Irma Frank
*21.12.1914 in Vlotho; ✡ 16.7.2001 Atlanta
Staatsangehörigkeit deutsch
Religion jüdisch
Vater Justus Salomon Frank *16.11.1887 in Neuenhaus, Bentheim; ✡ 13.10.1954
Mutter Gretchen Josephs *31.3.1881 in Jever; ✡ nach 22.4.1942 Izbica
Großmutter Henriette Jutsche Wolffs*29.10.1840 in Aurich; ✡10.3.1919 Jever
Großvater Wolff Benjamin Calmer Josephs *19.4.1933 in Jever; ✡ 2.9.1911 in Jever
Geschwister
Hanna Frank *21.11.1916 in Ahlen; ✡ 11.11.1978 im Moshav Regba; oo Max Feingersch
Walter Benjamin Frank *1.1.1919 in Ahlen; ✡25.12.1948 in Israel; oo Ruth Ginsburg (1922-1978)
Halbgeschwister aus 2. Ehe des Vaters mit Paula Fürst (*11.5.1894 Dortmund; 31.8.1978)
Hans Paul Frank *22.2.1925 in Dortmund; ✡ 6.8.1941
Elisabeth Käthe Frank *3.1.1927 in Dortmund; ✡ ?
Ilse Maria Anna Frank *23.4.1928 in Dortmund; ✡ 12.12.1987
Valentin Frank *5.7.1929 in Dortmund; ✡ ?
Klemens Ludwig Frank *2.6.1932 in Dortmund; ✡ 8.9.1980
Beruf Landwirtschaftliche Praktikantin
Adressen Ahlen, Am Stockpieper 166; Aurich; Hamburg Blankenese
Heirat Juli 1939 in Aurich mit Benno Wolffs *23.10.1910 in Aurich, ✡5.10.1995 in Atlanta
Kinder
Michael Wolffs *1944; ✡20.8.1990
Justus Salomon Frank
Der Vater war Lehrer, ausgebildet an der Marks-Haindorff-Stiftung in Münster
Die Eltern sind nach 1919 geschieden. Zweite Ehe des Vaters mit der Christin Paula Elisabeth Fürst. Aus dieser „privilegierten Mischehe“ stammen fünf Halbgeschwister
17.5.1939 Vater Justus Frank mit der zweiten Frau Paula und den fünf gemeinsamen Kindern in Dortmund, Bodelschwingher Straße 113e
Die Hachschara-Bewegung
In den ersten acht Jahren der Nazi-Diktatur bis zum Beginn des Russland-Feldzuges 1941 wurden Auswanderungsaktivitäten jüdischer Organisationen nicht nur geduldet, sondern sogar gefordert.
Am 25. August 1933 wurde nach dreimonatigen Verhandlungen zwischen der Jewish Agency, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und dem deutschen Reichsministerium für Wirtschaft zur Erleichterung der Emigration und Förderung des deutschen Exports eine entsprechende Vereinbarung geschlossen.
Im gesamten „Deutschen Reich“ entstanden überwiegend landwirtschaftliche Ausbildungsstätten für jüdische Mädchen und Jungen, sogenannte Hachschara-Stätten (Hachschara hebräisch für Ertüchtigung).
So bestanden 1935 31 Hachschara-Lehrbetriebe für Landwirtschaft und Gärtnerei in Deutschland, in denen sich die „Chaluzim“ (hebräisch für Pioniere) durch Erlernen eines landwirtschaftlichen Berufs für ihre Auswanderung nach Palästina (Alija) vorbereiteten.
Der entsprechende Nachweis durch die jüdische Dachorganisation Hechaluz bildete die Voraussetzung für die Ausstellung eines Einreisevisums durch die britischen Behörden auf der Basis eines sogenannten „Arbeiterzertifikats der Kategorie C“. Von den ab 1933 nach Palästina auswandernden deutschen Juden gehörten „etwa 36 % zur »Mittelstandseinwanderung«, über das Kapitalisten-Zertifikat (Kategorie A), die 1000 Palästina Pfund mitbringen mussten. Etwa 32 % der Einwanderer waren Arbeiter der Kategorie C.
Zwischen 1933 und 1938 konnten mehr als 18.000 jüdische Jugendliche aus Deutschland emigrieren, überwiegend zur Alija nach Palästina. Das war etwa jeder vierte aus der Generation der 6- bis 25-jährigen.
Gut Westerfeld in Kirchdorf
Zionistische Bestrebungen waren in Aurich zunächst nur schwach entwickelt. Die zumeist nationalliberal ausgerichteten Juden der Auricher Gemeinde wie auch die streng orthodoxen der Ortgruppe „Agudas Isroel“ (26 Mitglieder) lehnten den Zionismus ab. Im Oktober 1933 bildete sich zwar in Aurich ein Ableger der Zionistischen Arbeitsgemeinschaft Emden, der aber nur 13 Mitglieder zählte. Dem Israelitischen Jünglingsverein gehörten 25 Mitglieder an; Vorsitzender war Benjamin Samson, Schriftführer Oskar Hartog
Der erste Hachschara-Hof in Ostfriesland entstand in der Gemeinde Kirchberg südlich von Aurich. Der von der Familie Benjamin Wolff/Nachfahren durch eine zionistische Jugendorganisation gepachtete Hof bestand als Hachschascharalager zumindestens in den Jahren 1935 und 1936. Im „Lehrjahrheim“ wurde eine landwirtschaftliche Ausbildung angeboten; vermutlich sowohl für die mittlere (14-17 Jahre) als auch die reguläre Hachschara(>17 Jahre)
Das Gut lag südlich von Kirchberg und dem Jade-Ems-Kanal an der Westerfelder Straße.
Beginn und Auflösung der Hachschara sind nicht bekannt. In den minutiös geführten Polizeiberichten über jüdische Versammlungen in Aurich an den Bürgermeister findet diese Hachschara wiederholt Erwähnung. So heißt es in der Einleitung zum Bericht des Polizeimeisters Krämer vom 14. April 1935:
„Es waren etwa 80 Personen, junge Juden und Jüdinnen, anwesend, ein großer Teil davon aus dem Lehrjahrheim Westerfeld bei Aurich.“
In einer Mitgliederliste des reaktivierten Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten RjF vom 20.1.1935 vom findet sich Ludwig Wolff als Bewohner des Gutes
1.8.1935 Moses Feingersch angemeldet zur Hachschara auf Gut Westerfeld
In seinem Versammlungsbericht vom 19.1.1936 benennt Polizeimeister Krämer erneut Chaluzim aus dem Umschulungslager als Teilnehmer.
Die Auflösung dürfte im Mai/Juni 1936 erfolgt sein.
Verkauf des Hofes an den Landwirt Johann Siebels (1908-1988) aus Aurich Wallinghausen
Weiterer Lebensweg
Aufgrund verschiedener Hinweise, nehme ich an, dass Irma Frank mit ihrer Schwester Hanna zur Hachschara nach Kirchfeld bei Aurich kamen.
Hanna Frank und Moses Feingersch
15.4.1930 Moses Feingersch als Tischler-Volontär nach Aurich;
1.8.1935 Moses Feingersch angemeldet zur Hachschara auf Hof Westerfeld
Frühjahr 1937 Heirat von Hanna Frank mit Moses Feingersch in Ahlen
12.4.1937 Einreise von Chanah und Moses Feingersch auf der SS JERUSALEM in Haifa mit einem Arbeiterzertifikat der Kategorie C
Eintritt von Moses Feingersch in die Palestinian Company der Royal Army, später Jewish Brigade
Bei Kriegsende nach Einsatz der Jewish Brigade in Italien Verlegung der Jewish Brigade nach Antwerpen und Eindhoven.
Moshe Feingersch als Soldat der Jewish Brigade bei einem Hechaluz Treffen in Castricum August/September 1945; u.a. Abbi Mayer
Novemberpogrom in Aurich
10.11.1938 Novemberpogrom in Aurich; die Verwüstungen und das Abbrennen der Auricher Synagoge wurden vom Führer des Auricher SA-Sturmbannes Eltze angeführt. Dieser war von der SA-Gruppe Nordsee vermutlich kurz vor Mitternacht informiert worden.
Benno und Bruder Wolf Wolffs sowie auch alle männlichen Juden verhaftet und in der Landwirtschaftlichen Halle „Bullenhalle“ in Aurich interniert
10.11.1938 SA-Sportwart Wilhelm Bock ließ die „Aktionsjuden“ in der „Bullenhalle“ und auf dem Ellernfeld in entwürdigender Weise „Sport“ treiben. Die Gestapoleitstelle Wilhelmshaven ordnet an, die Juden in „Schutzhaft“ zu nehmen und in das Gerichtsgefängnis zu bringen. Zuvor werden einige ältere Männer nach Hause entlassen.
10.11.1938 18.00 Uhr Benno und Bruder Wolf Wolffs mit 42 Männern in das Gefängnis von Aurich eingesperrt
11.11.1938 am Morgen werden die 42 Auricher mit Bussen nach Oldenburg gefahren, wo sie mit etwa 250 Juden aus Ostfriesland in einer Kaserne interniert werden
Letztlich werden etwa 1.000 jüdische Ostfriesen, Oldenburger und Bremer mit der Bahn in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert.
Benno und Bruder Wolf Wolffs eingewiesen als Aktionsjude im KL Sachsenhausen; Häftlingsnummer für Benno 10336
15.12.1938 Entlassung von Bruder Wolf Wolffs aus dem KL Sachsenhausen
31.12.1938 Entlassung von Benno Wolffs aus dem KL Sachsenhausen
Hachschara in Altona
Irma Frank zur „Älteren-Hachschara“ in Rissen/ in Altona Blankenese-Kibbuz Schachal, Steubenweg 36; hier existierten drei Zentren für die Älteren/Erwachsenen: Ejn Chajim (seit August 1933), Schachal und Cherut-Charut (beide seit Dezember 1933)
Minderheiten-Volkszählung
17.5.1939 Mutter Grete Frank in Ahlen, Am Stockpieper 166 registriert
17.5.1939 Vater Justus Frank mit der zweiten Frau Paula und den gemeinsamen Kindern in Dortmund, Bodelschwingher Straße 113e
17.5.1939 Irma Frank, Benno Wolffs, Wolf Wolffs in Altona Blankenese-Kibbuz Schachal, Steubenweg 36 registriert
17.5.1939 Benno Wolffs sowohl in Gut Winkel und Blankenese registriert
Juli 1939 Heirat von Irma mit Benno Wolffs in Aurich
Judenvertreibung aus Ostfriesland/Oldenburg
Januar 1940 Anordnung der Gestapo-Leitstelle Wilhelmshaven: Ausweisung der in Ostfriesland lebenden Juden „aus militärischen Gründen“ bis zum 1. April 1940.
27.2.1940 Zwangsumzug Mutter Grete von Aurich nach Essen
Ab April 1940 sind Irma und Benno Wolffs in Berlin, Rosenstr. 2-4., hier befand sich in dem ehemaligen Gebäude der Sozialverwaltung der jüdischen Gemeinde ein Jugendheim.
Die Patria Katastrophe
Sonderhachschara VII – Paraguay-Transport
16.8.1940 Irma und Benno Wolffs mit dem Zug aus Berlin, Bahnhof Friedrichstraße fahren 350 Jugendliche und 150 Eltern, deren Kinder bereits Palästina-Pioniere in Palästina waren, nach Wien mit dem Ziel über die Schwarzmeerroute nach Haifa zu kommen; Transportführer war Ephraim Frank
Zweiter Transportführer Hans Wendel
Leiter des Ordnungsdienst war Paul Jentes
Zwei bis drei Wochen in Wien, in einer jüdischen Schule oder Lehrlingsheim
mit dem Zug von Wien nach Pressburg/ Bratislava an die Donau; in Pressburg für eine Woche in einem Lager im Stadtteil Patronka; Josef Nussbaum berichtet bei der Registrierung in Atlith, „The Camp was taken over as store for Heavy Opel trucks.“
10.9.1940 zum Donauhafen von Bratislava; dort Verteilung der Chalutzim auf die drei Ausflugsdampfer URANUS, MELK und SCHÖNBRUNN
10.-20.9.1940 von Bratislava nach Tulcea am Schwarzen Meer;
Anfang Oktober 1940 werden 1000 Flüchtlinge auf die drei Schiffe SS PACIFIC, SS MILOS und SS ATLANTIC verteilt, Deutsche auf die PACIFIC, Tschechen auf die MILOS.
Zwischenstopp im Hafen Agios Nikolaos, Kreta, um Kohle aufzunehmen
31.10.1940 von britischer Marine aufgebracht und in den Hafen von Haifa geleitet
1.11.1940 Ankunft der SS PACIFIC in Haifa.
3.11.1940 Ankunft der tschechischen Emigranten auf der SS MILOS, die ebenfalls auf die PATRIA verbracht werden
4.11.1940 Alle Passagiere der SS PACIFIC werden auf die SS PATRIA umgeschifft, dem von den Briten beschlagnahmten, als Truppentransporter umgebauten, großen französischen Frachtschiff (18 000 t)
7.11.1940 Registrierung von Irma und Benno Wolffs im Camp Atlith; beide sind zunächst auch zur Deportation nach Mauritius vorgesehen
23. oder 24.11.1940 Ankunft der SS ATLANTIC in Haifa
25.11.1940 Sprengstoff-Anschlag der Haganah im Maschinenraum der SS PATRIA, zu diesem Zeitpunkt waren bereits 1771 Ma’apilim (illegale Immigranten) auf das Schiff gebracht.
Walter Steinitz, aus dem Umschulungslager Paderborn kommend, berichtet:
“ Am 25.November morgens um neun Uhr mussten alle auf die Reling, denn der Colonel hatte die Instruktion gegeben, aber um 9.12 Uhr hatte ein Kommando von 60-80 jungen Leuten ins Wasser zu springen, um die Engländer abzulenken, die mit kleinen Booten die Menschen auffischten. Zeitentsprechend zündete einer von uns eine Bombe, keine Zeitbombe, und ist mitgetötet worden. Es war der zweite Transportleiter – Hans Wendel. Niemand hatte von dieser Aktion gewußt – außer acht Leuten. Innerhalb von ein paar Minuten neigte sich das Schiff zur Seite. … Von den 4000 auf der SS PATRIA zusammengedrängten Menschen verloren etwa 260 ihr Leben.“ (ca 200 von 1771)
Die
Die ins Wasser gesprungenen und die an Bord Überlebenden werden als Schiffbrüchige der SS Patria von den Briten an Land gebracht.
25.11.1940 Internierung in einer Lagerhalle im Hafen von Haifa; die von Bord gesprungenen werden in die Arrestzellen der Polizeiwache von Haifa; Serie von Verhören, insbesondere wenn sie von den Briten der Zugehörigkeit zur Haganah verdächtigt wurden.
26.11. und 8.12.1940 die Überlebenden der SS PATRIA werden mit Bussen in das Internierungscamp Atlith verbracht;
Dezember 1940 noch auf die Umladung wartenden 1581 Emigranten auf der MILOS und ATLANTIC werden als „Detainees“ mit holländischen Frachtschiffen nach Mauritius deportiert. Dort trafen sie am 26.12.1940 ein und wurden in das Zentralgefängnis von Mauritius nahe Beau Bassin verbracht.
1941 zunächst nur Freilassung kleiner Gruppen aus dem Camp Atlith, die eine Aufnahmeadresse in Palästina vorweisen können
September -Dezember 1941 Entlassung der meisten Internierten aus dem Camp Atlith
Freilassung von Irma und Benno aus dem Camp Athlit wohl am 10.10.1941
Essen Izbica
22.4.1942 Mutter Grete von Essen ab Düsseldorf in das Ghetto Izbica
Nachkriegszeit
14./15.10.1952 Flug mit TRANSWORLD AIRLINES von Irma mit Ehemann Benno und Sohn Michael von Zürich nach New York
Ca 1979 Umzug von Milwaukee nach Atlanta
Sohn Michael stirbt am 20.August 1990 mit einer tödlichen Erkrankung
Mai 1992 Besuch von Irma mit Ehemann Benno Wolffs zur Begegnungswoche in Aurich
Gedenken
27.1.1915 Stolpersteine in Aurich, Wallstraße 14 für Benjamin Wolffs und sieben weitere Mitglieder seiner Familie
24.6.2021 Stolperstein für Moses Feingersch in Aurich Wallstraße 24
Februar 2024 Stolpersteine für David, Moses, Rafael, Sally, Elias und Benjamin Feingersch in Celle, Im Kreise 24
Quellen
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/11199086
http://stolpersteineaurich.com/2011/08/15/moses-feingersch/
Benno Benjamin Wolffs
https://www.mappingthelives.org
Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939
Johannes Diekhoff, Die Auricher Judengemeinde von 1930 -1940; in: Aurich im Nationalsozialismus, Hrsg. Herbert Reyer, 2005
Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947
Passenger and Crew Lists of Vessels Arriving at New York, New York, 1897-1957 (National Archives Microfilm Publication T715, roll 8226); Records of the Immigration and Naturalization Service, Record Group 85
https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de
Peter W. Lande, Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History
https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316