Goldschmidt Walter

Walter Goldschmidt

*4.11.1919 in Fulda; ✡ 4.6.1945 in Neustadt/Holstein

Staatsangehörigkeit deutsch

Religion jüdisch

Vater Hermann Goldschmidt *22.11.1878 in Schlüchtern; ✡ 1942 Riga

Mutter Karoline Vollweiler *5.7.1888 in Berwangen; ✡ ? Riga

Geschwister

Beruf Landarbeiter

Adressen Fulda, Flaumgasse 53; Gut Winkel, Spreenhagen; Polenzwerder, Eberswalde

Heirat ?

Kinder ?

Weiterer Lebensweg

Der Vater wohnte zeitweilig in Lippstadt

Novemberpogrom

10.11.1938 Walter mit seinem Vater Hermann „in Schutzhaft genommen“; die jüdischen Männer aus Fulda wurden zumeist nach Buchenwald verbracht; entlassen vermutlich am 29.12.1938

Gut Winkel

1939 Walter Goldschmidt zur Hachschara als Praktikant in Gut Winkel, Spreenhagen;

Gut Winkel bestand als Lehrgut Schocken ab 1933 in Trägerschaft der zionistischen Jugendbünde; Lagerleiter war Martin Gerson vom Januar 1933 bis zwangsweisen Aufgabe von Gut Winkel am 19. Juni 1941; Hauswirtschaftsleiterin war seine Frau Bertel. 1938 wird die Zahl der Belegplätze mit 120 angegeben

Minderheiten-Volkszählung

17.5.1939 Walter Goldschmidt in Gut Winkel, Spreenhagen

September 1939 Walter Goldschmidt auf der Liste des Landrates Kreis Beeskow-Storkow für das Gut Winkel

Hachschara Polenzwerder

Wechsel von Walter Goldschmidt von Gut Winkel zur weiteren Hachschara in das jüdische Lehrgut Polenzwerder bei Eberswalde in Brandenburg.

Das jüdische Lehrgut Polenzwerder wurde 1937 von der Jugendorganisation Jüdisch-nationale Jugend Herzlia (Betar) in Trägerschaft der Staatszionistischen Organisation (Revisionisten) in einer alten Ziegelei eingerichtet. Im Sommer 1938 wurde der BETAR zwangsaufgelöst. Nach dem das Lager im Novemberpogrom überfallen worden war, übernahm die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland RVJD das Lehrgut, in dem bis zu 45 Jugendliche in Landwirtschaft und Gärtnerei auf der Alija nach Palästina vorbereitet wurden.

Riga

4.12.1941 Rückkehr aus Polenzwerder nach Fulda, vermutlich auf Bitten der Eltern, nachdem die Deportationsbescheide zugestellt worden waren

8.12.1941 Verbringung von Fulda nach Kassel

8.12.1941 über Nacht im Sammellager Turnhalle Wörthschule, Schillerstraße

9.12.1941 Deportation Kassel-Riga, 32 Juden mit dem Namen Goldschmidt, auch seine Eltern aus der Heinrichstraße 48

Bahnfahrt über Berlin, Breslau, Posen, Königsberg, Riga- Skirotawa mit 1022 Juden

12.12.1941 Ankunft Skirotawa; Fußmarsch ins Ghetto Riga bei 40 Grad minus

21.6.1943 Befehl des Reichsführers SS Heinrich Himmler, alle jüdischen Ghettos im Reichskommissariat Ostland, Estland, Lettland, Litauen und Teile Weißrusslands, aufzulösen und die Juden zu Arbeitseinsätzen heranzuziehen.

Juli bis 2. November 1943 schrittweise Auflösung des Ghettos; Einrichtung des Konzentrationslagers Riga-Kaiserwald und verschiedener Betriebslager mit lokaler Kasernierung; Kommandant des KL Kaiserwald Sturmbannführer Albert Sauer

3. November 1943 Auflösung des Ghetto Riga

Sommer 1944 Auflösung des KL Kaiserwald, Riga

Juli – September 1944 Transporte der Arbeitsfähigen aus Riga per Schiff nach Stutthof,

6.8.-9.8.1944 1. Großer Transport mit der „Bremerhaven“ von Riga nach Danzig

16.8.1944 Vater Josef von Stutthof nach Buchenwald

21.8.1944 Tod des Vaters in Buchenwald

28.9.-1.10.1944 3155 Häftlinge aus Riga Kaiserwald, 300 von der Lenta auf dem Frachtschiff „Kanonier“ von Riga->Danzig

Die Tragödie in der Lübecker Bucht, der Judenmord von Neustadt

21.-26.4.1945 10 000 Häftlinge aus dem KL Neuengamme von SS-Wachen nach Lübeck gebracht, dort auf das manövrierunfähige Kreuzfahrtschiff „Cap Arcona“ und die Frachter „Thielbeck“, „Athen“ und „Elmenhorst“ im Vorwerker Hafen.

25.4.1945 Häftlinge aus den Außenlagern des KL Stutthof werden mit Lastkähnen in die Lübecker Bucht verbracht. Marga Sender schreibt:

„Dort wurden (wir) auf kleine Boote verladen und fuhren planlos ohne Essen und Trinken auf dem Wasser herum. Meine Mutter starb vor meinen Augen vor Schwäche, und (es) wurde die Leiche ins Wasser geworfen.“

Der Kapitän der ARCONA verweigerte die Übernahme auf das schon überfüllte Schiff; die Lastkähne trieben herrenlos ohne Antrieb Strand von Pelzerhaken bei Neustadt. Die Häftlinge versuchten vom Strand aus, sich Nahrungsmittel zu besorgen

3.5.1945 am frühen Morgen trieben Neustädter Bürger, Angehörige der Kriegsmarine, einer Versehrteneinheit und des Volkssturms in einer sogenannten „Sammelaktion“ die Menschen zusammen und erschossen mindestens 208 Häftlinge aus dem KL Stutthof; die Überlebenden des Massakers werden die ATHEN gebracht, die am Marinehafenkai lag, wo weitere bei den britischen Luftangriffen umkamen.

3.5. 1945 Britischer Fliegerangriff in der Lübecker Bucht bei Neustadt auf die „Cap Arcona“ und die „Thielbeck“, die nach Treffern Feuer fangen und sinken; über 7000 Häftlinge ertrinken. Tragisch: eine entsprechende Meldung des IRC war nicht weitergeleitet worden und erreichte die Piloten nicht.

3.5.1945 RAF-Flugzeuge versenken irrtümlich in  Lübecker Bucht die „Cap Arcona“ und die „Thielbek“; rund 6400 der etwa 7000 KZ-Insassen kamen in der Folge um.

Im Buch der Erinnerung wird er als Überlebender, befreit in Stutthof geführt

Viele Überlebende der Katastrophe sowie Häftlinge aus den Auffanglagern in Neustadt (wie dem dortigen Lazarett oder lokalen Kasernen) verstarben noch Wochen nach der Befreiung im Mai und Juni 1945 an den Folgen der Haft, Entkräftung oder Typhus-Epidemien.

Nachkriegszeit

4.6.1945 Tod von Walter Goldschmidt in Neustadt/Holstein vermutlich im dortigen Landeskrankenhaus

Gedenken

1.10.1990 Page of Testimony für Walter Goldschmidt bei Yad Vashem von Nathan Reiss mit der irrigen Annahme eines Transportes nach Theresienstadt

Quellen

https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/de-leicht/geschichte/totenbuch/totenbuch-liste

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/11201989

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/71076337

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de876119

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de876402

Ilana Michaeli und Irmgard Klönne (Hrsg.) Gut Winkel, die schützende Insel: Hachschara 1933-1941 Mitarbeit von Ilka von Cossart, Katharina Hoba und Ulrike Pilarczyk; LIT Verlag; 2007

https://victims.auschwitz.org/victims

Staatsarchiv Israel, Israel, Einwanderungslisten

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

https://www.mappingthelives.org

Genealogie Webseite My Heritage

http://luckauer-juden.de/hachschara.html

https://collections.yadvashem.org/en/documents/3655863

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Peter W. Lande,  Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History

https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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