Weil Leo

Leo Arie Weil

*17.6.1922 in Augsburg; ✡ 2019 Brasilien

Religion jüdisch

Staatsangehörigkeit deutsch

Vater Hermann Weil *9.6.1883 in Buchau; ✡28.1.1944 in Auschwitz

Heirat der Eltern 11.9.1921 in Augsburg

Mutter Selma Oberdorfer *23.8.1893 in Hainsfarth; ✡ 1943 in Auschwitz

Großeltern Abraham Heil aus Kappel *11.3.1848 und Julie Dreyfuss *16.12.1855

Großmutter Karoline Oberdorfer, geb. Steiner *1864; 13.8.1942 in Theresienstadt

Onkel Siegfried Weil; Julius Weil (*1887); Herbert Oberdorfer

Tante Amalie Weil geb. Lamm *27.2.1895; ✡ 1943 in Auschwitz

Cousine Marianne Weil *8.1.1922 in Augsburg;✡ 1943 in Auschwitz

Geschwister

Edith Weil *21.12.1924 in Augsburg; ✡28.1.1944 in Auschwitz

Beruf Elektrotechniker; Ingenieur

Adressen Augsburg Pfersee, Halterstraße 6; Amsterdam;

Heirat Lydia Zimmerbaum *1928; ✡1961/2 an Krebs

Kinder

Harold Weil

Sylvia Weil

Weiterer Lebensweg

Besuch der Volksschule und der städtischen höheren Handelsschule bis 1936

Emigration nach Amsterdam

28.8.1936 Reise von Leo Weil mit seiner Mutter zu Onkel Herbert Oberdorfer nach Amsterdam

Besuch der Ingenieurschule in Amsterdam; eine Anstellung als Elektrotechniker bei Philips wird ihm nach Mai 1940 verweigert

12.2.1939 Emigration von Vater Hermann und Schwester Edith in die Niederlande; Edith bis Oktober 1940 in diversen Flüchtlingskinderheimen, dann zur Hachschara in Werkdorp.

Vater Hermann in Flüchtingsunterkünften in Rotterdam und Amsterdam

Deutsche Minderheiten-Volkszählung

17.5.1939 Mutter Selma in Augsburg, Halderstraße 6

Die vier Mauthausen Razzien 1941 in den Niederlanden

Alle bei den vier Razzien verhafteten Juden wurden zur „Sonderbehandlung“ Mauthausen deportiert.

Die ersten drei waren ausdrücklich als „Vergeltungsaktion“ deklariert.

Die Einweisung in das als Stufe III kategorisierte Lager Mauthausen bedeutete dabei faktisch eine Verurteilung zur „Vernichtung durch Arbeit“ im dortigen Steinbruch.

Laut Erlass von Reinhard Heydrich: „Stufe III: Für schwer belastete, insbesondere auch gleichzeitig kriminell vorbestrafte und asoziale, d. h. kaum noch erziehbare Schutzhäftlinge, das Lager: Mauthausen.“)

In Mauthausen werden sie durch extrem harte Arbeit im Steinbruch, oftmals tödliche medizinische Experimente und Giftinjektionen ermordet.

Zweite große Razzia in Amsterdam

14.5.1941 Bombenexplosion im Marine-Offiziersclub Amsterdam auf der Bernard-Zweerskade ist Anlass für Verhaftungswelle

Juni 1941 Zweite große Razzia in Amsterdam; der SD geht bei dieser Razzia anders vor als bei der ersten Razzia im Februar 1941, bei der Juden wahllos auf der Straße aufgegriffen und festgenommen wurden; bei der zweiten Razzia nutzen die Deutschen Adresslisten und gehen gezielt zu den Häusern von dem sie wissen, dass dort Juden leben.

11.6.1941 SS-Obersturmführer Klaus Barbie von der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam“ erschleicht sich durch Täuschung die Adresslisten der „Werkdorper“

11.6.1941 „Vergeltungsmaßnahme“ 300 vorwiegend Jugendliche, davon 61 „Werkdorper“ im Durchgangslager Schoorl inhaftiert; von ihnen werden vier, die keine vier jüdischen Großeltern haben, freigelassen.

Von Dezember 1940 bis August 1941 war SS-Untersturmführer Hans Stöver Kommandant des Camp Schoorl

Der Werkdorper Bernard Natt,, ein Cousin von Lotte Brück, beschreibt die Razzia des 11. Juni 1941:

„Am Mittwochabend, dem 11. Juni 1941, besuchte ich mit Lotti in der Stadsschouwburg eine Aufführung von Griegs Oper „Per Gynt“. Es war eine schöne, angenehme Aufführung. Es war auch das letzte Mal, dass ich mit Lotti ausgegangen bin. Auf dem Heimweg trafen wir einige Freunde vom Werkdorp. Sie waren sehr aufgebracht und teilten uns mit, dass unsere Mitbewohner des Werkdorps noch am selben Abend von der Gestapo festgenommen worden seien.

22.6.1941 Deportation der 296 in Schoorl Inhaftierten in das KL Mauthausen; dort werden sie durch extrem harte Arbeit im Steinbruch und oftmals tödliche medizinische Experimente ermordet; keiner überlebt das Jahr 1941

In seinem Zeitzeugen Interview von 1995 berichtet Leo Weil über diese im Juni Sommer 1941; die Gestapo suchte gezielt nach jungen Männern, so auch in der Wohnung in der Waverstraat 40, die er mit seinem Vater teilt. Er berichtet: „Und ich habe mich dadurch gerettet, dass ich mich an einem Seil vom ersten Stock hinten in einen Garten abließ und mich dann im Garten …. versteckt habe.“

Dritte Große Amsterdam Razzia – Erster großer Massentransport aus den Niederlanden

5.7.1942 die ersten Aufrufe Aufforderung an die Amsterdamer Juden, sich freiwillig zum „Arbeitseinsatz“ zu melden. Damals bestand beim Hechaluz noch die Auffassung, man solle sich deportieren lassen, in der irrigen Annahme, es handele sich um Arbeitseinsätze.

Die ehemaligen Werkdorper bekamen zumeist einen“Sperrstempel“ durch die Stichting Joodse Arbeid. Demgegenüber vertrat die „Deventer Vereniging“ die Auffassung, dass die Chaluzim in die Illegalität untertauchen sollten.

Onderduiker

Bruder Leo Weil vermutlich im Herbst 1942 untergetaucht, als die ersten Aufrufe zur Zwangsarbeit in den „Werkkampen“ eintrafen

Flucht aus Westerbork

2.4.1943 Leo Weil eingewiesen in das polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork; er kommt als Strafgefangener in die Baracke 66; vermutlich war er als „onderduiker“ gefasst worden und folglich kurzfristig auf einen der nächsten Transporte gestellt

Auf der Transportliste von Westerbork nach Ausschwitz

Die von Paul Siegel entwickelte Fluchtvariante aus dem Zug kurz vor der Abfahrt im Lager Westerbork wurde von etwa 12 Chawerim des Hechaluz genutzt u.a. von Hermann Italiaander, Lotti Wahrhaftig-Siesel (*1926, Berlin), Fritz Siesel, Meta Lande, Kurt Walter (*1922, Bamberg), Heinz und Fritz Pollak sowie Bubie Pinkus. Die Flucht fiel der Lagerverwaltung nicht auf, da die Häftlinge auf dem Weg zur Bahnstation bereits aus dem Lagerbestand gestrichen waren.

Am 3.3.1944 konnten zwei Dreiergruppen fliehen; die erste Gruppe mit Werner Hirschfeld, Lotte Wahrhaftig und Franz Pollak verlässt noch am Abend  mit gefälschten „Roten Passierscheinen“ das Lager, die zweite mit Siegfried Pinkus, David Dotsch und Frieda Rosenblatt-Weil folgt am Morgen des 4.3.1944.

Sie werden von Lore Durlacher, Frans Gerritsen und Jan Smit, Aktivisten des Westerweel-Netzwerks, in einem kleinen Wäldchen mit 8 Fahrrädern abgeholt.

1943 Flucht über Belgien nach Frankreich mit Hilfe der Gruppe um Joop Westerweel

Auf einer Baustelle der Bauorganisation Todt (OT) in Nordfrankreich kann er 100 Blanko „Marschbefehle“ Wehrmachtsausweise für Fremdarbeiter stehlen, mit deren Hilfe etwa 100 Chaluzim aus ihren Verstecken in Holland nach Frankreich geschleust werden können.

Eintritt in die Resistance-Organisation Juive de Combat; er ist an einem Banküberfall und der Ermordung von Juden-Verrätern beteiligt

Aufenthaltsorte in Frankreich waren Domvallier, Paris und Abbeville/Somme

Die Widerstandsgruppe COR

In Paris gehört er zur Gruppe Cor um Kurt Reilinger („Nanno“) und Max Windmüller („Cor“) ein führender Widerstandskämpfer der Gruppe des holländischen Hechaluz, die ab dem Frühjahr 1943 von Paris aus 150 untergetauchte Pioniere mit gefälschten Papieren aus Holland über Belgien nach Frankreich schleust. Von diesen können etwa 80 Chaluzim über die Pyrenäen nach Spanien gerettet werden.

Verhaftung durch den SD/BDS Paris

27.4.1944 Kurt Reilinger, Ernst Hirsch (Willy), Alfred Fraenkel (Zippi) und Susi Hermann infolge eines Verrates verhaftet in Paris,

18.7.1944 ein konspiratives Treffen der jüdischen Résistance in Paris, Rue Erlanger zur Vorbereitung der Befreiung der vier Inhaftierten wird von der Gestapo gestürmt, infolge des Verrats durch den Doppelagenten Karl Rebh. Ernst Ascher, Ernst Hirsch, Paul Wolff, Gerd Sperber, Max Windmüller Maurice Loebenberg verhaftet. Max Windmüller wird zunächst als politischer Nichtjude unter seinem Decknamen arrestiert. Die Verhafteten wurden in das BDS-Hauptquartier in die Rue de la Pompe verbracht, verhört und auch gefoltert, Loebenberg starb in der Folge. Die Gruppe wird in das das Gefängnis Fresnes gebracht. Von der Gruppe um Cor waren in Fresnes inhaftiert: Max Windmüller, Kurt Reilinger, Ernst Hirsch (Willy), Alfred Fraenkel (Zippi), Ernst Ascher, Paul Wolff, Paula Kaufmann, Gerd Sperber; aus der französischen Gruppe u.a. René Kapel, Jacquel-Lazarus.

Anfang August 1944 Verlegung der Gruppe in das Sammel-und Durchgangslager Drancy. Vor der Aufgabe von Drancy werden vom Hauptsturmführer Alois Brunner, einer der engsten Mitarbeiter Adolf Eichmanns, für den letzten Transport Nr 78 aus Drancy 51 Personen bestimmt. Neben jüdischen „Prominenten“, wie der Flugzeugkonstrukteur Marcel Bloch-Dassault, die illegale Leitung der Armée Juive in Paris und die Gruppe um Kurt Reilinger.

Leo Weil wird 1944 in der Region Marseille verhaftet und nach Drancy deportiert

17.8.1944

Leo Weil mit den männlichen Gruppenmitgliedern in einem Güterwagen mit der Aufschrift „Juden Terroristen“ nach Buchenwald transportiert

25.8.1944 Wegen der durch alliierte Angriffe massiv

beeinträchtigten französischen und belgische Bahnstrecken erreicht der Zug das Konzentrationslager Buchenwald erst nach neun Tagen

Zwangsarbeit in den Gustloff-Werken

Zwangsarbeit in der Waffenproduktion in einer der 13 Werkshallen, die von der SS an den Weimarer Stammbetrieb der „Wilhelm-Gustloff-NS-Industriestiftung“ vermietet wurden

Außenlager Jena

4.10.1944 Leo Weil mit 400 Buchenwald Häftlingen in das Außenlager Jena zur Zwangsarbeit im Reichsbahnausbesserungswerk (RAW)

Räumung in Jena – Todesmarsch nach Leitmeritz

Anfang April 1945 das Außenlager in Jena wird von der SS geräumt.

4. 4.1945 900 Häftlinge mit dem Zug in das 100 Kilometer entfernte Buchenwalder Außenlager Colditz. Der Zug wird in Weißenfels von allierten Flugzeugen beschossen; Häftlinge kommen um, einige nutzen das Chaos zur Flucht. Letztlich kommen noch gut 800 Männer in Colditz an.

14.4.1945 Wenige Tage später wird auch das Lager Colditz aufgelöst. Es beginnt der Todesmarsch über das Erzgebirge nach Nordböhmen

28.4.1945 Die Marschkolonne erreicht Leitmeritz, Außenlager des KL Flossenburg, in der Nähe von Theresienstadt

5.5.1945 die SS zieht sich aus Theresienstadt zurück und überlässt das Ghetto der Verwaltung des Roten Kreuz.

9.5.1945 die Rote Armee erreicht Theresienstadt

Er erkrankt schwer an Flecktyphus

Vater Hermann und Schwester Edith im Kamp Westerbork

Schwester Edith als Bedienung in der Kantine des Joods Raad in Amsterdam auf der AuBe-Liste (Ausnahmebescheinigung des JR)

Vater Hermann und Schwester Edith lehnten ab, von dem bereits in der Illegalität lebenden Leo nach Frankreich geschleust zu werden.

Verhaftet als „Onderduiker“ im Versteck; eingewiesen als Strafgefangene in das KL Vught

25.1.1944 auf dem Transport von Westerbork nach Auschwitz

Mutter Selma

Mutter Selma blieb zur Betreuung ihrer Mutter Karoline in Augsburg zurück.

31.7.1942 Großmutter Karoline auf dem Transport von München nach Theresienstadt

1.9.1941-3.3.1943 Cousine Marianne als Zwangsarbeiterin in der Augsburger Ballonfabrik

4.8.1942 -3.3.1943 Mutter Selma als Zwangsarbeiterin in der Augsburger Ballonfabrik

Fabrikaktion

März 1943 Reichsweite „Fabrikaktion“, alle noch in Arbeitslagern und kriegswichtigen Betrieben beschäftigten „Volljuden“ werden verhaftet und in Konzentrationslager nach Auschwitz und ins „Generalgouvernement“ deportiert

13.3.1943 Mutter Selma zusammen mit Schwägerin Mali Weil und Nichte Marianne auf dem Transport von 97 Juden aus Augsburg über München nach Auschwitz

Nachkriegszeit

5.5.1951 Einschiffung auf der SS HIGHLAND CHIEFTAIN in Tilbury, Essex als Transitreisender von Holland nach Rio de Janeiro

Quellen

http://meitotmei.nl/233-ontsnappingen-uit-westerbork/

https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Weil%20leo%22%7D

https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Hermann%20Weil%201883%22%7D

https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Weil%20Edith%22%7D

http://www.dokin.nl/deceased_children/edith-weil-born-21-dec-1924/

Passagierlisten, United Kingdom and Ireland 1890-1960

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de986941

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de987135

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de987646

https://www.statistik-des-holocaust.de/OT430313-11a.jpg

https://www.joodsmonument.nl/en/page/681538/leopold-weil

https://www.amsterdam.nl/stadsarchief/themasites/razzia

https://www.oorlogsbronnen.nl

https://hdbg.eu/zeitzeugen/detail/holocaust-shoah/leo-weil/280

Lebensgeschichtliches Zeitzeugeninterview mit Leo Weil, 28.7.1995 in München.

www.werkdorpwieringermeer.nl/

Niederlande, Bevölkerungsregister, 1810-1936; Bron: boek, Deel: 146, Periode: 1912-1938

https://www.oorlogsbronnen.nl/mensen?personterm=Ontruiming%20Joods%20Werkdorp%20Wieringermeer

https://www.mappingthelives.org

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Peter W. Lande,  Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History

https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316

https://yvng.yadvashem.org/ad

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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