Rambam Felix

Felix Rambam

*12.6.1922 in Wattenscheid; ✡ ?.

Staatsangehörigkeit staatenlos

Religion jüdisch

Vater Moses Rambam *15.11.1896 in Gabin, Warschau; ✡22.4.1943 in Auschwitz

Mutter Esther Frenkel *7.6.1900 in Lodz; ✡ Mai 1976 in New York

Onkel Josek Rambam*20.10.1895 in Gabin

Geschwister ?

Beruf  Schüler; Landarbeiter

Adressen Wattenscheid; Bochum, Königstraße 6; Urfeld; Brüssel,

Heirat ledig

Kinder

Weiterer Lebensweg

Vater Moses betrieb an der Annastraße 20 ein kleines Schreibwarengeschäft

Eine Zeitzeugin berichtet darüber:

„Während der oben genannten Zeit (1932-1936) besuchte ich von meinem sechsten bis zehnten Lebensjahr die Schule in der Friedenstraße in Bochum. Da wir auf der Alleestraße wohnten, war unser Einkaufsziel, um die Waren für uns einzukaufen, die damalige Königstraße (heute Annastraße). Die Hefte, Kreide, Schwämmchen und Schiefertafeln, alles was wir in der Schule benötigten, kauften wir bei dem Schreibwarengeschäft Rambam. Herr Rambam war ein großer schlanker Mann mit dunklem gelockten Haar und einem schmalen Gesicht. Da ich ja noch keine 10 Jahre alt war, kam er mir besonders groß gewachsen vor. Man konnte bei ihm auch Zeitschriften kaufen und die beliebten Glanzbilder zum Tauschen. Von den Jungen weiß ich, dass sie Feuerwerkskörper, vor allem Patrönchen bei ihm erstanden, die zwar einen Pfennig teurer waren als in anderen Geschäften, dafür aber um so besser. Herr Rambam war immer freundlich. Sein Sohn spielte mit den Jungen auf der Königstraße Fußball.“

1934 Onkel Josek Rambam aus Leipzig emigriert nach Palästina.

Hachschara in Urfeld

2.5.1938 Felix Rambam aus Bochum zur Hachschara ins Umschulungslager Urfeld auf dem Dietkirchener Hof zwischen Bonn und Köln-Wesseling; Besitzer war der mit Arthur Stern befreundete nichtjüdische Architekt Albrecht Doering aus Urfeld.

Von März 1934 bis April 1940 war der Dietkirchener Hof als Kibbuz/Beth Chaluz ein Zentrum der Vorbereitung auf die Alija nach Palästina für mehr als 180 meist junge Juden. Das Zentrum des Hechaluz hieß auch Kibbuz Bamaaleh („Bamaaleh“=im Aufstieg); es wurde finanziert vom jüdischen Textilfabrikanten und Architekten Arthur Stern – zu Beginn noch gemeinsam mit der Reichsregierung! Die landwirtschaftliche Ausbildung erfolgte auf Urfelder Bauernhöfen.

Ab 1937 konnten die Chaluzim auch eine Lehre absolvieren in der Großgärtnerei Giesen, dem Obstbau- und Gärtnereibetrieb „Marienhof“ des ehemaligen Kölner Gartenbaudirektors Josef Giesen (1887-1962).

Polenaktion

28.10.1938 Herbert Taub verhaftet in Urfeld in der ersten Polenaktion, zusammen mit neun weiteren Chaluzim u.a. Susi Schmerler aus Bochum, Leo Geffner und Josef Kleinmann sowie Muchi, Max, Oskar und Ida (nicht identifiziert). Susi Schmerler notierte in ihrem Tagebuch:

„Es sind ungefähr 25 Chaluzim, die alle schon in Deutschland auf Hachschara waren und jetzt zur Auslands-Hachschara oder Alija gehen sollten.“

„Doch da kam man uns mitten in unseren (Alija-) Plänen dazwischen. Eines Tages kamen mehrere Polizisten ins Beth Chaluz und brachten 10 Ausweisungsbefehle. Wir rechneten alle damit, dass uns noch 2-3 Monate Zeit bleiben würde. Doch nein! Es sollte heute noch sein! Wir telefonierten mit dem Flugplatz, wann das nächste Flugzeug nach London ging, doch die Polizei stand daneben und forderte von uns, dass wir sofort mitkommen müssten. Nicht einmal unsere Sachen durften wir mitnehmen.“

Novemberpogrom in Urfeld

10.11.1938 notierte der hier als Lehrer arbeitende Gerhard Rachwalsky in sein Tagebuch:
„Wir hatten schon öfter festgestellt, dass wir in Urfeld auf dem Mond lebten. Während in allen deutschen Landen die Volksseele … programmmäßig überkochte, während seit den frühen Morgenstunden … in den Städten Synagogen und jüdische Gemeindehäuser brannten, … standen wir wie jeden Morgen im Winter, um sieben Uhr auf, gingen zur Arbeit und arbeiteten bis zur Mittagspause …“

10.11.1938 im Novemberpogrom verprügelten vier besoffene bewaffnete Nazis die Chaluzim und zerstörten das Inventar. Der nichtjüdische Hausbesitzer Doering vertrieb die Eindringlinge mit seinen Söhnen, bewaffnet mit Jagdwaffen; nachts versteckte er einige Chaluzim in seinem Keller, andere in der Gärtnerei Giesen.

Rachwalsky berichtet:

„Herr Doering ging mit seinen beiden Söhnen, alle drei mit Jagdgewehr bewaffnet, sofort ins Haus, um Demolierungen zu verhüten. (…) Nebenbei sollen Herr Doering und seine Söhne einigen Chawerim (Genossen) beim Entkommen geholfen haben. Fest steht, dass sein kleiner Sohn, mit dem Jagdgewehr in der Hand, in voller Jungvolkuniform, Ursel mitten durch die Rowdies ins Freie gebracht hat. … Zum Glück waren die Nazis weder gut organisiert noch besonders zahlreich. Vor allem waren sie besoffen.“

23.11.1938 Felix Rambam abgemeldet aus Urfeld nach Bochum

Minderheitenzählung

17.5.1939 Felix mit den Eltern in Bochum, Königstraße 6

Flucht nach Belgien Resistance

1939 Flucht mit den Eltern nach Belgien, Brüssel Rue Theodore Verhaagen 135

Felix Rambam schließt sich den sozialistischen Jungen Garden an, die wiederum zu der weißen Armee (Die große Weiße) gehörten, eine katholisch orientierte belgische Widerstandsgruppe.

Mai 1941 Felix Rambam in Brüssel verhaftet und in das Hauptquartier der Gestapo in Brüssel, Avenue Louise 453 gebracht

Der Überfall auf den XX.Transport von Mechelen nach Auschwitz

1943 Verhaftung und Verbringung der Eltern in das Sammellager Kazerne Dossin in Mechelen

19.4.1943 beide Eltern Rambam auf dem XX.Transport von 1631 Gefangenen Juden, Sinti und Roma von Mechelen nach Auschwitz, der erste Transport der mit Güterwaggons erfolgte.

Der Zug wird in Boortmeerbeek- etwa 30 km von Mechelen entfernt – von drei belgischen Widerstandskämpfern unter Führung von Joura Livschitz mit einer roten Laterne und einer Pistole gestoppt; sie können 17 Juden aus einem Waggon befreien; Regine Krochmal kann mit einem Brotmesser Latten den Lüftungsöffnung durch sägen, noch vor Erreichen der deutschen Grenze gelingt weiteren 216 die Flucht; von den 231 Flüchtigen kommen 26 um, 87 werden erneut verhaftet.

Handschriftliche Notiz auf der Gestapoliste: „saute du train“ – Ester Rambam sprang vom Zug

Die Mutter Esther Rambam gehört zu den 119, die nicht wieder gefasst werden und bis Kriegsende untertauchen können.

22.4.1943 Ankunft der 507 Männer, 121 Jungen, 631 Frauen und 141 Mädchen in Auschwitz, nach der Selektion werden 276 Männer und 245 Frauen als Häftlinge ins Lager geschickt und bekommen eine Häftlingsnummer in den linken Unterarm tätowiert , die übrigen werden in der Gaskammer ermordet. Nur 152 erleben die Befreiung.

Ebenfalls auf dem 20. Transport war Jeannette Passmann- Vogelsang aus Gelsenkirchen; sie wurde Opfer anatomischer Studien der Uni Straßburg.

Mauthausen

15.5.1943 Felix Rambam als Strafgefangener zur „Sonderbehandlung“ eingewiesen in das härteste der Konzentrationslager Mauthausen; diese „Sonderbehandlung“ überlebte kein Gefangener länger als sechs Monate.

1.6.1943 Felix Rambam „auf der Flucht erschossen worden“

Nachkriegszeit

1948 ist die Mutter wieder in Brüssel

28.9.-4.10.1948 Emigration der Mutter auf der SS MAURETANIA von Southampton nach New York

Gedenken

9.4.2001 Page of Testimony für Felix Rambam von Chaluz Viktor Klapholz;

31.5.2006 Stolperstein für den Vater Moses Rambam in Bochum Annastraße 20 (Königstraße 6)

Quellen

StA Bornheim, Sammlung Zerlett; Liste der Bewohner im „Lager Urfeld“

Archiv des Rhein-Sieg-Kreises, Landkreis Bonn (ARSK-LKB)

https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Projekte/Widerstandskarte/josef-wimar-giesen-versteckte-juedische-jugendliche-in-der-pogromnacht/DE-2086/lido/dc00018960

Pracht-Jörns, Elfi (Bearb.), Jüdische Lebenswelten im Rheinland. Kommentierte Quellen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, Köln Weimar Wien 2011, S. 272.

Gottfried Hamacher, André Lohmar, Herbert Mayer, Günter Wehner und Harald Wittstock; Gegen Hitler. Deutsche in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung »Freies Deutschland«; Karl Dietz Verlag, 2005

https://fr.wikipedia.org/wiki/R%C3%A9gine_Krochmal

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/1710122

Passenger and Crew Lists of Vessels Arriving at New York, New York, 1897-1957 (National Archives Microfilm Publication T715, roll 7662); Records of the Immigration and Naturalization Service, Record Group 85

https://www1.wdr.de/urfeld100.html

https://www.bochum.de/C125830C0042AB74/vwcontentbykey/w287j9gv043boldde/$file/024_rambam_moses.pdf

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de946983

https://www.mappingthelives.org

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

https://collections.arolsen-archives.org/de

Genealogie Website My heritage, diverse Familienstammbäume

Hubert Schneider (Hrsg.) Das Tagebuch der Susi Schmerler, eines jüdischen Mädchens aus Bochum, LIT-Verlag, 2018

https://www.kortumgesellschaft.de/tl_files/kortumgesellschaft/content/download-ocr/erinnernzukunft/Mitteilungsblatt-EfdZ-2011-Nr-15.pdf

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316

Peter W. Lande,  Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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