Walter Alfred

Alfred Walter

*25.1.1915 in Bamberg;

Staatsangehörigkeit deutsch, staatenlos

Religion jüdisch

Vater Heinrich Walter *25.2.1884 in Sugenheim; ✡7.4.1916 in Frankreich

Mutter Rosa Walter geb. Kohn *24.8.1884 in Burgkunstadt; ✡1942 in Riga Jungfernhof

Onkel

Isidor Walter *8.10.1880 in Sugenheim; ✡1942 in Riga Jungfernhof

Albert Walter *9.5.1888 in Sugenheim; ✡1942 in Riga Jungfernhof

Tanten

Rosa Walter geb.Früh *31.7.1886 in Bamberg; ✡1942 in Riga Jungfernhof

Milly Walter geb. Haas *1.6.1898 in Bauerbach; ✡1942 in Riga Jungfernhof

Geschwister

Simone Lapinski *10.6.1904

Irma Walter *18.9.1910 in Bamberg; vor 1944 Ghetto Izbica

Cousins/inen

Kurt Walter*30.6.1922 in Bamberg; ✡ 15.10.2016 in Beit Jitzak

Elisabeth Walter*6.8.1925 in Bamberg; ✡? In Riga

Helga Walter*1.2.1928 in Bamberg; ✡? In Riga

Siegmund Walter *25.3.1930 in Bamberg; ✡8.7.1943 in Hadamar

Beruf Praktikant, Mechaniker

Adressen Bamberg, Luitpoldstraße 48; Schniebinchen, Sorau

Heirat

Kinder

Weiterer Lebensweg

7.4.1916 Vater Heinrich Walter kriegsgefallen in Frankreich als Soldat der 2.Kompanie Bayr. Reserveinfanterieregiment 4

12.5.1916 Meldung in den Deutschen Verlustlisten

Novemberpogrom

10.11.1938 Onkel Isidor verhaftet in Bamberg als Aktionsjude

11.11.1938 in Schutzhaft im KL Dachau

19.12.1938 Entlassung von Onkel Isidor aus dem KL Dachau

Hachschara Lehrgut Schniebinchen

1939 Alfred Walter zur Hachschara in das Lehrgut Schniebinchen

Gut Schniebinchen war ein zuletzt dem Apotheker Otto Kaesbach gehörendes Landgut von 1117 Morgen bei Sorau/ Sommerfeld in der Niederlausitz. Kaesbach produzierte hier nach Aufgabe der Landwirtschaft Arzneimittel wie das Sexmittel Okasa. Seine geschiedene Ehefrau Martha Kaesbach stellte als Verwalter Herrn von Horn ein. Die zum Gutsbesitz gehörige Wassermühle „Jessener Mühle“ verkaufte Kaesbach 1929 an die Familie Lichting; auch hier entstand später ein Hachscharalager.

1933/34 Abschluss eines Pachtvertrages über 180 RM pro Monat mit dem Jüdischen Jugendbund Habonim Noar Chaluzi (Bauleute). Der offizielle Briefkopf lautete: Jüdische Jugendhilfe Schniebinchen über Sommerfeld, Niederlausitz, Telefon Niewerle Nr. 11

Später lag die Verwaltung reichsweit bei der Ssochnuth (Sochnut, hebräisch הַסּוֹכְנוּתִ היְּהוּדִית לְאֶרֶץ יִשְׂרָאֵל ha-Sochnut ha-Jehudit le-Erets Jisra’el, ‚Jewish Agency‘ auch ‚Jüdische Agentur für das Land Israel‘)

Leiter von Schniebinchen war Dr. Alfred Cohn (April-Sept 1939); ab September 1939 wurden Ludwig Kuttner und Fanny Bergas als Wirtschaftsleiterin dessen Nachfolger. Cohn und Kuttner waren zuvor zuvor Lehrer an der Privaten Waldschule Kaliski in Berlin. Lotte Kaiser und Lotte Adam hatten die pädagogische Leitung. Das Verhältnis Jungen/Mädchen lag bei 60/40. Für Mädchen stand vor allem Hausarbeit wie Kochen, Backen, Nähen und Stricken auf dem Plan.

10.11.1938 in der Pogromnacht wird das Lager für einige Tage von örtlicher SA besetzt, die aber keine Misshandlungen an den Bewohner begeht.

Ab April 1939 war Jenny Rosenbaum später Aloni Jugendleiterin, bevor auch sie im November nach Palästina auswanderte. Sie berichtet von ihrer Ankunft:

„Auf dem Zaun ein Papagei. Ein lebendiger Papagei. Er heißt Laura. … Papagei Laura rief im Vorübergehen jedem zu: „Heil Hitler Schalom“.

März 1939 eine erste Alija beth Gruppe von einer Gruppe Chawerim aus Schniebinchen in Wien einem Sammeltransport angeschlossen, die ab Spalato, Jugoslawien auf einem kleinen Seeschiff „Dora“ nach etwa 10-tägiger Fahrt unbehindert in Palästina landete; sogenannte erste illegale Sonderhachschara SH1

Minderheitenzählung

17.5.1939 Alfred Walter registriert mit 122 Personen, 109 Chaluzim und Angestellten in Schniebinchen

17.9.1939 Alfred Walter mit Mutter Rosa und Schwester Irma in Bamberg Luitpoldstraße 48

17.9.1939 Cousin Kurt mit den Eltern und Schwester Elisabeth in Bamberg, Schützenstraße 23

17.9.1939 Albert und Milly mit Tochter Helga Walter in Bamberg Luitpoldstraße 26

Die Patria-Katastrophe

Sonderhachschara VII – der Paraguay-Transport

März 1940 die führenden jüdischen Funktionäre aus Berlin, Prag und Wien werden von SS-Sturmbannführer Adolf Eichmann ins Reichssicherheitshauptamt nach Berlin vorgeladen, um die illegalen „Sondertransporte“ nach Palästina zu forcieren; Ephraim Frank als Vertreter des erkrankten Lyon vom Palästinaamt und als designierter Transportführer dabei.

Für die SH 7 sollen etwa 30.000 Anmeldungen vorgelegen haben, zum großen Teil aber nur fiktiv, um gegenüber der Gestapo die geplante Auswanderung belegen zu können

August 1940

offiziell abgemeldet nach „Paraguay“, zunächst Zugfahrt nach Berlin

16.8.1940

mit dem Zug aus Berlin, Bahnhof Friedrichstraße fahren 350 Jugendliche und 150 Eltern, deren Kinder bereits Palästina-Pioniere in Palästina waren, nach Wien mit dem Ziel über die Schwarzmeerroute nach Haifa zu kommen; Transportführer war Ephraim Frank

Zweiter Transportführer Hans Wendel

Leiter des Ordnungsdienst war Paul Jentes

Zwei bis drei Wochen in Wien, in einer jüdischen Schule oder Lehrlingsheim

3. 9.1940

mit dem Zug von Wien nach Pressburg/ Bratislava an die Donau; in Pressburg für eine Woche in einem Lager im Stadtteil Patronka; Josef Nussbaum berichtet bei der Registrierung in Atlith, „The Camp was taken over as store for Heavy Opel trucks.“

10.9.1940 zum Donauhafen von Bratislava; dort Verteilung der Chalutzim auf die drei Ausflugsdampfer URANUS, MELK und SCHÖNBRUNN

10.-20.9.1940 von Bratislava nach Tulcea am Schwarzen Meer;

Anfang Oktober 1940 werden 1000 Flüchtlinge auf die drei Schiffe SS PACIFIC, SS MILOS und SS ATLANTIC verteilt, Deutsche auf die PACIFIC, Tschechen auf die MILOS.

Zwischenstopp im Hafen Agios Nikolaos, Kreta, um Kohle aufzunehmen

31.10.1940 von britischer Marine aufgebracht und in den Hafen von Haifa geleitet

1.11.1940

1.11.1940 Ankunft der SS PACIFIC in Haifa.

3.11.1940 Ankunft der tschechischen Emigranten auf der SS MILOS, die ebenfalls auf die PATRIA verbracht werden

4.11.1940 Alle Passagiere der SS PACIFIC werden auf die SS PATRIA umgeschifft, dem von den Briten beschlagnahmten, als Truppentransporter umgebauten, großen französischen Frachtschiff (18 000 t)

8.11.1940 Registrierung im Camp Atlith; Alfred Walter gibt als Referenz Fritz Stein, Kfar Yedidiah an

zunächst auch zur Deportation nach Mauritius vorgesehen

23. oder 24.11.1940 Ankunft der SS ATLANTIC in Haifa

25.11.1940 Sprengstoff-Anschlag der Haganah im Maschinenraum der SS PATRIA, zu diesem Zeitpunkt waren bereits 1771 Ma’apilim (illegale Immigranten) auf das Schiff gebracht.

Walter Steinitz, aus dem Umschulungslager Paderborn kommend, berichtet:

“ Am 25.November morgens um neun Uhr mussten alle auf die Reling, denn der Colonel hatte die Instruktion gegeben, aber um 9.12 Uhr hatte ein Kommando von 60-80 jungen Leuten ins Wasser zu springen, um die Engländer abzulenken, die mit kleinen Booten die Menschen auffischten. Zeitentsprechend zündete einer von uns eine Bombe, keine Zeitbombe, und ist mitgetötet worden. Es war der zweite Transportleiter – Hans Wendel. Niemand hatte von dieser Aktion gewußt – außer acht Leuten. Innerhalb von ein paar Minuten neigte sich das Schiff zur Seite. … Von den 4000 auf der SS PATRIA zusammengedrängten Menschen verloren etwa 260 ihr Leben.“ (ca 200 von 1771)

Die ins Wasser gesprungenen und die an Bord Überlebenden werden als Schiffbrüchige der SS Patria von den Briten an Land gebracht.

25.11.1940 Internierung in einer Lagerhalle im Hafen von Haifa; die von Bord gesprungenen werden in die Arrestzellen der Polizeiwache von Haifa; Serie von Verhören, insbesondere wenn sie von den Briten der Zugehörigkeit zur Haganah verdächtigt wurden.

26.11. und 8.12.1940 die Überlebenden der SS PATRIA werden mit Bussen in das Internierungscamp Atlith verbracht;

Dezember 1940 noch auf die Umladung wartenden 1581 Emigranten auf der MILOS und ATLANTIC werden als „Detainees“ mit holländischen Frachtschiffen nach Mauritius deportiert. Dort trafen sie am 26.12.1940 ein und wurden in das Zentralgefängnis von Mauritius nahe Beau Bassin verbracht.

1941 zunächst nur Freilassung kleiner Gruppen aus dem Camp Atlith, die eine Aufnahmeadresse in Palästina vorweisen können

September -Dezember 1941 Entlassung der meisten Internierten aus dem Camp Atlith

12.8.1945 Es sollte noch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges dauern, bevor die 1.310 überlebenden Flüchtlinge aus Mauritius auf der SS FRANCONIA in das ersehnte Eretz Israel gebracht werden konnten.

T4-Euthanasie

9.7.1943 Verlegung von Cousin Siegmund Walter in die Landesheil- und Pflegeanstalt Hadamar

8.7.1943 Tötung von Siegmund Walter durch CO-Gas in der Tötungsanstalt Hadamar

Riga Transport

27.11.1941 sollen sich die Bamberger Juden bereithalten für „ihre polizeiliche Abholung zum Transport für Umsiedlungszwecke”. Der Bamberger Transport, aus vier Personen- und zwei Güterwagen bestehend, fuhr mit dem Güterzug 6842 um 12.48 Uhr ab und erreichte Nürnberg um 15.39 Uhr. In Nürnberg wurden sie von Männern der Geheimen Staatspolizei oder von SS-Leuten in geschlossenen Polizeitransportfahrzeugen abtransportiert und direkt ins Sammellager auf dem Reichsparteitagsgelände gebracht, darunter sechs Familienmitglieder

Vier Transporte im Dezember 1941 zum Jungfernhof

29.11.1941 -2. 12.1941 1008 Personen aus dem Sammellager Langwasser in Nürnberg

1.-4.12.1941 Stuttgarter Transport von 1013 Juden aus dem Sammellager Killesberg in Stuttgart

3.-6.12.1941 aus Wien 1001 Juden zum Jungfernhof

6.-9. 12.1941 Transport von 964 Personen aus Hamburg, Lübeck und Danzig (Ziel zuvor Minsk)

Viele der Älteren werden im Februar und März bei den „Dünamünde-Aktionen“ ermordet

Izbica Transport

24.3.1942 Rosa, Tochter Irma und Enkel Sally Walter mit 25 Bamberger Deportierten ins Ghetto Izbica

Flucht aus Westerbork

27.5.1943 Kurt Walter eingewiesen in das polizeiliche Judendurchgangslager zusammen mit Kurt Elias, Ruth Karlsberg, Ernst Rosenbaum, Grete SchrammNorbert Schweitzer, Martin Uffenheimer, alle Baracke 60

In Westerbork soll er als Kopf des illegalen Lagerwiderstandes an vielen Fluchtaktionen beteiligt gewesen  sein.

Die von Paul Siegel entwickelte Fluchtvariante aus dem Zug kurz vor der Abfahrt im Lager Westerbork wurde von etwa 12 Chawerim des Hechaluz genutzt u.a. von Hermann Italiaander, Lotti Wahrhaftig-Siesel (*1926, Berlin), Fritz Siesel, Meta Lande, Kurt Walter (*1922, Bamberg), Heinz und Fritz Pollak sowie Bubie Pinkus. Die Flucht fiel der Lagerverwaltung nicht auf, da die Häftlinge auf dem Weg zur Bahnstation bereits aus dem Lagerbestand gestrichen waren.

Am 3.3.1944 konnten zwei Dreiergruppen fliehen; die erste Gruppe mit Werner Hirschfeld, Lotte Wahrhaftig und Franz Pollak verlässt noch am Abend  mit gefälschten „Roten Passierscheinen“ das Lager, die zweite mit Siegfried Pinkus, David Dotsch und Kurt Walter  folgt am Morgen des 4.3.1944.

Sie werden von Lore Durlacher, Frans Gerritsen und Jan Smit, Aktivisten des Westerweel-Netzwerks, in einem kleinen Wäldchen mit 8 Fahrrädern abgeholt.

Kurt Walter ist aber offenbar wiedergefasst worden und wurde als Strafgefangener in das KL Vught verbracht und von dort wieder nach Westerbork.

Gedenken

Quellen

https://www.mappingthelives.org

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

https://www.ushmm.org/online/hsv/person_view.php?PersonId=9969447

http://www.denkmalprojekt.org/2024/vl_gedenkbuch-rjf_wk1_r-z.html

Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Peter W. Lande,  Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History

https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316

Genealogie Website My Heritage

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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