Oettinger Paul

Paul/Schaul Oettinger

*10.7.1922 in Regensburg

Staatsangehörigkeit deutsch

Religion jüdisch

Vater Dr. jur Fritz Oettinger *22.2.1878 in Regensburg; ✡ 20.5.1878 in München

Mutter Elsa Niedermayer *14.5.1893 in Regensburg; ✡ ?

Geschwister

Lotte Oettinger *14.6.1918 in Regensburg; ✡ 1938 Ernst Lilienfeld

Adressen Regensburg, Moltkeplatz 1, Wilhelmstraße 3;General-von-Epp-Straße 4

Beruf Schüler;

Heirat

Kinder

Weiterer Lebensweg

1933 Vater Fritz für sechs Monate in Schutzhaft

10.5.1937 Einreise von Schwester Lotte in Haifa mit einem Kapitalistenzertifikat der Kategorie A(1)

10.7.1937 Passausstellung für Paul Oettinger in Regensburg

Sommer 1938 Alle jüdischen Läden und die Bürgersteige davor werden mit roter Farbe beschmiert. Das Praxisschild der Kanzlei Oettinger abgerissen; es wurde später am Ludwigsdenkmal vor dem Dom gefunden

Novemberpogrom in Regensburg

Am 10.11.1938 wurde die Synagoge niedergebrannt, Wohnungen und Geschäftslokale von SA- und NSKK-Mob verwüstet. Siegfried Wittmer schreibt:

„Bei der Familie Dr. Fritz Oettinger in der seinerzeitigen General-von-Epp-Straße 4/1 drangen uniformierte Nationalsozialisten brutal in die Wohnung ein. Sie stahlen die Weltkriegsorden des Hauptmanns der Reserve Dr. Oettinger. Elsa Oettinger, die „Frau Doctor“, konnte ihre beiden Männer – den Gatten Fritz und den Sohn Paul – gerade noch mit zweckmäßigen Trainingsanzügen ausstatten. Dann führte man die beiden in das Polizeirevier am Jakobstor. Der junge Paul war so aufgeregt, dass er dort nicht einmal sein Geburtsdatum angeben konnte.“

Frühmorgens wurden 70 Männer in die Motorsportschule des NSKK in der Maxhüttenstraße transportiert. Vormittags wurden sie zu demütigenden „Morgensport“-Übungen gezwungen. Als Paul Oettinger auf dem Bauch robben musste, wurde er von einem NSKK-Mann angeschrien: „Warum so langsam?“; als er dann lachte, versetzte ihm jener einen Kolbenhieb.

Um 11 Uhr folgte der „Schandmarsch“ durch die Regensburger Altstadt vom St. Georgenplatz über die Maximilianstraße zum Bahnhof. Paul Oettinger musste mit einem Chaluz aus der Weißenburgstraße das Schild „Auszug der Juden“ tragen. Zwei Chaluzim wurden genötigt, zwei entwendete Umhänge an einer Stange zu tragen, auf denen zwei Tauben abgebildet waren.

Konzentrationslager Dachau

Nach dem „Schandmarsch“ wurden auf dem ersten von drei Transporten um 12 Uhr 21 Männer mit einem Reisebus des Busunternehmers J. Seitz in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Drei Gestapo-Beamte fuhren zur Bewachung mit. Am 11. und 12. November erfolgten zwei weitere Transporte nach Dachau.

10.11.1938 Vater Fritz Oettinger gehörte mit Rechtsanwalt Karl Michel, Rabbi Falk Salomon, Jacob Farntrog sowie vier Chaluzim aus der Weißenburgstraße 31 zur ersten Gruppe der nach Dachau verbrachten Männer.

Paul Oettinger wird als 16 -Jähriger bis zum nächsten Tag um 16:20 Uhr im Polizeigefängnis festgehalten; im Anschluss versteckt er sich bis zum Einbruch der Nacht im Dörnbergpark, bevor er nach Hause zurückkehrt.

11.11.1938 wurden vier weitere über 17-jährige Männer aus dem Beth Chaluz sowie Ernst Levy aus Regensburg und Fritz Strauß in Dachau eingewiesen.

12.11.1938 fünf Chaluzim aus dem Beth Chaluz werden nach Dachau verbracht

Mit dem Schulverbot vom 15.11.1938 musste auch Paul Oettinger das Neue Gymnasium Regensburg verlassen. 

5.12.1938 Entlassung des Vaters Fritz (20148) mit einer größeren Gruppe älterer Regensburger aus dem KL Dachau, nachdem ihnen zuvor der Schwur abgepresst worden war, über die Ereignisse in Dachau Stillschweigen zu bewahren. Die 14 Chaluzim aus dem Beth Chaluz wurden als Gruppe am 23.12.1938 aus Dachau entlassen

Einzelne Chaluzim gehen in ihre Heimatorte, andere wechseln in bestehende Hachscharastätten

12.4.1939 Brief von Jakob Farntrog aus Regensburg:

„Diese Woche … noch gehen Oberdorfer und Springer weg (Ehepaar Oberdorfer und Herr Springer auf die ST LOUIS). Die letzten vom Bet Chaluts anfangs kommender Woche illegal nach Erets. Die Auswanderung geht ja im großen ganzen nur langsam vonstatten“

Deutsche Volkszählung -Minderheitenzählung

17.5.1939 beide Eltern in Regensburg, Moltkeplatz 1, Wilhelmstraße 3

17.5.1939 noch im Beth Chaluz in Regensburg, Weißenburgstraße 31 registriert die vier:  Erna Margules, Isaak Sapierstein, Erich Schlorch und Karel Sokolski, die am 12.8.1939 auf der SS DORA am Strand von Shefayim nahe Tel Aviv mit Booten illegal ins Land gebracht werden

Alija

6.2.1939 Ankunft von Paul Oettinger in Haifa mit einem Studentenzertifikat der Jugendalijader Kategorie B(III)

Vater Oettinger hatte für ihn und einen weiteren Jungen 4200 RM aufgebracht.

1939 -1941 Paul Oettinger zur Ausbildung in Ein Charod

1941 Arbeit in Chefzi-Bah am Gilboa-Gebirge

15.7.1945 Einbürgerung in Palästina

England

August 1939 Vater Fritz nach England

29.9.1939 Fritz und Elsa Oettinger in 141, Fellows Road, Hampstead, London bei britischem Census

Nachkriegszeit

1945 Fritz und Elsa Oettinger nach Palästina

1959 Shaul Oettinger zurück nach Deutschland

1961 Dozent für Hebräische Sprache an der Volkshochshule Köln; Schriftsteller

Gedenken

Quellen

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de863908

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de863916

https://de.wikipedia.org/wiki/Shaul_Oettinger

https://www.mappingthelives.org

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

https://collections.arolsen-archives.org/de

Genealogie Website My heritage, diverse Familienstammbäume

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/130429410

https://www.heimatforschung-regensburg.de/2485/1/1063113_DTL1773.pdf

Siegfried Wittmer, Geschichte der Regensburger Juden von 1903 bis 1935

Siegfried Wittmer, Geschichte der Regensburger Juden von 1936 bis 1938

Siegfried Wittmer, Geschichte der Regensburger Juden von 1939 bis 1945

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/7456410

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/70198031

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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