Reilinger Kurt

Kurt Reilinger

*5.12.1917 in Stuttgart; ✡16.9.1945 in Harderwijk

Religion jüdisch

Staatsangehörigkeit deutsch

Vater Samuel Reilinger *10.11.1866 in Reilingen, Mannheim; ✡4.5.1940 in Mannheim

Mutter Juliana Braun *8.4.1880 in München; katholisch; ✡ ?

Geschwister *6.7.1919 in Stuttgart

Rolf Reilinger *6.7.1919 in Stuttgart; ✡2003 im Kibbuz Hasorea; Hilde Klonower

Unehelicher Halbbruder Ludwig Braun, *11.12.1898 in Straßburg, wächst bei einem Onkel auf

Beruf Praktikant

Adressen Stuttgart, Büchsenstraße 110; Mannheim; Friedersdorf; Amsterdam; Werkdorp Barsingerhorn, Wieringermeer;

Heirat ledig

Kinder

Weiterer Lebensweg

1901 Vater als Handelsvertreter in Stuttgart gemeldet

Ostern 1924 Einschulung Volksschule

Ostern 1928 Wechsel auf die Friedrich-Eugens-Oberrealschule in Stuttgart

Jugendgruppenleiter in der sozialistisch -zionistischen Jugendorganisation „Werkleute“

Aufenthalt in Mannheim; hier möglicherweise im Beth Chaluz

Das Hachschara-Gut Skaby in Friedersdorf

Kurt Reilinger zur Hachschara auf Gut Skaby

Das Hachschara- Lager auf Gut Skaby in Friedersdorf, Kreis Beeskow bestand ab der Einrichtung im Mai 1939 für 40 Chawerim bis zur Auflösung am 27.2.1943 in der reichsweiten „Fabrikaktion“; alle noch in Arbeitslagern und kriegswichtigen Betrieben beschäftigten „Volljuden“ werden verhaftet und in Konzentrationslager nach Auschwitz und ins „Generalgouvernement“ deportiert, so auch in den benachbarten Lagern Gut Winkel und Groß Breesen.

3.4.1939 Ankunft von Kurt Reilinger auf der SS PALESTINA in Haifa als Begleiter einer Alija-Gruppe; er kehrt dann aber wieder nach Deutschland zurück

Minderheitenzählung

17.5.1939 Kurt Reilinger im Gut Skaby oder Mannheim (?)

17.5.1939 Bruder Rolf und Hilde Klonower in Gut Winkel;

17.5.1939 beide Eltern in Stuttgart, Büchsenstraße 110

12/1939 Alija Beth von Bruder Rolf und Hilde Klonower auf der SS HILDE nach Palästina

Joodse Werkdorp Nieuwe Sluis

29.8.1939 Kurt Reilinger als Madrich zur Hachschara von Gut Skaby ins Werkdorp Nieuwe Sluis; mit ihm zusammen kamen Lore Durlacher, Ernst Kahn, Lotte Neumund aus Mannheim; außerdem Joachim Hirschfeld; Werner Laser und Toni Lichtenstein aus Berlin; Horst Markus aus Stettin; Martin Uffenheimer aus Breisach; Kurt Walter aus Bamberg

Träger des „Jüdisches Werkdorf Nieuwe Sluis“ ist die „Stichting Joodse Arbeid“ (Stiftung Jüdische Arbeit); hier werden jüdische Jugendliche zu Landarbeitern umgeschult (Hachschara) als Vorbereitung auf die Ansiedlung in Palästina (Alija). Die Ausrichtung war neutral, nur etwa ein Drittel der Chawerim waren auch zionistische Chaluzim (zionistische Pioniere)

Im März 1934 kommt eine kleine Gruppe von Volontären als Aufbaugruppe in die verlassenen Baracken auf der Farm. Dreieinhalb Jahre lang dienten diese als Unterkunft für die Gruppe der Bauarbeiter. Ende 1934 stehen vier Baracken und eine Kantine dicht beieinander rund um das Haukes-Haus.

Oktober 1934 Aufnahme des regulären Ausbildungsbetriebs

Im Zentrum des Werkdorfs wird ein Gemeinschaftshaus errichtet, die Baracken werden in einem Halbkreis herumgebaut.

10.5.1940 Einmarsch der Wehrmacht in die neutralen Niederlande.

Die Schlichim (Plural von Schaliach) aus Palästina mit ihrem Britischen Pässen wurden als „feindliche Ausländer“ verhaftet (Uri Koch, Mosche Katznelson, Zwi Kuttner).

10.1.1941 Beginn der systematischen Registrierung der Juden in den Niederlanden

Auflösung des Werkdorp

20.3.1941 Auflösung des Werkdorp durch den SD der SS; 210 der 290 Lehrlinge werden nach Amsterdam verbracht und in Familien untergebracht; Gerd Vollmann berichtet darüber:

„Am 20. März kamen morgens blaue Busse von der Amsterdamer Gemeindebahn am Rande des Polders. … Die ca. 300 Werkdörfler wurden inspiziert durch Lages in Uniform und Barbie in Zivil.

Willy Lages, SS-Sturmbannführer, Leiter des Sicherheitsdienstes in Amsterdam; Klaus Barbie, SS-Obersturmführer, Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam

Unser Betriebsleiter Kemmerlin sorgte dafür, dass ca. 60 Jungen und Mädels bleiben durften, um das Vieh usw. zu versorgen. Die anderen kriegten 10 Minuten die Gelegenheit, um etwas zu packen und dann wurden wir mit Bussen nach Amsterdam gebracht…“

Unterbringung der 210 Werkdorper zunächst in Asschers Diamantschleiferei im Amsterdamer „Pijp“

27.3.1941 Unterbringung der Werkdorper in Gastfamilien oder bei Verwandten;

11.6.1941 Offizielle Abmeldung der 210 Werkdorper aus der Gemeinde Wieringermeer

1.8.1941 endgültige Schließung des Werkdorpes

Kurt Reilinger geht zur Deventer Vereniging zur Einzel-Hachchara als Landbouwersknecht auf einem Hof in Angerlo in Gelderland.

21.12.1943 Der Bürgermeister von Angerlo , NSB-Mann Auke Pinkster stellt trotz entsprechender Anweisung einen „persoonsbewijs“ ohne den gefährdenden „J“-Stempel aus

Protestschreiben des NSB Bürgermeister gegen seine Einstufung als Volljude

Onderduiker

Sommer 1943 geht er als onderduiker mit gefälschten Papieren ins Versteck

18.8.1943 deshalb der im Melderegister eingetragene Hinweis vow“ (vertrokken onbekend waarheen)

Illegale Tätigkeit für das Netzwerk von Joop Westerweel

Die jüdische Schleusergruppe COR

Nach den ersten Aufrufen zum „Arbeitseinsatz im Osten“, Razzien und Massendeportationen ab Kamp Westerbork durch die SS im Juli 1942 gingen viele der aus Deutschland in die Niederlande geflüchteten Chaluzim als „onderduiker“ ins Versteck; die meisten waren zuvor in den etwa zehn niederländischen Hachschara-Zentren auf ihre Alija vorbereitet worden, davon etwa eintausend im Werkdorp Wieringermeer. Von den im Jahre 1942 noch in den Niederlanden „auf Hachscharah“ lebenden 716 jungen Juden überlebten 393 durch das Engagement des Netzwerk um Joop Westerweel, das gefälschte Papiere und Versteckplätze in den Niederlanden beschaffte.

Um Schleuseraktionen durch Belgien nach Frankreich für die in ihren niederländischen Verstecken oft verratenen Chaluzim zu organisieren, bildete sich in Paris die jüdische Hechaluz Widerstandsgruppe COR um Max Windmüller und Kurt Reilinger. Hierzu zählten etwa zehn weitere junge deutsche Zionisten, die alle aus den Hachschara-Lagern der Niederlande kamen. Die meisten von ihnen kannten sich aus dem Werkdorp und der „Deventer Vereniging“.

Mit gefälschten Wehrmachtspapieren, die sie als holländische Fremdarbeiter auswiesen, organisierten sie die notwendigen gefälschten Ausweise, planten die Transferrouten, Unterkünfte und Fluchtwege

August 1943 Kurt Reilinger – Deckname Nanno – geht nach Paris mit dem Auftrag der Operation Sepharad eine Fluchtroute über die Pyrenäen nach Spanien zu etablieren.

Ab dem Frühjahr 1943 wurden von Paris aus 150 untergetauchte Pioniere mit gefälschten Papieren aus Holland über Belgien nach Frankreich geschleust. Von diesen konnten etwa 80 Chaluzim in der Operation Sepharad über die Pyrenäen nach Spanien gerettet werden.

Nunspeet

März 1944 Konspiratives Treffen in Nunspeet, Niederlande mit Paula Kaufmann, Harry Asscher, Kurt Reilinger, Max Windmueller, Menachem Pinkhof und Jan Smit

Die Verhaftungen

27.4.1944 Verhaftung von Alfred Fraenkel (Zippi), Kurt Reilinger, Ernst Hirsch (Willy), Lollie Eckhardt und Susi Hermann infolge eines Verrates verhaftet in Zimmer von Loly Eckardt in Versigny Paris

 „Wir saßen  bei einer Besprechung mit allen möglichen Papieren auf dem Tisch, einer füllte Papiere aus an der Schreibmaschine. Es klopfte, wir machten auf und vier Gestapobeamte in Zivil erschienen mit vorgehaltenen Revolvern. Sie durchsuchten das ganze Zimmmer, fanden alle Papiere“…

Eckharts Adresse war dem BDS/SD in die Hände gefallen bei der Verhaftung des Chawer Joop Andriesse bei seiner Flucht in die Schweiz.

Die Verhafteten wurden in das SD-Hauptquartier in die Rue de la Pompe verbracht, verhört und auch gefoltert, Loebenberg starb in der Folge.

Max Windmüller – Deckname Cor – übernimmt die Leitung der Gruppe; Paula Kaufmann ersetzt die im April vom SD Verhafteten.

Juli 1944 Verhaftung von Max Windmüller und Paula Kaufmann nach Verrat durch den Doppelagenten Karl Rehbein. Der SD Paris kann die meisten Mitglieder der Gruppe festnehmen.

Zippi Fraenkel schreibt

„Am nächsten Tag bei der Fahrt zum Verhör, verständigte Kurt (Reilinger) uns, dass Paula (Kaufmann) und Max (Windmüller) ebenfalls gefangen seien. (Diese seien auf einen Spitzel, der versprochen hatte, uns herauszuholen, hereingefallen; ihre Gespräche mit ihm wurden heimlich auf Platten aufgenommen.)“

Die Gruppe COR wird in das Gefängnis Fresnes gebracht, wo sie drei Monate lang immer wieder verhört werden. Von der Gruppe waren in Fresnes inhaftiert: Loly Eckhardt, Max Windmüller, Kurt Reilinger, Ernst Hirsch (Willy), Alfred Fraenkel (Zippi), Ernst Ascher, Paul Wolff, Paula Kaufmann, Gerd Sperber; aus der französischen Gruppe u.a. René Kapel, Jacquel-Lazarus.

8.8.1944 Verlegung der Gruppe in das Sammel-und Durchgangslager Drancy.

Paula Kaufmann versteckt sich vor dem Transport nach Drancy, wird aber nach halbstündiger Suche gefunden und muss mit nach Drancy

Alfred Fränkel und Ernst Hirsch kommen in den „Bunker“ (Lager-Gefängniszelle), die Frauen in Einzelhaft.

Noch am Tag der Räumung von Drancy werden vom Hauptsturmführer Alois Brunner, einer der engsten Mitarbeiter Adolf Eichmanns, für den letzten Transport Nr 78 aus Drancy 51 Personen bestimmt. Neben jüdischen „Prominenten“, wie der Flugzeugkonstrukteur Marcel Bloch-Dassault, die illegale Leitung der Armée Juive in Paris und die Gruppe um Kurt Reilinger.

17.8.1944 die männlichen Gruppenmitglieder werden nach Buchenwald transportiert in einem Wagen mit der Aufschrift „Juden Terroristen“

25.8.1944 Wegen der durch alliierte Angriffe massiv beeinträchtigen französischen und belgische Bahnstrecken erreicht der Zug das Konzentrationslager Buchenwald erst nach neun Tagen. 21 französische Widerstandskämpfer können während der Fahrt aus dem Waggon springen.

Sperber, Fraenkel, Windmüller, Kurt Reilinger in Buchenwald
Ascher, Fraenkel, Sperber, Windmüller, Wolff, Kurt Reilinger in Buchenwald

Nach der obligatorischen Quarantäne in Block 57 im kleinen Lager von Buchenwald wird die Gruppe Cor in verschiedene Außenlager überstellt

6.9.1944 Verlegung von Kurt Reilinger in das Buchenwald Außenlager Dora Mittelbau

September mit „Angina“ in Krankenrevier in Nordhausen, Schon bald nach seiner Ankunft im Lager erkrankt Reilinger an Angina. Reilinger berichtet: “Der holländische Doktor behielt mich so lange wie möglich im Revier, gesund war ich schon nach 1 ½ Wochen!“

5. SS-Eisenbahnbaubrigade

8.10.1944 Überstellung in das Außenlager Heringen

15.10.1944 bis 31.3.1945 Verlegung in ein mobiles Eisenbahn-Außenlager in Osnabrück, die am Betriebsbahnhof Hörne stationierte „5. SS-Eisenbahnbaubrigade“; Einsatz bei Reparaturarbeiten im Schienennetz der Reichsbahndirektion Münster. In Osnabrück im Stadtgebiet bei Aufräumarbeiten, zur Bombenräumung und im Behelfsheimbau eingesetzt. Ein 1. Bauzug operierte von der Blockstelle Leeden bei Hasbergen aus auf der Osnabrücker Südumgehung und in Rheine.

Osnabrück-Neuengamme-Flensburg

31.3.1945 Abzug der 5. SS-Baubrigade aus Osnabrück in das KL Neuengamme

20. bis 26. 4.1945 Räumung von Neuengamme ; Verbringung tausender Häftlinge nach Lübeck

29. /30.4.1945 etwa 600 Häftlinge aus Neuengamme auf dem Kohlefrachter „Olga Siemers“ über den Nord-Ostsee-„Kaiser Wilhelm“-Kanal verschifft;

30.4.1945 Ankunft in der Flensburger Förde; die Gefangenen kommenin das Auffanglager Sandbostel oder werden zum Weitertransport in Güterwaggons gepfercht.

SS RHEINFELS und SS HOMBERG

4. 5.1945 alle Häftlinge müssen zum Silo im Flensburger Hafen marschieren; abends werden 1600 Gefangene und 100 SS-Wachsoldaten auf die SS RHEINFELS verbracht.

7.12.1945 Nach Verhandlungen der Dönitz-Regierung in Flensburg und der örtlichen Polizei wurde die Freilassung der ausländischen Gefangenen vorbereitet, die SS HOMBERG mit 1200 Strohsäcken, Verpflegung für 1200 Mann für sechs Tage und Dieselöl für die Überfahrt nach Malmö vorbereitet.

10.5.1945 Befreiung von Flensburg durch britische Truppen;

10.5.1945 Umschiffung von 1350 ausländischen Gefangenen von der RHEINFELS auf die HOMBERG

10.5.1945 um 12:15 Uhr verlässt die HOMBERG mit 1350 Geretteten Flensburg Richtung Malmö

Liste der am 11.5.1945 auf der SS HOMBERG nach Malmö geretteten „Holländer“

Nachkriegszeit

Kurt Reilinger in schwedischen Rote-Kreuz-Lagern: Mai 1945 in Lund, ab Juni 1945 in Ryds Brunn

Juli 1945 nach Hässleholm in die Zentrale des Hechaluz in Schweden

Reisen nach Stockholm, Göteborg, Malmö

Kurt Reilinger Redakteur und Herausgeber der sechs Ausgaben der Zeitschrift „CONTACT“ der niederländischen Chaluzim in Schweden

Anfang September 1945 zurück in die Niederlande; er übernimmt die Leitung des Hechaluz

16.9.1945 Tod, in Harderwijk vom Auto überfahren

Wir müssen durchhalten und wir sollen es auch! Nanno

Quellen

Menachem Pinkhof in der Zeitschrift Dawar Hechaloets vom Oktober 1945

Karl Kassenbrock, Nanno. Onderduiker im Rettungswiderstand: Kurt Reilinger (1917–1945). Heidelberg: verlag regionalkultur, 2022

Hans Schippers, Operation Sepharad, in Jüdische Jugend im Übergang, 2024

Ulf Lürs, „Die Toten über Bord geworfen“ – KZ-Häftlingstransporte nach Flensburg April/Mai 1945; 1996

https://www.yadvashem.org/exhibitions/last-deportees/drancy-buchenwald.html

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/5283495

www.werkdorpwieringermeer.nl/

Niederlande, Bevölkerungsregister, 1810-1936; Bron: boek, Deel: 146, Periode: 1912-1938

https://www.oorlogsbronnen.nl/mensen?personterm=Ontruiming%20Joods%20Werkdorp%20Wieringermeer

https://www.mappingthelives.org

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

Staatsarchiv Israel, Einwanderungslisten

Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Peter W. Lande,  Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History

https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316

https://yvng.yadvashem.org/ad

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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