Weiss Josef

*16.5.1893 in Flamersheim; ✡12.9.1976 in Jerusalem

Staatsangehörigkeit deutsch, staatenlos

Religion jüdisch

Vater Albert Weiss *20.4.1852 in Kirchheim; 4.12.1927

Heirat der Eltern 22.4.1881 in Seibersbach

Mutter Mathilde Michel *17.6.18565 in Seibersbach; 29.8.1920 Flamersheim

Geschwister acht

1933 Josef Weiss und seine acht Geschwister

Siegmund, Jacob, Artur, Jetta, Rosa, Minna, Sally, Emma Weiss

Beruf kfm. Angestellter, Personalleiter

Adressen Krefeld; Köln Braunsfeld, Wiethasestraße 72; Amsterdam

Heirat 6.8.1922 in Köln Erna Falk *2.7.1893 in Krefeld; ✡6.5.1945 in Tröbitz

Kinder

1945 Klaus, Jupp, Wolfgang Weiss

Wolfgang Weiss *29.3.1924 in Köln; ✡ 27.3.2010 in Jerusalem; oo Joke Josephine Soep, Tochter der zweiten Frau von Jupp Weiss

Klaus Albert Weiss/ Aharon Zachor *11.6.1928 in Köln; ✡ 8.2.1989; oo Klara Jakubowicz (1939-2006)

Zweite Ehe des Mannes 18.6.1947 in Amsterdam mit Helena Soep (1907-1995)

Weiterer Lebensweg

Volksschule in Flamersheim

kaufmännische Lehre beim Kölner Kaufhaus Michel & Co; Besitzer waren drei Onkel mütterlicherseits, Moritz, Hermann und Heinrich Michel.

1912-1918 beim „Deutschen Heer“, letzter Dienstgrad Feldwebel, Ausgezeichnet mit dem EK II

1920er Jahre Aufstieg vom kfm. Angestellten zum Personalchef im Kaufhaus Michel; in dieser Funktion war er vom Arbeitgeberverband zusammen mit dem Personalchef des „Kaufhof“ als Beisitzer des Arbeitsgerichts Köln ernannt

1933 Jupp Weiss in Haft

Sommer 1933 Erna Weiss mit beiden Söhnen von Schleusern über die grüne Grenze nach Holland gebracht

14.7.1933 Nach Haftentlassung Emigration von Jupp Weiss von Köln nach Amsterdam

28.9.1933 Umzug nach Bloemendaal, Aerdenhout, Dahlialaan 44

Eintritt in den niederländischen Zionisten-Bund, N.Z.B., Leiter der Jugendabteilung

Die Hachschara-Jeugdfarm Catarinahoeve in Gouda

1939 Sohn Wolfgang zur Hachschara auf die Jeugdfarm Catarinahoeve in Gouda

Das ab Oktober 1937 bestehende Hachscharalager Catarinahoeve in Gouda wurde möglich durch eine Schenkung/Legat über 80000 Gulden von Catharina van Zon. Die Jeugdfarm diente der Mittleren Hachschara für 14-17-Jährige. Als Betriebsleiter wurde J. Middelburg eingestellt.  Ab 1940 lag die Verantwortung bei der Joodse Centrale voor Beroepsopleiding JCB. Die Leitung der Gruppe übernahm das Ehepaar Dr. Manfred Litten und Shoshana Jansje Litten-Serlui zuvor Danzig.

Wolfgang Weiss hinten 4. von rechts.

April 1943 erhalten die Chaluzim Schreiben, sich in den „Werkkampen“ (Arbeitslagern) zu melden. Daraufhin tauchen viele unter. Sohn Wolfgang überlebt die Besatzungszeit imVersteck.

16.9.1940 Umzug der Familie nach Hilversum; Vorsitzender des NZB in Hilversum.

Aktiv bei der Organisation der Emigration jüdischer Flüchtlinge

27. Januar 1942 Schreiben des Joodsche Raad“ von Amsterdam an Josef Weiss:

„Die deutschen Behörden haben uns befohlen, ihnen mitzuteilen, daß am Mittwoch, dem 29.1. 1942, morgens zwischen 8 bis 10.30 Uhr, die Polizei zu Ihnen nach Hause kommen wird, mit dem Befehl, daß Sie die Wohnung verlassen und ihr die Schlüssel aushändigen. Mit dem Zug, der um 12.55 Uhr von Amsterdam abgeht und in Hilversum hält, müssen Sie mit Ihrer Familie zum Lager Westerbork fahren und dort bleiben.“

29.1.1942 Einweisung von von Jupp und Erna Weiss mit Sohn Klaus in das polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork; Erna Weiss und ihr Mann Josef sind hier verantwortlich für die Baracken mi deutschjüdischen Jugendlichen

Sohn Wolfgang Weiss ist nicht in Westerbork gewesen. Er überlebt ab 1942 im Versteck

Austauschtransporte von Westerbork nach Bergen Belsen

dem 14.9.1943 bis 19.5.1944 kamen etwa 3572 Häftlinge aus Westerbork in sieben Transporten direkt nach Bergen-Belsen, unter anderem Juden mit doppelten Staatsbürgerschaften, Diamantschleifer mit ihren Familien und diejenigen, die auf einer Einreiseliste für Palästina standen.

Die „Austauschjuden“ kommen in das Sternlager Bergen-Belsen, einem vom eigentlichen Konzentrationslager abgetrennten Bereich; sie dürfen weiterhin ihre Zivilkleidung mit dem „Stern“ tragen.

14.1.1944 Erna Weiss mit Ehemann und Sohn Klaus auf dem zweiten Transport von 1037 „Austauschjuden“ in das Austauschlager von Bergen Belsen.

Josef Weiss Mitglied des zehnköpfigen Ältestenrats im Aufenthaltslager

22.12.1944 Jupp Weiss wird Judenältester des Sternlagers, nachdem er zuvor Stellvertreter des bei den Häftlingen verhassten, korrupten griechischen Judenältesten Jacques Albala war. Mit weiteren Häftlingen leitet er die interne Lagerorganisation/Statistik.

Jupp Weiss an die Jewish Agency in Genf; Leiter war sein Vetter Dr. Josef Weiss – Privatarchiv Zachor/Israel

 Er nimmt seine Aufzeichnungen über die im Sternlager verstorbenen Häftlinge mit; diese bilden später die Grundlage der „Lijst van Overledenen van het Sternlager te Bergen-Belsen“

Weggefährte Eli Dasberg über seinen Freund Jupp Weiss:

„Jupp Weiss war nach außen hin unbewegt. So lief er manches Mal hinter dem Sturmmann oder dem Feldwebel her – mit dem Notizbuch in der Hand. Wie ein Sklave hinter seinem Herrn – aber nicht sklavisch! Immer würdig, aber niemals untertänig! Gezwungen wie ein Hund, hinter seinem Meister herzugehen, aber er lief immer vornehm und mit aufrechtem Haupt. Er reagierte nie auf schmierige Bemerkungen und lachte nie über die haßvollen Anspielungen. Er bewahrte immer Abstand, was für ihn selbstverständlich war.

Er wies auf die unhaltbaren Zustände und das Fehlen genügender sanitärer Anlagen hin. Er traute sich, um die fälligen Reparaturen zu bitten, obwohl seine lästigen Bitten immer wieder abgewiesen wurden. Er war mutig. Er unternahm vieles, ohne jedoch dabei waghalsig zu werden.“

Sederabend 28.3.1945 im KL Bergen-Belsen

Bericht von Josef Weiss über seinen Besuch in der Kinderbaracke, nachdem er schon zuvor in zehn Baracken den Gefangenen Hoffnung und Mut zugesprochen hatte:

„Nachdem ich zehnmal gesprochen hatte, kam ich ins Kinderheim, wo man mit dem Beginn des Seder auf mich gewartet hatte. Hier war ich über alles überrascht, und es erfüllt mich heute beim Niederschreiben dieser Zeilen noch mit Stolz, was hier jüdische Menschen trotz aller Erniedrigungen und Leiden jüdischen Kindern boten:

Ein herrlich gedeckter Tisch, Sitzplätze, nach zwei Seiten Bänke, nach zwei Seiten die unteren der dreistöckigen Betten. Einige Familien waren zu Gast, u. a. die Witwe eines vor wenigen Tagen verstorbenen holländischen Oberrabbiners und die Kinder des anderen holländischen Oberrabbiner-Ehepaares, die um dieselbe Zeit an Hungerödemen gestorben waren. Diese so 30 Kinder saßen in den „besten“ Lagerkleidern strahlend um den Tisch. Vater Birnbaum gab den Seder in traditioneller Weise mit allen Erklärungen und Beantwortungen aller Fragen der Kinder. Die Sederschüssel war vorschriftsmäßig, wenn auch Ersatz.

Nach dem ersten Teil gab es Essen, einfach herrlich, verschiedene Gerichte. Die Kinder und die Erwachsenen strahlten. Es waren Kunstwerke von Mutter Birnbaum, die mit ihren Töchtern für das leibliche Wohl der Gäste sorgte. Der Wein war ebenfalls prima, wenn auch Ersatz.

Wir haben 15 Monate als Hauptnahrung in Bergen-Belsen Kohl und andere Rüben gegessen; aber nur einmal habe ich den Wert der Rüben anerkannt, das war an diesem Abend. Denn der Inhalt der Sederschüssel, das Essen und der Wein (sprich: Saft) waren zu 90 % Produkte von Rüben, durch die Künstlerhände von Mutter Birnbaum für obige Zwecke geformt.

Der zweite Teil des Seder war ebenso feierlich wie der erste. Die Gesänge wurden von den Kindern bestritten. Ich habe sie nie schöner gehört als von diesen Kinderstimmen. Zum Schluß sangen wir gemeinsam: „Leschana Haba’ah Biruschalaim“.

(Erwähnte Personen Henny Birnbaum; Simon Dasberg, Oberrabbiner von Friesland und seine Frau Bella; Simon war der Bruder des oben erwähnten Eli Dasberg; Adele Levisson-de Beer, Witwe des Abraham Levisson, Oberrabbi für Friesland)

Der erste Transport hatte ursprünglich das Ziel Theresienstadt „Transport XXIV/3“, wird aber zunächst nach Bergen-Belsen umgeleitet, um dann am 27.1.1944 nach Theresienstadt zu kommen.

Die drei Austausch-Transporte Ziel Theresienstadt

6.-11.4.1945 Die Lager- SS schickt 6800 Austauschgeiseln aus dem Sternlager Bergen-Belsen auf drei Transportzügen mit dem Ziel Theresienstadt.

6.4.1945 Abfahrt des ersten Transport von 2500 Geiseln, darunter auch die Familie von Josefine Soep

13.4.1945 der Zug kommt in Farsleben in der Nähe von Magdeburg zum Stehen und wird von der US Army befreit.

9.4 – 21.4.1945 der zweite Zug mit 1712 Juden erreicht als einziger das Ziel Theresienstadt

Der Verlorene Zug

9.4.1945 2400 Gefangene des Austauschlager Bergen-Belsen, darunter 300 kranke Ungarn werden an der Bahnstation Bergen in den bereitstehenden Zug eingewiesen. Eineinhalb Tage lang warten sie in den überfüllten Waggons.

Abfahrt des 3. Transportzuges in der Nacht vom 10. zum 11. April

10.-23.4.1945 Josef und Erna Weiss mit Sohn Klaus auf dem dritten, dem „verlorenen Zug“, die Irrfahrt endet an der gesprengten Elsterbrücke; Ankunft Tröbitz, es wütet ein Fleckfieber-Ausbruch, während der Fahrt sterben 198 Menschen

Befreiung von Josef, Erna und Klaus Weiss in Tröbitz durch die 1. Ukrainische Front der Roten Armee, General Tschukow

In den nächsten acht Wochen nach der Befreiung starben in Tröbitz weitere 300 Deportierte am grassierenden Fleckfieber.

6.5.1945 Tod Erna Weiss in Tröbitz.

Beisetzung der Erna Weiss auf dem Gemeindefriedhof in Tröbitz

Nachkriegszeit

18.6.1947 Zweite Ehe von Josef Weiss in Amsterdam mit Helena Soep (1907-1995)

24.8.1949 Ehemann Josef mit der zweiten Frau Helene und deren Tochter Joke Josefine Soep abgemeldet nach Haifa

Gedenken

Quellen

https://infocenters.co.il/gfh/list.asp

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130398125

https://www.hans-dieter-arntz.de/juppweiss2.html

Hans Dieter Arntz, »Der letzte Judenälteste von Bergen-Belsen. Josef Weiss – würdig in einer unwürdigen Umgebung«. Helios, Aachen,2012

https://wiki.frauengeschichtsverein.de/index.php?title=Erna_Weiss-Falk

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130398162

https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Soep%20Josephine%22%7D

https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Weisz%201893%22%7D

https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Soep%201901%22%7D

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130398106

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130398253

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130376876

https://www.joodsmonument.nl/en/page/735634/bedankkaart-voor-barakkenmutter-erna-weiss-falk-moederdag-1942

Charles Hess, Personal Memoir of Charles Hess, 1946

Geschwister Birnbaum, Die Erinnerungen, wie Pappi sie geschrieben hat, Bergen-Belsen Archiv

Coos Wever, The lost train; Masterarbeit, Universität Haifa, 2020

Frans van der Straaten, Om nooit te vergeten. Herinneringen en belevenissen aan/van Palestina-Pioniers in Nederland gedurende de oorlogsjaren 1939-1945

https://collections.yadvashem.org/en/documents/3655767

https://www.gfh.org.il/eng/Archive

Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Peter W. Lande,  Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History

https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316

https://www.mappingthelives.org

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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