Günter Nussbaum
*11.12.1924 in Dortmund; Oktober 1943 Öresund
Staatsangehörigkeit
Religion jüdisch
Vater Julius Nussbaum *6.9.1886 in Neukirchen, Hessen; ✡ nach April 1942 Zamosc
Mutter Meta Friede *24.3.1889 in Dortmund; ✡ nach April 1942 Zamosc
Onkel Walter Friede *21.1.1885 Bocholt;1942/43 Riga,
Tante Martha Friede, geb. Schickler,* 29.12.1895 Elberfeld; 18.12.1944 Stutthof
Cousin/en
Ernst Friede *11.4.1923, 1938 jüdisches Lehrgut Gross-Breesen, überlebt in Schweden
Cläre Friede *7.4.1924 in Dortmund;1944 KL Stutthof
Ilse Nussbaum * 10.6.1915 in Dortmund; ✡17.8.2013 Moshav Moledet, Israel

Cousin des Vaters Siegmund Nussbaum *11.10.1883 in Niederaula; ✡ nach April 1942 Zamosc
Geschwister

Margot Nussbaum *1.8.1920 in Dortmund; ✡ Kirjat Bialik; oo 1939 Heinz Freund (1916-2004)
Cousine Ilse Nussbaum *10.6.1915 Dortmund; ✡17.8.2013 in Moshav Moledet
Beruf Landarbeiter
Adressen Dortmund, Ostenhellweg 41; Schniebinchen;
Heirat ledig
Kinder –
Weiterer Lebensweg
Cousine Ilse zur Hachschara auf Hof Wecker in Rüdnitz, Bernau
1938 Cousin Ernst Friede zur Hachschara in das Auswandererlehrgut Groß Breesen
1939 Ernst Friede nach Schweden
Hachschara Lehrgut Schniebienchen
Günter Nussbaum zur Hachachara in das Lehrgut Schniebienchen
Gut Schniebinchen war ein zuletzt dem Apotheker Otto Kaesbach gehörendes Landgut von 1117 Morgen bei Sorau/ Sommerfeld in der Niederlausitz. Kaesbach produzierte hier nach Aufgabe der Landwirtschaft Pharmaka wie das Sexmittel OKASA.
Seine geschiedene Ehefrau Martha Kaesbach stellte als Verwalter Herrn v. Horn ein. Die zum Gutsbesitz gehörende Wassermühle (Jessener Mühle) verkaufte Kaesbach 1929 an die Familie Lichting, auch hier entstand später ein Hachscharalager.
1933/34 Abschluss eines Pachtvertrages über 180 RM monatlich mit dem Jüdische Jugendbund Habonim Noar Chaluzi (Bauleute), der offizielle Briefkopf lautete:
Jüdische Jugendhilfe Schniebinchen über Sommerfeld NL, Telefon: Niewerle Nr. 11
Später lag die Verwaltung reichsweit bei der Ssochnuth (Sochnut, hebräisch הַסּוֹכְנוּתִ היְּהוּדִית לְאֶרֶץ יִשְׂרָאֵל ha-Sochnut ha-Jehudit le-Erets Jisra’el, ‚Jewish Agency‘ auch ‚Jüdische Agentur für das Land Israel‘)
10.11.1938 in der Pogromnacht wird das Lager für einige Tage von örtlicher SA besetzt, die aber keine Misshandlungen an den Bewohner begeht.
Leiter von Schniebinchen war Dr. Alfred Cohn (April-Sept 1939); ab September 1939 wurden Ludwig Kuttner und Fanny Bergas als Wirtschaftsleiterin dessen Nachfolger. Cohn und Kuttner waren zuvor zuvor Lehrer an der Privaten Waldschule Kaliski in Berlin. Lotte Kaiser und Lotte Adam hatten die pädagogische Leitung. Das Verhältnis Jungen/Mädchen lag bei 60/40. Für Mädchen stand vor allem Hausarbeit wie Kochen, Backen, Nähen und Stricken auf dem Plan.
Ab April 1939 war Jenny Rosenbaum später Aloni Jugendleiterin, bevor auch sie im November nach Palästina auswanderte. Sie berichtet von ihrer Ankunft:
„Auf dem Zaun ein Papagei. Ein lebendiger Papagei. Er heißt Laura… Papagei Laura rief im Vorbeigehen jedem zu „Heil Hitler Schalom“
Vor der Besetzung Dänemarks 1940 gingen viele mangels ausreichender Zertifikate für Palästina zur Einzelhachschara auf Bauernhöfe in Dänemark.
März 1939 eine erste Alija beth Gruppe von einer Gruppe Chawerim aus Schniebinchen in Wien einem Sammeltransport angeschlossen, die ab Spalato, Jugoslawien auf einem kleinen Seeschiff „Dora“ nach etwa 10-tägiger Fahrt unbehindert in Palästina landete; sogenannte erste illegale Sonderhachschara SH1
Minderheitenzählung
17.5.1939 122 Personen, 1939 waren 109 Chaluzim und Angestellte registriert in Schniebinchen
Günter Nussbaum irrtümlich als „Fritz Nussbaum“ mit korrektem Geburtsdatum registriert
Beide Eltern und Schwester Margot in Dortmund, Ostenhellweg 41
Legale Alija von Schwester Margot
Schwester Margot emigriert noch im Sommer 1939 nach England und kann mit Ehemann Heinz Freund am 6.1.1940 mit einem Arbeiterzertifikat des Hechaluz C/LS in Haifa legal einreisen
Sonderhachschara
13.10. 1939 fuhren etwa 20 Chawerim, ab Schniebinchen über Sommerfeld und Breslau nach Wien, wo sie der Sonderhachschara (SH2) über die Schwarzmeerroute angeschlossen werden und auf der SS HILDA vor der Drei-Meilen-Zone von der Royal Navy vor Haifa geentert werden.
16.11.1939 eine Gruppe Chaluzim verlässt Schniebinchen zur der Sonderhachschara (SH5) über die Schwarzmeerroute, der Kladovotransport. Fast alle werden am 12./13.1941 in Zasavica durch Massenerschießungen der Wehrmacht ermordet.
29.1.1940 Erlaubnis der Briten im Hafen von Haifa zu landen, von wo sie mit Bussen in das britische Internierungslager nach Athlith verbracht werden
5.7.1941 behördliche Anordnung zur Auflösung der Hachschara-Lager; Umbenennung „Jüdisches Arbeitseinsatzlager“
31.7.1941 Auflösung Schniebinchen, Ludwig Kuttner und seine Familie und eine Gruppe von Jugendlichen gehen ins Lager Paderborn, Fanny Bergas und andere ins Landwerk Neuendorf.
Dänischer Zensus
1939 Emigration von Günter Nussbaum zur Einzelhachschara bei Bauern in Dänemark

5.11.1940 Günter Nussbaum in Gjellerup, Hammerum, Ringkøbing bei der Familie des Bauerns Sahlholdt
Der Zamosc-Transport aus dem Regierungsbezirk Arnsberg
27.4.1942 Beide Eltern und Schwester Margot von der Gestapo aus der Wohnung in Dortmund, Ostenhellweg 41 geholt; ebenfalls auf dem Transport der Cousin des Vaters Siegmund Nussbaum mit seiner Frau Johanna; Siegmund Nussbaum war Lehrer an der jüdischen Schule in Castrop und Dortmund, aktiver Zionist und Funktionär in zahlreichen jüdischen Organisationen
28.4.1942 Deportation in die Turnhalle des Sportvereins „Eintracht“ in Dortmund
30.4.1942 Deportation mit 791 Juden vom Sammellager zum Dortmunder Südbahnhof am Heiligen Weg deportiert nach Zamosc
3.5.1942 Ankunft in Zamosc
16.10.1942 Auflösung des Ghetto Zamosc; alle Bewohner ins Ghetto Izbica; von dort in die Vernichtungslager Sobibor und Belzec
Tod der Eltern nach dem 3.5.1942, Ort und Datum des Todes unbekannt; von diesem Transport kehrte niemand zurück
Ausnahmezustand in Dänemark 1943
1939 Emigration von Günter Nussbaum nach Dänemark zur Hachschara auf einzelnen Bauernhöfen
9.4.1940 Einmarsch der Deutschen in Dänemark; Dänemark bleibt in Teilen autonom bis zum Oktober 1943
29.8.1943 Die deutschen Besatzer verkünden den „Ausnahmezustand“ wegen zunehmender Widerstandaktionen
17.9.1943 Adolf Hitler befiehlt die Endlösung für die Juden in Dänemark
September 1943 Anordnung von Werner Best, SS-Obergruppenführer und Generalbevollmächtigter für Dänemark
„Die Festnahme der zu evakuierenden Juden erfolgt in der Nacht vom 1. zum 2.10.43. Der Abtransport wird von Seeland zu Schiff (ab Kopenhagen), von Fünen und Jütland mit der Bahn Sonderzug durchgeführt“.
28.9.1943 der deutsche Diplomat Georg Ferdinand Duckwitz verrät die geplante Deportation bei einem Treffen mit dänischen Sozialdemokraten.
Oktober 1943 7700 Juden können sich mit Hilfe der dänischen Bevölkerung in einer Massenflucht über den Øresund (Ostsee) nach Schweden retten.
Oktober 1943 Günter Nussbaum ertrinkt bei der Überfahrt über den Øresund.
Gedenken
19.10.2005 Acht Stolpersteine für Günter, seine Eltern und Schwester Nussbaum in Dortmund, Ostenhellweg 41 sowie für Onkel Walter Friede, dessen Frau Martha und Kinder Ernst und Kläre
Pages of Testimony für die Familie Nussbaum von Schwester Margot Freund
Pages of Testimony für die Familie Nussbaum von Cousine Marianne Löllbach
Quellen
Ralf Piorr, Peter Witte (Hg.) Ohne Rückkehr. Die Deportation der Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg nach Zamość im April 1942; Klartext, Essen 2012
https://www.statistik-des-holocaust.de/OT420430_12.jpg
https://www.mappingthelives.org
Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939
Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947
https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de
Peter W. Lande, Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History
https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316