Stein Berthold

Berthold Stein

*9.5.1917 in Billerbeck; ✡ 25.10.1940 in Haifa

Staatsangehörigkeit deutsch

Religion jüdisch

Vater Alfred Philipp Stein *25.11.1885 in Gescher; ✡ vor 1944 in Riga

Heirat der Eltern 4.7.1916

Mutter Susanne Anna Samson *8.1.1891 in Herbern; ✡ vor 1944 in Riga

Tante Julia Stein geb. Samson *14.11.1885 in Herbern; ✡24.7.1942 Maly Trostinec; oo Josef Stein

Cousine Klara Stein *7.6.1918 in Stadtlohn; ✡24.7.1942 Maly Trostinec

Onkel Julius Stein *29.12.1887 in Gescher; ✡ vor 1944 in Riga; oo Amalia Stamm

Onkel Josef Stein *6.11.1867 in Stadtlohn; ✡21.1.1932 in Stadtlohn

Geschwister

Herta Stein *28.7.1919 in Borghorst; ✡ 12.12.1944 in Stutthof

Julia Stein *10.6.1921 in Billerbeck; ✡ 6.1976 USA; oo Paul Katzenstein

Hannelore Stein *13.1.1927 in Billerbeck; ✡ 8.11.1944 in Stutthof

Beruf Landarbeiter

Adressen Billerbeck, Daruper Straße 16; Paderborn;

Heirat ledig

Kinder

Weiterer Lebensweg

ASR-Aktion

Juni 1938 Berthold Stein verhaftet in der ASR -Aktion („Arbeitsscheu Reich“)

22.6.1938 Einweisung als ASR-Häftling in das KL Sachsenhausen

Nach Entlassung in das Umschulungslager Paderborn

Hachschara Lehrgut Schniebienchen

Schwester Julia geht in das Lehrgut Schniebinchen

Gut Schniebinchen war ein zuletzt dem Apotheker Otto Kaesbach gehörendes Landgut von 1117 Morgen bei Sorau/ Sommerfeld in der Niederlausitz. Kaesbach produzierte hier nach Aufgabe der Landwirtschaft Pharmaka wie das Sexmittel OKASA.

Seine geschiedene Ehefrau Martha Kaesbach stellte als Verwalter Herrn v. Horn ein. Die zum Gutsbesitz gehörende Wassermühle (Jessener Mühle) verkaufte Kaesbach 1929 an die Familie Lichting, auch hier entstand später ein Hachscharalager.

1933/34 Abschluss eines Pachtvertrages über 180 RM monatlich mit dem Jüdische Jugendbund Habonim Noar Chaluzi (Bauleute), der offizielle Briefkopf lautete:

Jüdische Jugendhilfe Schniebinchen über Sommerfeld NL, Telefon: Niewerle Nr. 11

Später lag die Verwaltung reichsweit bei der Ssochnuth (Sochnut, hebräisch הַסּוֹכְנוּתִ היְּהוּדִית לְאֶרֶץ יִשְׂרָאֵל ha-Sochnut ha-Jehudit le-Erets Jisra’el, ‚Jewish Agency‘ auch ‚Jüdische Agentur für das Land Israel‘)

10.11.1938 in der Pogromnacht wird das Lager für einige Tage von örtlicher SA besetzt, die aber keine Misshandlungen an den Bewohner begeht.

Leiter von Schniebinchen war Dr. Alfred Cohn (April-Sept 1939); ab September 1939 wurden Ludwig Kuttner und Fanny Bergas als Wirtschaftsleiterin dessen Nachfolger. Cohn und Kuttner waren zuvor zuvor Lehrer an der Privaten Waldschule Kaliski in Berlin. Lotte Kaiser und Lotte Adam hatten die pädagogische Leitung. Das Verhältnis Jungen/Mädchen lag bei 60/40. Für Mädchen stand vor allem Hausarbeit wie Kochen, Backen, Nähen und Stricken auf dem Plan.

Minderheitenzählung

17.5.1939 beide Eltern Bruder Berthold, die Schwestern Herta und Hannelore in Billerbeck, Daruper Straße 16

17.5.1939 Julia Stein mit 109 Chaluzim und Angestellten registriert in Schniebinchen

23.6.1939 Passausstellung für Julia Stein in Billerbeck

17.7.1939 Legale Alija von Julia Stein nach Tel Aviv mit einem Studentenzertifikat der Jugendalija der Kategorie B(III)

Alija Beth – Sonderhachschara VII – der Paraguay-Transport

Juli 1940 Berthold Stein abgemeldet aus Paderborn, zunächst Zugfahrt nach Berlin

16.8.1940 mit dem Zug ab Berlin, Bahnhof Friedrichstraße fahren 350 Jugendliche und 150 Eltern, deren Kinder bereits Palästina-Pioniere in Palästina waren, nach Wien mit dem Ziel über die Schwarzmeerroute nach Haifa zu kommen; Transportführer war Ephraim Frank

30.8.1940 mit einer Gruppe von 29 Chawerim aus Paderborn offiziell abgemeldet nach „Paraguay“

Zwei bis drei Wochen in Wien, in einer jüdischen Schule oder Lehrlingsheim

3.9.1940 mit dem Zug von Wien nach Pressburg/ Bratislava an die Donau;

10.9.1940 zum Donauhafen von Bratislava; dort Verteilung der Chalutzim auf die drei Ausflugsdampfer URANUS, MELK und SCHÖNBRUNN

10.-20.9.1940 von Bratislava nach Tulcea am Schwarzen Meer;

Anfang Oktober 1940 werden 1000 Flüchtlinge auf die drei Schiffe SS PACIFIC, SS MILOS und SS ATLANTIC verteilt, Deutsche auf die PACIFIC, Tschechen auf die MILOS.

Zwischenstopp im Hafen Agios Nikolaos, Kreta, um Kohle aufzunehmen

31.10.1940 von britischer Marine aufgebracht und in den Hafen von Haifa geleitet

1.11.1940 Ankunft der SS PACIFIC in Haifa.

3.11.1940 Ankunft der tschechischen Emigranten auf der SS MILOS, die ebenfalls auf die PATRIA verbracht werden

4.11.1940 Alle Passagiere der SS PACIFIC werden auf die SS PATRIA umgeschifft, dem von den Briten beschlagnahmten, als Truppentransporter umgebauten, großen französischen Frachtschiff (18 000 t)

8.11.1940 Registrierung von Berthold Stein im Camp Atlith; gibt als Referenz seine Schwester Julia Stein in Jerusalem, Baby Home P.O.B. 125

Berthold Stein auch zur Deportation nach Mauritius vorgesehen

23. oder 24.11.1940 Ankunft der SS ATLANTIC in Haifa

25.11.1940 Sprengstoff-Anschlag der Haganah im Maschinenraum der SS PATRIA, zu diesem Zeitpunkt waren bereits 1771 Ma’apilim (illegale Immigranten) auf das Schiff gebracht.

Walter Steinitz, ebenfalls aus dem Umschulungslager Paderborn kommend, berichtet:

“ Am 25.November morgens um neun Uhr mussten alle auf die Reling, denn der Colonel hatte die Instruktion gegeben, aber um 9.12 Uhr hatte ein Kommando von 60-80 jungen Leuten ins Wasser zu springen, um die Engländer abzulenken, die mit kleinen Booten die Menschen auffischten. Zeitentsprechend zündete einer von uns eine Bombe, keine Zeitbombe, und ist mitgetötet worden. Es war der zweite Transportleiter – Hans Wendel. Niemand hatte von dieser Aktion gewußt – außer acht Leuten. Innerhalb von ein paar Minuten neigte sich das Schiff zur Seite. … Von den 4000 auf der SS PATRIA zusammengedrängten Menschen verloren etwa 260 ihr Leben.“ (ca 200 von 1771)

Berthold Stein gehört zu den auf der PATRIA Ertrunkenen

Die ins Wasser gesprungenen und die an Bord Überlebenden werden als Schiffbrüchige der SS Patria von den Briten an Land gebracht.

USA

30.3.1952 Auswanderung von Julia und Paul Katzenstein mit Sohn Uri nach New York

1957 Einbürgerung von Julia und Paul Katzenstein als US Citizen

Ghetto Riga

Umzug der Familie nach Borghorst, Straße der SA

November 1941 Deportationsbefehl der Gestapo,

Verbringung aus den Regierungsbezirken Münster, Osnabrück und Bielefeld in die Sammelstellen; Die Familie von Alfred und Julius Stein zunächst in den Gertrudenhof nach Münster

11.-13.12.1941 Sammelstelle Restaurant Kyffhäuser am Kesselbrink in Bielefeld

13.12.1941 um 15 Uhr Abfahrt Bielefeld nach Riga

15.12.1941 gegen 23 Uhr Ankunft Rangierbahnhof Skirotawa bei Riga

Juli-2. November 1943 schrittweise Auflösung des Ghettos; Einrichtung des Konzentrationslagers Riga-Kaiserwald und verschiedener Betriebslager mit lokaler Kasernierung; Kommandant des KL Kaiserwald Sturmbannführer Albert Sauer

21.6.1943 Befehl des Reichsführers SS Heinrich Himmler, alle jüdischen Ghettos im Reichskommissariat Ostland, Estland, Lettland, Litauen und Teile Weißrusslands, aufzulösen und die Juden zu Arbeitseinsätzen heranzuziehen.

Juli – 2. November 1943 schrittweise Auflösung des Ghettos; Einrichtung des Konzentrationslagers Riga-Kaiserwald und verschiedener Betriebslager mit lokaler Kasernierung; Kommandant des KL Kaiserwald Sturmbannführer Albert Sauer

3. November 1943 Auflösung des Ghetto Riga

Sommer 1944 Auflösung des KL Kaiserwald, Riga

Juli – September 1944 Transporte der Arbeitsfähigen aus Riga per Schiff nach Stutthof

6.8.-9.8.1944 Herta und Hannelore Steinauf dem 1. Großen Transport mit der „Bremerhaven“ von Riga nach Danzig

28.9.-1.10.1944 3155 Häftlinge aus Riga Kaiserwald, 300 von der Lenta auf dem Frachtschiff „Kanonier“ von Riga->Danzig

8.11.1944 Tod von Schwester Hannelore in Stutthof

12.12.1944 Tod von Schwester Herta in Stutthof

Maly Trostinec

20.7.1942 Tante Julia Stein mit Tochter Klara vom Sammellager Köln-Müngersdorf (Fort V) zum Bahnhof Köln Deutz

Anordnung der Gestapo Köln an die Landräte in Euskirchen, Bergheim, Siegburg, Gummersbach, Köln und Bergisch-Gladbach alle zu Deportierenden am 19.7.1942, 10-15 Uhr in das Sammellager Westhalle der Messehalle in Köln-Deutz zu verbringen; die Kölner Juden kamen aus dem Lagern Bardenberg, Müngersdorf und Much sowie den Judenhäusern.

 „Wir kehren wieder“, sangen die Kleinen aus dem jüdischen Kinderheim.

20.7.1942 Abfahrt vom Nebenbahnhof Deutz in 3. Klasse-Personenwagen; auf dem Transport befanden sich 1164 Juden, darunter 118 Kinder im Alter unter zehn Jahren.

24.7.1942 Nach Ankunft wurde der gesamte Transport auf LKW zu einer, zuvor von russischen Kriegsgefangenen und Minsker Juden ausgehobene 40x5x4 Meter große Grube im Wald von Blagowschtschina gefahren. SS-Leute und Polizisten erschossen alle direkt am Grubenrand.

Gedenken

Sechs Stolpersteine für die Familie von Julia Stein

Quellen

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de973971

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de973991

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de974813

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de975070

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de975364

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de975110

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de975078

https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de1006866

https://www.mappingthelives.org

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

https://www.statistik-des-holocaust.de/OT411213-Muenster11.jpg

https://www.statistik-des-holocaust.de/OT411213-Muenster12.jpg

https://www.statistik-des-holocaust.de/OT420720_46.jpg

Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Peter W. Lande,  Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History

https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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