt Salinger, Nächstes Jahr im Kibbutz, Paderborn 1998

www.80jahrepogrom.jgpb.de/erwin-angress/

https://collections.ushmm.org/search/catalog/irn502912

Sterberegister NRW P9-12_00282

Heinz Reuter, Die Juden im Vest Recklinghausen, Vestische Zeitschrift Bd. 77/78, 1978/1979

Werner Schneider, Jüdische Heimat im Vest Gedenkbuch 1983

Werner Schneider, Jüdische Einwohner Recklinghausens 1816-1945, in: 750 Jahre Stadt Recklinghausen. 1236-1986, hrsg. von Werner Burghardt, Recklinghausen 1986

Georg Möllers / Jürgen Pohl: Abgemeldet nach „unbekannt“ 1942, Die Deportation der Juden aus dem Vest Recklinghausen nach Riga, hrsg. von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Recklinghausen, Klartext Verlag, Essen 2013.

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939
Bundesarchiv Koblenz. Gedenkbuch-Opfer der Verfolgung unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933 –1945.

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de991518
ITS Arolsen  International Tracing Service, Bad Arolsen;  https://collections.arolsen-archives.org/archive/2690078/?p=1&s=Philipp%20Isidor&doc_id=2690079

https://collections.arolsen-archives.org/archive/4563335/?p=1&s=Marcus%20Ilse&doc_id=4563337

Holocaust.cz, Datenbank der Holocaust Opfer

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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