Gerhard Gideon Grossmann
*31.3.1906 in Eisenach; ✡ ?
Staatsangehörigkeit deutsch
Religion jüdisch
Vater Bernhard Grossmann *13.12.1862 in Lauenburg; ✡15.1.1943 in Theresienstadt
Heirat der Eltern 19.8.1901 in Berlin
Mutter Jenny Aris *1.10.1867 in Braunsberg, Ostpreußen; ✡1.3.1943 in Theresienstadt
Jenny Aris ist eine Cousine von Max Aris und Thekla Aris-Hohenstein aus Preußisch Holland, dem Nachbarbezirk von Braunsberg in Ostpreußen,beide später in Recklinghasuen
Tante Hulda Grossmann geb. Bär *23.9.1874 in Marisfeld b./Themar; ✡1948 in Berlin; oo Julius Grossmann (1860-1932)
Geschwister
Arno Grossmann *13.5.1903 in Eisenach; ✡17.1.1997 ✡in Ginosar, Israel
Henny Grossmann *10.7.1904 in Eisenach; ✡ März 1943 in Auschwitz; oo mit Isidor Philipp *9.2.1906 in Recklinghausen; ✡ September 1994 in Ashkelon
Beruf Landarbeiter
Adressen Eisenach; Chemnitz ; Gut Winkel, Spreenhagen;
1946 in Kiriat Motzkin, 24 Hatikva Street, bei Katz
Jerusalem, 56 Jaffa Street
1988 in Beth Nofim, Jerusalem, Henrietta-Szold-Street
Heirat ?
Kinder ?
Weiterer Lebensweg
3.7.1933 Gerhard abgemeldet aus Eisenach nach Chemnitz vermutlich zur Tante Hulda Grossmann, deren Mann Julius 1932 verstorben war.

Dezember 1934 Gerhard Grossmann, Hans Wendel und Hans Joachimsthal in Chemnitz auf der Gruppenliste des Hechaluz
Schwester Henny Grossmann zur Tante Hulda nach Chemnitz, Neumarkt 10; das große sechsgeschossige Wohn- und Geschäftshaus war von 1907 bis 1942 im Besitz der Familie Grossmann
3.2.1936 Ankunft von Bruder Arno in Haifa
Novemberpogrom

10.11.1938 Gerhard Grossmann verhaftet in Chemnitz, zunächst Polizeigefängnis Leipzig; dann „Schutzhaft“ in Buchenwald; Häftlingsnummer 24010

1941 wird seine alte Arbeitseinsatz-Karteikarte wiederverwendet
Auswandererkartei der SG Leipzig

1939 Gerhard, Henny und Hulda Grossmann in der Auswanderungskartei Leipzig;
Unter der Adresse Neumarkt 10 ist auch die Familie von Chaluz Hans Joachimsthal registriert
Minderheitenzählung
17.5.1939 Hulda Großmann in Chemnitz, Neumarkt 10
17.5.1939 Henny Grossmann mit Bruder Gerhard in Chemnitz, Louis-Hermsdorf-Str. 7 III
1.6.1939 abgemeldet aus Chemnitz zur Alija nach Palästina
Die Patria Katastrophe
Sonderhachschara VII – Paraguay-Transport
März 1940 die führenden jüdischen Funktionäre aus Berlin, Prag und Wien werden von SS-Sturmbannführer Adolf Eichmann ins Reichssicherheitshauptamt nach Berlin vorgeladen, um die illegalen „Sondertransporte“ nach Palästina zu forcieren; Ephraim Frank als Vertreter des erkrankten Lyon vom Palästinaamt und als designierter Transportführer dabei.
Für die SH 7 sollen etwa 30.000 Anmeldungen vorgelegen haben, zum großen Teil aber nur fiktiv, um gegenüber der Gestapo die geplante Auswanderung belegen zu können
August 1940 offiziell abgemeldet nach „Paraguay“, zunächst Zugfahrt nach Berlin
16.8.1940 Gerhard Grossmann mit dem Zug aus Berlin, Bahnhof Friedrichstraße fahren 350 Jugendliche und 150 Eltern, deren Kinder bereits Palästina-Pioniere in Palästina waren, nach Wien mit dem Ziel über die Schwarzmeerroute nach Haifa zu kommen; Transportführer war Ephraim Frank
Zweiter Transportführer Hans Wendel aus Chemnitz
Leiter des Ordnungsdienst war Paul Jentes
Zwei bis drei Wochen in Wien, in einer jüdischen Schule oder Lehrlingsheim
3.9.1940 mit dem Zug von Wien nach Pressburg/ Bratislava an die Donau; in Pressburg für eine Woche in einem Lager im Stadtteil Patronka; Josef Nussbaum berichtet bei der Registrierung in Atlith, „The Camp was taken over as store for Heavy Opel trucks.“
10.9.1940 zum Donauhafen von Bratislava; dort Verteilung der Chalutzim auf die drei Ausflugsdampfer URANUS, MELK und SCHÖNBRUNN
10.-20.9.1940 von Bratislava nach Tulcea am Schwarzen Meer;
Anfang Oktober 1940 werden 1000 Flüchtlinge auf die drei Schiffe SS PACIFIC, SS MILOS und SS ATLANTIC verteilt, Deutsche auf die PACIFIC, Tschechen auf die MILOS.
Zwischenstopp im Hafen Agios Nikolaos, Kreta, um Kohle aufzunehmen
31.10.1940 von britischer Marine aufgebracht und in den Hafen von Haifa geleitet
1.11.1940 Ankunft der SS PACIFIC in Haifa.
3.11.1940 Ankunft der tschechischen Emigranten auf der SS MILOS, die ebenfalls auf die PATRIA verbracht werden
4.11.1940 Alle Passagiere der SS PACIFIC werden auf die SS PATRIA umgeschifft, dem von den Briten beschlagnahmten, als Truppentransporter umgebauten, großen französischen Frachtschiff (18 000 t)


8.11.1940 Registrierung von Gerhard Grossmann im Camp Atlith; zunächst auch zur Deportation nach Mauritius vorgesehen-
23. oder 24.11.1940 Ankunft der SS ATLANTIC in Haifa
25.11.1940 Sprengstoff-Anschlag der Haganah im Maschinenraum der SS PATRIA, zu diesem Zeitpunkt waren bereits 1771 Ma’apilim (illegale Immigranten) auf das Schiff gebracht.
Walter Steinitz, aus dem Umschulungslager Paderborn kommend, berichtet:
“ Am 25.November morgens um neun Uhr mussten alle auf die Reling, denn der Colonel hatte die Instruktion gegeben, aber um 9.12 Uhr hatte ein Kommando von 60-80 jungen Leuten ins Wasser zu springen, um die Engländer abzulenken, die mit kleinen Booten die Menschen auffischten. Zeitentsprechend zündete einer von uns eine Bombe, keine Zeitbombe, und ist mitgetötet worden. Es war der zweite Transportleiter – Hans Wendel. Niemand hatte von dieser Aktion gewußt – außer acht Leuten. Innerhalb von ein paar Minuten neigte sich das Schiff zur Seite. … Von den 4000 auf der SS PATRIA zusammengedrängten Menschen verloren etwa 260 ihr Leben.“ (ca 200 von 1771)
Die ins Wasser gesprungenen und die an Bord Überlebenden werden als Schiffbrüchige der SS Patria von den Briten an Land gebracht.
25.11.1940 Internierung in einer Lagerhalle im Hafen von Haifa; die von Bord gesprungenen werden in die Arrestzellen der Polizeiwache von Haifa; Serie von Verhören, insbesondere wenn sie von den Briten der Zugehörigkeit zur Haganah verdächtigt wurden.
26.11. und 8.12.1940 die Überlebenden der SS PATRIA werden mit Bussen in das Internierungscamp Atlith verbracht;
Dezember 1940 noch auf die Umladung wartenden 1581 Emigranten auf der MILOS und ATLANTIC werden als „Detainees“ mit holländischen Frachtschiffen nach Mauritius deportiert. Dort trafen sie am 26.12.1940 ein und wurden in das Zentralgefängnis von Mauritius nahe Beau Bassin verbracht.
1941 zunächst nur Freilassung kleiner Gruppen aus dem Camp Atlith, die eine Aufnahmeadresse in Palästina vorweisen können
September -Dezember 1941 Entlassung der meisten Internierten aus dem Camp Atlith

28.9.1941 Entlassung von Gerhard Grossmann aus dem Camp Athlit
12.8.1945 Es sollte noch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges dauern, bevor die 1.310 überlebenden Flüchtlinge aus Mauritius auf der SS FRANCONIA in das ersehnte Eretz Israel gebracht werden konnten.
Schniebinchen -Paderborn – Auschwitz
1939 Schwester Henny nach Schniebinchen
31.7.1941 Auflösung Schniebinchen, Ludwig Kuttner mit seiner Familie und eine Gruppe von Chaluzim wie Henny Grossmann folgen ihm ins Lager Paderborn
22.2.1943 Heirat von Henny Großmann mit Isidor Philipp in Paderborn
2.3.1943 Auflösung des Lagers Paderborn40 Stunden im geschlossenen Güterwaggon, Transport Bielefeld über Hannover – Erfurt – Dresden nach Auschwitz mit allen 98 Chawerim aus dem Arbeitslager
3.3.1943 Ankunft und Selektion in Auschwitz; Ernst Michel berichtet:
„Es gab nun zwei Reihen, beide rückten langsam voran. Männer an eine Seite, Frauen an die andere. … Issy (Isidor Philipp) schlurfte neben mir. Er war in Paderborn einer der charismatischen und zuverlässigsten Leiter. Er war dynamisch, optimistisch und stets hilfsbereit. Er war stark wie ein Stier. Er hatte Lilo ( sic! Henny) in Paderborn geheiratet einige Wochen vor unserer Deportation. Sie war bereits auf der anderen Seite. Tränen rannen sein Gesicht hinunter. Ich berührte ihn. Er nickte nur.“
Isidor Philipp wird eingewiesen in Auschwitz III zum Aufbau des IG-Farben Werkes Buna Monowitz, Häftlingsnummer 105008
Kalendarium von Auschwitz vom 3.3.1943
„Reichssicherheitshauptamt Transport, Juden aus Berlin. Nach der Selektion lieferte man 535 Männer als Häftlinge ins Lager ein, sie bekamen die Nr. 104 890 – 105 424; 145 Frauen bekamen die Nr. 36 9035 – 37 079. Die übrigen wurden vergast.“
Henny Philipp bereits Anfang März in Auschwitz ermordet
Theresienstadt
7.9.1942 Tante Hulda Großmann auf dem Transport XV/1 von Kassel über Chemnitz nach Theresienstadt
20.9.1942 Beide Eltern von Eisenach mit dem Transport XVI/1 Weimar Halle-Leipzig nach Theresienstadt
15.1.1943 Tod des Vaters in Theresienstadt Diagnose Marasmus senilis
1.3.1943 Tod der Mutter in Theresienstadt Diagnose Marasmus senilis
5.5.1945 Übergabe des Ghetto Theresienstadt von der SS an das Rote Kreuz
9.5.1945 Eintreffen der Roten Armee, Befreiung von Tante Hulda Großmann
Nachkriegszeit
Rückkehr von Hulda Großmann zunächst nach Chemnitz
26.12.1948 Tod im Jüdischen Altersheim in Berlin
Gedenken
27.5.2010 Stolpersteine für die Eltern Bernhard und Jenny Grossmann sowie Tante Friederike und deren Sohn Berthold in Eisenach, Karlstraße 6
Quellen
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/6016703
Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939
https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de
Margit Naarmann, Ein Auge gen Zion, Paderborn, 2000; ISBN3-89498-087-7
Manfred de Vries, Mauritius – Insel des Lebens, BtJ-Magazin, April 2019
https://www.ushmm.org/online/hsv/person_advance_search.php?SourceId=19584
https://www.ushmm.org/online/hsv/source_view.php?SourceId=19561
www.raoulwallenberg.net/general/ruth-kl-uuml-ger-mossad-le/
Rudolf Stern (Chawer aus Dortmund), Meine Aliyah – 13. Oktober 1939 – 29. Januar 1940; unveröffentlichtes Manuskript, 1987