
Helmut Goldschmidt
*16.10.1918 in Magdeburg; ✡ 6.8.2005 in Köln
Staatsangehörigkeit deutsch
Religion jüdisch
Vater Moritz Goldschmidt *8.4.1897 in Essen; ✡ August 1954, Italienurlaub
Heirat der Eltern 1918
Mutter Maria Nett *in Hirten, Mayen; ✡ ?
(Laut NS-Rassegesetzen „Mischehe“, Vater Moritz war Jude, die Mutter katholisch)
Großmutter Friederike Goldschmidt (aus Westpreußen; ✡1937 in Köln)
Großvater Salomon Gusik; ✡1923 in Köln
Onkel/Tante (Familiengrab)
Jakob Goldschmidt *1906 in Köln; ✡1994
Ruth Goldschmidt *1910 in Köln; ✡2010
Beruf Bautechniker, Architekt
Adressen Magdeburg; Gut Winkel, Spreenhagen; Köln
Heirat 1953 mit Marlies 1925; 1985
Kinder zwei Söhne
Weiterer Lebensweg
1925 Einschulung jüdische Schule Lützowstraße
1929 Wechsel auf das Realgymnasium in Lindenthal
1935 Abgang mit dem „Einjährigen“
Lehre im Architekturbüro Krebs in Berlin
Architektur-Vorlesung unter dem Namen Gusick
Zeitweise bei Otto Grotewohl wohnhaft (1949-1965 Ministerpräsident der DDR)
Gut Winkel
1939 Helmut Goldschmidt zur Hachschara als Praktikant in Gut Winkel, Spreenhagen;
Gut Winkel bestand als Lehrgut Schocken ab 1933 in Trägerschaft der zionistischen Jugendbünde; Lagerleiter war Martin Gerson vom Januar 1933 bis zwangsweisen Aufgabe von Gut Winkel am 19. Juni 1941; Hauswirtschaftsleiterin war seine Frau Bertel. 1938 wird die Zahl der Belegplätze mit 120 angegeben
Minderheiten-Volkszählung
17.5.1939 Helmut Goldschmidt in Gut Winkel, Spreenhagen

September 1939 Helmut Goldschmidt auf der Liste des Landrates Kreis Beeskow-Storkow für das Gut Winkel
Durch die Arisierung wurde der SS Offizier Kl. Besitzer von Gut Winkel; Helmut Goldschmidt 1990 im Interview mit Barbara Becker-Jákli über seine Tätigkeit in dieser Zeit:
„Als Kl. erfuhr, dass sich unter den Hachschara-Leuten auf seinem Gut ein Architekt befand, holte er mich von der landwirtschaftlichen Arbeit fort und übergab mir stattdessen verschiedene Bauplanungen. Er hatte irgendwie einen Narren an mir gefressen und sagte immer: „Wieso sind Sie Jude, Sie haben doch überhaupt nichts Jüdisches an sich?“ Ich antwortete bloß: „Ich bin aber nun mal Jude.“ Nach Beginn des Krieges bekam Kl. ein weiteres Gut, diesmal bei Rothenburg an der Oder, zugeteilt, auf dem bald vor allem französische Kriegsgefangene arbeiteten. Dorthin schickte er mich, um Silos zu bauen. Ich erledigte diese Arbeit auch tatsächlich, bis die Gestapo von Gleiwitz Einspruch erhob und erklärte: „Das geht nicht, ein Jude bei dieser Arbeit! Der nimmt anderen das Brot weg!“ Dabei bekam ich keinen Pfennig dafür. Als ich wegen meiner Tätigkeit dort sogar verhaftet werden sollte, wandte ich mich an Kl., der mich umgehend nach Gut Winkel zurückbrachte. In dieser Hachschara-Gruppe blieb ich dann bis 1941. Wie die anderen Hachschara-Mitglieder hätte ich währenddessen eigentlich Landwirtschaft lernen sollen, aber ich habe nie wirklich im landwirtschaftlichen Bereich gearbeitet, denn es musste dauernd gebaut werden: Baracken, eine Klärgrube und so weiter. Ich hatte die ganze Zeit zu zeichnen und zu planen.
Wie schon zuvor in Köln gehörte ich auch unter den Hachschara-Leuten auf Gut Winkel keiner bestimmten Gruppe oder ideologischen Richtung an. Die einen waren mir zu links, die anderen zu orthodox. Ich wurde auch nicht stärker zionistisch motiviert, obwohl ich den Zionismus durch die dortigen Schulungen intensiv kennenlernte.“
Auflösung der Hachschara-Lager
5.7.1941 behördliche Anordnung zur Auflösung der Hachschara-Lager; Umbenennung der noch bestehenden in „Jüdisches Arbeitseinsatzlager“
Mai bis September 1941 Auflösung der Hachscharalager Ahrensdorf, Jessen, Havelberg Gut Winkel; Verlegung der Chaluzim in das Lehrgut Neuendorf im Sande; nur ein kleiner Teil darf noch im Gut Winkel arbeiten, was auch zum Arbeitslager wird.
Helmut Goldschmidt geht zurück nach Köln; als Jazz-Pianist und Swing Enthusiast gehört er zu einer den Nazis verhassten Szene („Negermusik“) in Köln.
Verhaftung – Auschwitz – Buchenwald
30.11.1942 Verhaftung mit dem Vater und Verhöre durch die Kölner Gestapo im EL-DE-Haus „Gestapo-Keller“; nach einer Woche Verlegung ins Gefängnis Klingelpütz
März 1943 dreiwöchiger Transport nach Auschwitz mit Stationen in den Gefängnissen Kassel, Dresden, Leipzig, Chemnitz und Breslau;
April 1943 Ankunft an der Rampe von Auschwitz; er bekommt die Auschwitz-Häftlingsnummer 118319 in den linken Unterarm tätowiert

1.7.1943 Verlegung in das KL Buchenwald; laut Goldschmidt: „Gemessen an Auschwitz ist das ein Sanatorium“

Einsätze beim Bau der SS eigenen Gewehr- und Geschützfabrik der Wilhelm-Gustloff-Werke und der Bahnstrecke Weimar-Buchenwald; der für die Außentransporte zuständige jazzbegeisterte Häftling Jiří Žák beschaffte ihm den Posten im Lagerorchester; Unterbringung in Block 40
Arbeitskommandos

10.8.1944 AKO 3 b Bauabteilung IV
28.10.1944 AKO 68 Arbeitslager Nohra
18.12.1944 Wechsel von 68 nach Nr. 71 DAW Tischlerei (SS-Betrieb Deutsche Ausrüstungswerke)
11. April 1945 Befreiung, das Lagerorchester spielt ein Jazz-Konzert mit Arrangements von Helmut Goldschmidt

5.5.1945 Entlassung als Häftling aus Buchenwald gemäß Beschluss einer alliierten Kommission
Nachkriegszeit
Zeitweilig Leiter der musikalischen Veranstaltungen für die US Army im Staatstheater Weimar
Heimkehr nach Hirten bei Mayen

2.8.1949 Antrag auf IRO Unterstützung zur Emigration in die USA
1950 Rückkehr aus Mayen nach Köln
1953 Heirat
Eine ausführliche Darstellung seines architektonischen Wirkens bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Goldschmidt
Gedenken

Familiengrab auf dem Jüdischen Friedhof Bocklemünd
Quellen
Barbara Becker-Jákli „Ich habe Köln doch so geliebt. Lebensgeschichten jüdischer Kölnerinnen und Kölner“ 1993
https://jugend1918-1945.de/portal/jugend/zeitzeuge_34690.html?id=34697
https://de.wikipedia.org/wiki/Helmut_Goldschmidt
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/5970813
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/67195890
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/71076337
Ilana Michaeli und Irmgard Klönne (Hrsg.) Gut Winkel, die schützende Insel: Hachschara 1933-1941 Mitarbeit von Ilka von Cossart, Katharina Hoba und Ulrike Pilarczyk; LIT Verlag; 2007
Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939
https://www.mappingthelives.org
Genealogie Webseite My Heritage
http://luckauer-juden.de/hachschara.html
https://collections.yadvashem.org/en/documents/3655863
https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de
Peter W. Lande, Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History
https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316