Hilde Grynbaum/Grünbaum

„Und wenn wir unsere Geschichte erzählen
Wollen wir zum Ende erwähnen
Helden gibt es nicht nur mit Munition
Held sein heißt
Mensch bleiben in jeder Situation“
Gedicht von Hilde Zimche
*31.8.1923 in Berlin;
Staatsangehörigkeit deutsch
Religion jüdisch
Vater David Grynbaum 1.10.1886 in Bedzin ✡vor 1945 in der Shoa
Heirat der Eltern 2.9.1921 in Berlin
Mutter Zysla Susanne Poller *17.3.1887 in Przemysl ✡ 1942 in Ravensbrück
Geschwister
keine
Beruf –
Adressen

Heirat 1947 im Kibbuz Buchenwald- Netzer Sereni mit Ernst Azriel „Piese“ Zimche *22.5.1922 in Posen; ✡15.2.2015 im Kibbuz Netzer Sereni
Kinder
Weiterer Lebensweg
Volksschule, Mittelschule Große Hamburger Straße in Berlin
Belegt Musikstunden bei Alfred Loewy, Onkel der Esther Loewy/Bejerano
28.10.1938 Vater als Pole nach Zbaszyn deportiert; Mutter verhaftet wegen gefälschter Transitgenehmigung für eine Ausreise nach Belgien. Frauengefängnis Barnimstraße, Friedrichshain
4.12.1938 Hilde lehnt ab, sich mit dem bereits genehmigten Kindertransport aus Berlin nach England zu retten, da die Mutter im Gefängnis saß.
17.5.1939 mit den Eltern David und Susanne in Berlin Mitte bei Minderheiten-Volkszählung
Hilde muss die Wohnung der Familie auflösen; trifft in der Synagoge Ester Pur, Chawera aua Ahrensdorf, die sie dorthin lockt
Oktober 1940 ins Hachscharalager Ahrensdorf bei Fürstenwalde
Ende Mai -Ende September 1941 Auflösung des Hachscharalagers Ahrensdorf;
27.5.1941 Verlegung mit 15 Chawerim in das Lehrgut Neuendorf im Sande;
5.7.1941 behördliche Anordnung zur Auflösung der Hachschara-Lager; Umbenennung der noch bestehenden in „Jüdisches Arbeitseinsatzlager“
November 1942 in Kraft tretendes Gesetz: „Alle im Reich gelegenen Konzentrationslager sind judenfrei zu machen und sämtliche Juden sind nach Auschwitz und Lublin zu deportieren.“
20.2.1943 neue Richtlinien des Reichssicherheitshauptamtes für die „technische Durchführung der Evakuierung“
März 1943 Reichsweite „Fabrikaktion“, alle noch in Arbeitslagern und kriegswichtigen Betrieben beschäftigten „Volljuden“ werden verhaftet und in Konzentrationslager nach Auschwitz und ins „Generalgouvernement“ deportiert
10. 4.1943 Aus Neuendorf mit LKW nach Fürstenwalde, von dort mit der Bahn nach Berlin; zu Fuß ins Sammellager Große Hamburger Straße
19.4.1943 auf dem 37. Osttransport als Teil der Fabrikaktion, allein 153 Personen aus dem Landwerk Neuendorf bei Fürstenwalde.
Esther Bejerano erinnert sich:
„Wohin der Zug fuhr, wussten wir nicht. Die Waggons waren überfüllt und wir konnten uns kaum bewegen. Wenn wir mal austreten wollten, mussten wir über die Menschen steigen, um an die Kübel in der Ecke zu gelangen. Die Luft in den Waggons war miserabel und wurde immer schlechter.“
Esther berichtet auch, dass viele alte und schwache Menschen die Fahrt in den Viehwaggons nicht überlebten. Ihre Leichen blieben die ganze Zeit in den Waggons. Mit Esther saßen viele der Jugendlichen im Waggon, mit denen sie in Neuendorf zusammen war: Eli Heymann, Schimschon Bär, Schoschana Rosenthal, Miriam Edel, Anne Borinski, Hilde Grünbaum, Karla und Sylvia Wagenberg, Herbert Growald und noch viele andere. Schimschon und Esther hatten sich getrennt, sie hatte inzwischen ein Auge auf Eli Heymann geworfen, an dessen Seite sie den Transport in die Hölle überstand.
20. 4. 1943 Ankunft in Auschwitz; Notiz im Lagerbuch von Auschwitz:
„Mit einem Transport der RSHA […] sind etwa 1 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder eingetroffen. Nach der Selektion werden 299 Männer, die die Nummern 116754 bis 117502 erhalten sowie 158 Frauen, die die Nummern 41870 bis 42027 erhalten, als Häftlinge in das Lager eingewiesen.
Die übrigen 543 Deportierten werden in den Gaskammern getötet.“
Auschwitz-Häftlingsnummer ?
Nach wenigen Wochen kommt sie als erste Jüdin in das Mädchenorchester von Auschwitz. Esther Bejerano berichtet:
„Als dann die Dirigentin, Sofia Tschaikowska eines Tages bei den Blockältesten nach Musikerinnen suchte, wurden meine Freundinnen Hilde Grünbaum, Sylvia Wagenberg und ich vorgeschlagen… Auch meine Freundinnen wurden akzeptiert, Hilde als Geigerin, Sylvia als Flötistin, und so zogen wir drei in die Baracke, in der die Musiker schliefen, die sogenannte Funktionsbaracke.“
Wegen eines Abszesses kann sie die Geige nicht mehr spielen; persönliche Assistentin der Dirigentin Alma Rose, Nichte von Gustav Mahler
4.4.1944 Tod von Alma Rose (*3.11.1906 in Wien, 4.4.1944 in Auschwitz)
April 1944 Sonia Winogradowa wird neue Leiterin und verlangt den Ausschluss der jüdischen Musikerinnen
November 1944 Deportierung aus Auschwitz nach Bergen Belsen
15.4.1945 Befreiung durch Britische Truppen in Bergen-Belsen; Unterbringung in dem neben dem alten KL liegende DP Camp Bergen-Belsen, dort erstmals Kontakt mit der Jewish Brigade, die dort einen Stützpunkt hatte. Die Jewish Brigade empfiehlt ihnen den „Kibbuz Buchenwald“ aufzusuchen.
Mai 1945 Kibbuz Buchenwald, ein von der US-Army beschlagnahmter und den Buchenwald Häftlingen zur Verfügung gestellter Bauernhof in Eggendorf bei Weimar; zusammen mit Artur Posnanski und Hanna Lewy.
Juli 1945 wegen der Übergabe Thüringens an die „Rote Armee“ wechseln die Kibbuzim auf den Gehringshof bei Fulda in der Amerikanischen Zone

v.l. Helen Dunicz; Anita Lasker Walfisch, Hilde Grünbaum
Mit ihrer Freundin Sylvia Wagenberg zum ehemaligen Hachschara Gut Gehringshof, ab Juli 1945 Kibbutz Buchenwald
Miriam Edel mit Esther Loewy und Karla Wagenberg und einige Wochen und im „Kibbuz Buchenwald“
Vom „Kibbutz Buchenwald“ Gehringshof vermutlich durch die Bricha (Schleuseraktionen) der Jewish Brigade zunächst nach Belgien, dann nach Marseille gebracht
17.-27.3.1946 auf der SS TEL HAI von Marseille nach Haifa
Verhaftung durch die britische Mandatsmacht im Camp Atlith
Gedenken
10.6.1955 Pages of Testimony für die Eltern von Hilde Zimche
Quellen
https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1062963
https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de879001
www.thegirlsintheauschwitz.band/their-marriages/
Video-Interview mit Issy Philipp 1994
Esther Bejerano, Man nannte mich Krümel, Curio Verlag 1989
Esther Bejerano, Erinnerungen, Laika Verlag, 2013
Anneliese Ora Borinski, Erinnerungen
Diethard Aschoff, „Jeden Tag sahen wir den Tod vor Augen“. Der Auschwitzbericht der Recklinghäuserin Mine Winter, in: VZ 94 – 96, 1995 – 97, Hrsg. W. Burghardt, S. 321 – 386
Naftali-Rosenthal-Ron, Aufblitzende Erinnerungen, Autobiografie; deutsche Übersetzung von Alice Meroz, Berlin 2015
Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939
Danuta Czech, Lagerbuch von Auschwitz
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/127212883
https://www.ortschroniken-mv.de/images/d/d9/MAL_KZ_Aussenlager.pdf
https://www.ernster.com/annot/564C42696D677C7C393738333839313434333533387C7C504446.pdf?sq=2
https://www.topfundsoehne.de/ts/de/service/mediathek/videos/2020/139178.html
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/127212883
Ernest W. Michel, „Promises Kept – Ein Lebensweg gegen alle Wahrscheinlichkeiten“, 2013