Lippmann Alwin

Alwin Lippmann

*22.1.1892 in Düsseldorf; ✡1944 in Auschwitz

Staatsangehörigkeit deutsch

Religion jüdisch

Vater Fritz Lippmann *29.9.1864 in Nicolai, Pless, Schlesien; ✡14.2.1936 in Breslau

Heirat der Eltern 24.12.1890 in Düsseldorf

Mutter Johanna Vogelsang *1.11.1867 in Asseln ✡ 6.5.1905 in Wiesbaden

Onkel/Tanten

Moses Vogelsang*9.10.1854 in Asseln; ✡ 22.1.1933 in Düsseldorf; oo Sophie Mayer

Philipp Vogelsang *2.5.1847 in Asseln; ✡ 6.11.1902 in Asseln; oo Bertha Steinweg (1847 -1924)

Cousin Louis Ludwig Vogelsang * 15.2.1884 in Asseln, heute Dortmund; ✡ 28.1.1938 in Asseln; oo Helene Cohn (*17.5.1887; ✡1942 in Riga)

Geschwister

Minna Lippmann Jan. 1891 ; ✡ 30.8.1895 in Düsseldorf

Beruf Rechtsanwalt, Dr. jur.

Adressen Düsseldorf; Werne/Lippe, Steinstraße 33;  Dortmund, Stiftstraße 15; Königswall 46

Heirat Rosa Rosel Cahn *30.10.1901 Bochum-Weitmar; ✡Ende 1942 in Belzec oder Sobibor

Schwiegermutter Helene Gumpert gesch. Cahn *28.7.1869 in Werne/Lippe

Kinder

Hannelore Lippmann *12.10.1922 Düsseldorf; ✡Ende 1942 in Belzec oder Sobibor

Inge Lippmann *14. 3.1926 Düsseldorf; ✡Ende 1942 in Belzec oder Sobibor

Weiterer Lebensweg

Alwin Lippmann und Helene Cahn

Nach der Scheidung von Salomon Cahn zieht Rosels Mutter Helene zu ihren Geschwistern nach Werne; Tante Cäcilie und Onkel Louis Gumpert lebten dann gemeinsam mit ihrer geschiedenen Schwester Helene Cahn in der Bonenstraße und führten dort ein Modegeschäft. Zur Familie gehörten außerdem die Brüder Sally und Leopold.

Rosa geht zu Onkel Sally und dessen Frau Bertha nach Düsseldorf, wo sie vermutlich Alwin Lippmann kennenlernt.

Lippmann im Ersten Weltkrieg

4. Kompagnie des bayrischen Reserve-Infanterieregiments 19; im Ersten Weltkrieg; dreimal verwundet gemeldet: zweimal 1915 als Gefreiter leicht verwundet; 1917 als Vizefeldwebel schwer verwundet; mehrfach ausgezeichnet

Deutsche Verlustlisten vom 23.7.1917 Seite 19749

Mieczyslaw (Mendel) Garfinkiel, Vorsitzender des Judenrates im Ghetto von Zamość, erwähnt Alwin Lippmann mehrfach: „Im Mai 1942 ernannte der Rat Alwin Lippmann zum Kommandanten des Ordnungsdienstes, einen deutschen Juden aus Dortmund, ehemaliger Oberleutnant der deutschen Armee vor 1918, Flieger im Geschwader Richthofen, persönlicher Bekannter Görings und Udets, ein Mann, der fast alle deutschen Kriegsauszeichnungen und handschriftliche Danksagungen Hindenburgs und Mackenzens besaß.“

Felix Theilhabers  schreibt 1924  in „Jüdische Flieger im Welt krieg“, Hrsg. Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RJF) sowie 1935 in einer Sonderausgabe der Zeitschrift „Der Schild“ (RjF) über Lippmann: „Ein Mann, der auf Grund seiner Lebensgeschichte bestimmt als ‚Arier’ reklamiert werden dürfte, ist der Düsseldorfer Alwin Lippmann, Lindemannstr. 23a.

Seine Kriegsstammrolle zeigt kurz folgende Einträge auf:

September 1914 Kriegsfreiwilliger beim 3. bayer. I.-R. Augsburg,

Dezember 1914 mit bayer. R.-I.-R. 19 ins Feld.

Juni 1917 Leutnant d.R. (Eine Offizierslaufbahn war für Juden nur in Bayern und Österreich möglich, nicht aber in der Preußischen Armee)

Oktober 1918 Oberleutnant d.R.

Nach Kriegsende ein eigenes Detachement beim Grenzschutz in Oberschlesien, wo er im Kampf mit polnischen Insurgenten das fünftemal, und zwar durch Kopfschuß, verwundet wurde.

Acht Auszeichnungen: E.K.I. und II., bayer. Militärverdienst kreuz mit Krone und Schwertern, Verwundeten-Abzeichen in Silber, bayer. Tapferkeitsmedaille, Schles. Adler I. und II. Klasse. Lippmann wurde als Flieger in Hasselt ausgebildet, gab aber das Fliegen infolge schwerer Verwundung (Verlust eines Knochens der linken Elle durch M.-G.-Schuß) auf und ging zur Infanterie zurück, wo er von 1916 bis Kriegsende beim bayerischen I.-R. 12 war.

Thomas Tovi Blatt, Mithäftling im Gefängnis von Stryi Izbica berichtet später in seinem Buch „From the Ashes of Sobibor“, Lippmann „hätte General Erich Ludendorff bei Hitlers Rebellion unterstützt“ und auch im „Polnischen Feldzug als Hauptmann in der Deutschen Armee gedient“. Gemeint sind hier wohl die nach 1918 bestehenden Freikorps.

Der Vorstand des RjF Düsseldorf (Reichsbund jüdischer Frontsoldaten), November 1932
Alwin Lippmann im Zentrum , Cousin Alfred Vogelsang, 1.Reihe 1. v.l.; Rabbi Siegfried Klein 2. Reihe rechts;
Foto: Mahn- und Gedenkstätte Landeshauptstadt Düsseldorf, Sammlung B. Suchy

4.8.1933 Rosa Lippmann mit Mann und Töchtern von Düsseldorf zur Schwiegermutter Helene Cahn nach Werne

Novemberpogrom

10.11.1938 im Novemberpogrom in Werne (entnommen aus „Verwischte Spuren“):

 „Als die SS in sein Haus eindrang floh Louis Gumpert aus dem Fenster des ersten Stocks. Mit einem Sprung wollte er sich auf das Dach des Nachbarhauses in Sicherheit bringen. Gumpert, damals fast 63 Jahre alt, rutschte jedoch ab und konnte sich nur knapp an der Dachrinne des Nachbarhauses festhalten. Diese konnte sein Gewicht jedoch nicht tragen, sie brach ab und Gumpert stürzte acht Meter in die Tiefe. Bei dem Sturz brach er sich die Kniescheibe. Kretschmer, der inzwischen das Haus wieder verlassen hatte, rief von unten zum offenen Fenster des Hauses Gumpert herauf: „Schmeiß uns mal so ein Judenweib herunter!“ und stachelte die Menge an, Steine und Stöcke gegen das Haus zu werfen. Louis Gumpert lag derweil schwer verletzt auf der Straße. Erst als vereinzelt aus der umstehenden Menschenmenge gefordert wurde, Gumpert ins Krankenhaus bringen zu lassen, wandte sich Kretschmer ihm zu. Er forderte ihn auf, seinen Namen zu nennen – obwohl er ihn natürlich kannte. Nur gegen Geld käme er ins Krankenhaus. Gumperts Verletzungen waren so schwer, dass er das Krankenhaus erst im März 1939 wieder verlassen konnte.“

23.12. 1938 Zwangszusatzvorname Israel für Alwin Lippmann gemäß der Verodnung über die Änderung der Familiennamen und Vornamen vom 17. August 1938

Frühjahr 1939 Tochter Hannelore zu Großtante Bertha Gumpert nach Düsseldorf,

Juni 1939 Berthas Schwäger/in Cäcilie und Louis aus Werne nach Düsseldorf, Harleßstraße 8

17.5.1939 Alwin Lippmann mit Frau Rosel und beiden Töchtern in Werne/Lippe, Steinstraße 33 bei der Minderheitenzählung

12.1.1940 Umzug der Familie von Werne nach Dortmund, Königswall 46; letzte Wohnadresse laut Gestapofernschreiben

1941 Zwangsumzug der Familie in das Judenhaus Stiftstraße 15 in Dortmund, Tochter Hannelore in die Olgastraße 17

Zamosc

27.4.1942 von der Gestapo aus der Wohnung in Dortmund geholt

27/28.4.1942 Deportation in die Turnhalle des Sportvereins „Eintracht“ in Dortmund

30.4.1942 Deportation mit 791 Juden vom Sammellager zum Dortmunder Südbahnhof am Heiligen Weg; mit dem Zug deportiert nach Zamosc

3.5.1942 Ankunft in Zamosc

Mieczyslaw Garfinkiel, Vorsitzender des Judenrates, beschreibt die Ankunft des Transportes:

 „… der dritte und letzte Transport ausländischer Juden – tausend Personen aus Dortmund aus Westfalen. Da es nach der ersten Liquidierungsaktion in Zamość , bei der am 11. April 3.000 Juden für die Öfen in Bełżec zusammengetrieben und weggeschafft wurden, Platz bei uns gab, hatten wir die Möglichkeit diese Leute bei uns unterzubringen. Diese ausländischen Juden waren sich unserer Situation und der in Polen herrschenden Bedingungen nicht bewusst. Ihr persönliches Gepäck war sehr umfangreich und bewies ihren Reichtum. Außerdem zeigte sich, dass zu jedem der drei Transporte zwei bis drei Waggons mit schwerem Gepäck und Lebensmitteln gehörten. Diese Waggons wurden aber in Lublin, … vom Zug abgehängt und erreichten Zamość nicht. Nur ein deutscher Transport aus Dortmund, angeführt von dem uns bekannten Lippmann, schaffte es, mit seinem Lebensmittelwaggon in Zamość anzukommen – dank dessen persönlichen, sehr energischen Auftretens. … Besonders die Juden aus Deutschland, aus Dortmund, waren guten Mutes und voller Optimismus. Überzeugt, dass sie als Pioniere nach Osten zur Arbeit gingen, hatten die meisten sogar Arbeitsanzüge und Werkzeug sowie Musikinstrumente dabei.“

16.10.1942 Auflösung des Ghetto Zamosc; alle Bewohner ins Ghetto Izbica; von dort weiter in die Vernichtungslager Sobibor und Belzec

Lippmann flüchtet aus Izbica nach Stryi, wird aber gefasst und kommt ins Gefängnis von Stryi.

Jahreswende 1942/43 Haftentlassung, da er behauptet, kein Jude zu sein; er wird zum Direktor der Gasanstalt in Stryj ernannt. März 1943 trifft er erneut Thomas Glatt auf der Straße im Ghetto Stryj.

1.4.1943 Fernschreiben der Gestapo Dortmund an die Staatspolizeileitstelle Düsseldorf:

 „Lippmann ist Volljude und hat sich mit seiner jüdischen Ehefrau bei der Evakuierung seiner beiden Töchter am 30.03.1943(sic) freiwillig zu diesem Transport gemeldet. Als  Ordner seiner jüdischen Rassegenossen war er für die Ordnung und Führung an der Sammelstelle in Dortmund und für die Bahnfahrt zu Osten eingesetzt. L. ist nicht als Leiter eines Transportes mit nach dem Osten gegangen, sondern wie jeder andere Jude des Transportes evakuiert worden. In politischer, krimineller und sonstiger Hinsicht ist er hier nicht in Erscheinung getreten.“

Daraufhin erneute Verhaftung und Verbringung nach Lemberg.

Verlegung von Lemberg ins KL Plaszow zur Zwangsarbeit

10.8.1944 Ankunft im KL Mauthausen, Häftlingsnummer 88547

24.8.1944 Deportation von Alwin Lippmann mit 850  Häftlingen vermutlich vom KL Mauthausen in das Außenlager Außenlager Saurer-Werke Wien

25.11.1958 Alwin Lippmann laut Beschluss des Amtsgerichts Dortmund für tot erklärt

Gedenken

Quellen

Ralf Piorr, Peter Witte, Ohne Rückkehr -Die Deportation der Juden aus dem RegierungsbezirkArnsberg nach Zamość im April 1942; Klartext, 2012

Michael Berger, „Weder Deutscher noch Held“ – Die Geschichte des jüdischen Frontsoldaten Alwin Lippmann, in: Ralf Piorr, Ohne Rückkehr, S. 153 ff.

https://www.mappingthelives.org

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/1592412

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de916764

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de916769

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de916829

https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de916906

Manfred Keller, Spuren im Stein, ein Bochumer Friedhof als Spiegel jüdischer Geschichte, 1997

My Heritage; Wittstamm Webseite zur Familiengeschichte

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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