Weil Gertrud

Gertrud Trude Raaya Rachel Weil

*12.6.1914 in Frankenthal; ✡ 5.7.2013 Israel

Staatsangehörigkeit deutsch

Religion jüdisch

Vater Josef Weil *3.8.1873 in Frankenthal; ✡21.9.1953 in Mannheim

Mutter Elisabeth Schwarz *17.7.1885 in Kirchheimbolanden; ✡28.1.1942 Recebedou

Onkel Viktor Weil *1.12.1871 in Frankenthal; ✡12.1.1942 Recebedou

Tante Emma geb. Weil *18.12.1880 in Lörrach; ✡16.11.1940 Gurs

Geschwister

Anneliese Weil *18.10.1910 in Frankenthal; ✡1942 in Minsk; oo Norbert Deutsch

Friedrich Weil *4.8.1918 in Frankenthal; ✡14.5.1923 Frankenthal

Beruf Landwirtschaftliche Praktikantin; Hortnerin

Adressen Frankenthal; Ludwigshafen, Prinzregentenstraße 26; Rüdnitz, Ahlem; Jessen-Mühle

Heirat Ariye

Kinder ?

Weiterer Lebensweg

1920-1928 Onkel Jakob Weil (1868 – 1955), Schuhhändler, Stadtrat in Frankenthal; 1. Vorsitzender der Ortsgruppe Frankenthal des Handelsschutzverbandes der Pfalz und des Vereins Pfälzer Schuhwarenhändler.

Das jüdische Umschulungslager Hof Wecker in Rüdnitz

Gertrud Weil zur Hachschara in das jüdische Umschulungslager Hof Wecker beim Bahnhof in der Bahnhofstraße in Rüdnitz bei Bernau. Der Hof Wecker in Rüdnitz, gelegen an der Bahnlinie Berlin Eberswalde in Rüdnitz war im Besitz der Familie Schocken. Leiter war Erich Marx. Die Eheleute Chane und Robert Emmerich sind als Köchin und Hausmeister angestellt.

Er bestand von 1933 bis 1941 und war somit eines der ersten zionistischen Hachscharalager der Jüdischen Jugendhilfe in Brandenburg.

17.5.1939 Gertrud Weil bei der Minderheitenzählung mit den Eltern und Onkel/Tante Viktor und Emma Weil in Ludwigshafen, Prinzregentenstraße 26

Die israelitische Gartenbauschule Ahlem

14.6.1939 Gertrud Weil als Betreuerin in das Volksschulinternat der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem, in Ahlem, Harenberger Landstraße 46

In Ahlem wird für Gertrud Weil ein Reisepass ausgestellt

6.11.1939 Verlegung der 22 über 14 Jahre alten Schüler aus dem Internat der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem unter der Leitung von Musiklehrer Klaus Glücksmann und Madricha Gertrud Weil zur Hachschara nach Jessen-Mühle.

Jessen Mühle

Das Hachschara-Lehrgut Jessen Mühle bei Sorau in der Niederlausitz bestand in der Zeit von 1932 – 1943; Träger war die Jüdische Jugendhilfe. Hier wurden für jeweils etwa 30 Chawerim, jugendliche Pioniere des Hechaluz über einige Monate in verschiedenen handwerklichen Tätigkeiten, in Hauswirtschaft und in Landwirtschaft zur Vorbereitung auf die Alija ausgebildet (Erstausbildung und Mittlere Hachschara für 14-18 -Jährige)

1938 war Wolfgang Berger Leiter von Jessen Mühle

28.10.1938 Bei der „Polenaktion“ wurden auch polnischstämmige Chaluzim abgeschoben. Brunhilde Hoffmann, später Dina Cohen kam im September 1938 nach Jessen, sie schreibt:

„In der Nacht vom 28. auf den 29. Oktober 1938 wurden im Rahmen der „Polenausweisung“ auch in Jessen Jugendliche und Erwachsene mit polnischer Staatsangehörigkeit verhaftet. … Wir haben Glück gehabt, denn der Bürgermeister von Jessen war sehr anständig und wir sind unbehelligt geblieben.“

Die Gestapo-Nebenstelle in Forst verlangte die Schließung der beiden nur zwei Kilometer voneinander entfernten Lager in Schniebinchen und Jessen. Vom RSHA in Berlin wurde dem nicht stattgegeben, so dass der Betrieb bis zur Schließung 1941 weitergehen konnte.

6.11.1939 Verlegung von 22 über 14 Jahre alten Schülern aus dem Internat der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem unter der Leitung von Musiklehrer Klaus Glücksmann und Madricha Gertrud Weil zur Hachschara nach Jessen-Mühle.

1939 -1941 Hans Wolfgang Cohn als Nachfolger von Wolfgang Berger Leiter des Hachscharazentrums Jessen-Mühle bei Sommerfeld in der Niederlausitz zusammen mit Gertrud Weil als Madrichim die Leiter von Jessen

Walter Keschner/Ze’ev Keschet schreibt über die Madrichim Hans Cohn und Trude Weil:

 „Jessen Mühle 1940, der große Schlafsaal der Jungen, über dem Generator. Die Tür im Fußboden des oberen Stockwerkes öffnet sich, und die beiden Madrichim Trude Weil und Hawo kommen herunter aus dem Mädchenstockwerk, um uns gute Nacht zu wünschen. Es war nicht einfach nur ein Gute-Nacht-Wunsch, sondern es wurden jedem Chawer ein paar aufbauende Worte gesagt, kleinen Beichten zugehört – über Anpassungsschwierigkeiten, das gemeinschaftliche Leben, Dinge zwischen einem Jungen und einem Mädchen oder einfach so kurze tröstende Gespräche.“

„Umgestellt auf ‚Arbeitseinsatzbetrieb‘“

7.5.1941 Hans Wolfgang Cohn mit den neun Chawerim Benjamin Feingersch, Peter Fliess, Walter Keschner, Assi Lerner, Gerhard Maschkowski, Roman Neger, Jakob Rosenbaum, Hans Rosenthal und Peter Sieburth sowie drei Chaweroth Rita Fränkel, Jutta Kleczewski und Inge Wolff (insgesamt 12) aus Jessen in das Lehrgut Neuendorf im Sande;

Die Bürckel-Wagner-Aktion in Baden

22.10.1940 Mutter und Onkel Viktor sowie Tante Emma Weil auf einem von sieben Transporten von 6500 Juden des Saarlandes, der Pfalz und Baden, davon 1972 allein aus Mannheim in das Internierungslager Gurs in Südfrankreich transportiert in der „Bürckel-Wagner-Aktion“.

16.11.1940 Tod von Tante Emma Weil in Gurs

März 1941 Verlegung verschiedener Gruppen aus Gurs in andere Lager: Betagte Menschen kamen nach Noé, Schwerbehinderte nach Récébédou, Familien in das sogenannte  ‚Familienlager‘ Rivesaltes.

12.1.1942 Tod von OnkelViktor Weil in Recebedou

28.1.1942 Tod der Mutter Elisabeth Weil in Recebedou

Hamburg Minsk

17.5.1939 Schwester Anneliese mit Ehemann Norbert Deutsch sowie Sohn Fritz (*7.12.1936) in Hamburg, Rappstraße 10 im Grindel bei der Minderheitenzählung

8.11.1941 Deportation der Schwester Anneliese mit Ehemann Norbert, Sohn Fritz und den Schwiegereltern Alfred und Henriette Deutsch auf dem Transport von Hamburg ins Ghetto Minsk

Vorbereitungskurs Sonderhachschara VII – Paraguay-Transport

August 1940 große Gruppe von Chaluzim aus Ahrensdorf zur Vorbereitung des Paraguay-Transports nach Ellguth/Steinau. Gertrud Weil schließt sich dieser Gruppe an.

Alija Beth – Sonderhachschara VII

März 1940 die führenden jüdischen Funktionäre aus Berlin, Prag und Wien werden von SS-Sturmbannführer Adolf Eichmann ins Reichssicherheitshauptamt nach Berlin vorgeladen, um die illegalen „Sondertransporte“ nach Palästina zu forcieren; Ephraim Frank als Vertreter des erkrankten Lyon vom Palästinaamt und als designierter Transportführer dabei.

Für die SH 7 sollen etwa 30.000 Anmeldungen vorgelegen haben, zum großen Teil aber nur fiktiv, um gegenüber der Gestapo die geplante Auswanderung belegen zu können

August 1940 offiziell abgemeldet nach „Paraguay“, zunächst Zugfahrt nach Berlin

16.8.1940 mit dem Zug aus Berlin, Bahnhof Friedrichstraße fahren 350 Jugendliche und 150 Eltern, deren Kinder bereits Palästina-Pioniere in Palästina waren, nach Wien mit dem Ziel über die Schwarzmeerroute nach Haifa zu kommen; Transportführer war Ephraim Frank

Zweiter Transportführer Hans Wendel

Leiter des Ordnungsdienst war Paul Jentes

Zwei bis drei Wochen in Wien, in einer jüdischen Schule oder Lehrlingsheim

3.9.1940 mit dem Zug von Wien nach Pressburg/ Bratislava an die Donau; in Pressburg für eine Woche in einem Lager im Stadtteil Patronka; Josef Nussbaum berichtet bei der Registrierung in Atlith, „The Camp was taken over as store for Heavy Opel trucks.“

10.9.1940 zum Donauhafen von Bratislava; dort Verteilung der Chalutzim auf die drei Ausflugsdampfer URANUS, MELK und SCHÖNBRUNN

10.-20.9.1940 von Bratislava nach Tulcea am Schwarzen Meer;

Anfang Oktober 1940 werden 1000 Flüchtlinge auf die drei Schiffe SS PACIFIC, SS MILOS und SS ATLANTIC verteilt, Deutsche auf die PACIFIC, Tschechen auf die MILOS.

Zwischenstopp im Hafen Agios Nikolaos, Kreta, um Kohle aufzunehmen

31.10.1940 von britischer Marine aufgebracht und in den Hafen von Haifa geleitet

1.11.1940 Ankunft der SS PACIFIC in Haifa.

3.11.1940 Ankunft der tschechischen Emigranten auf der SS MILOS, die ebenfalls auf die PATRIA verbracht werden

4.11.1940 Alle Passagiere der SS PACIFIC werden auf die SS PATRIA umgeschifft, dem von den Briten beschlagnahmten, als Truppentransporter umgebauten, großen französischen Frachtschiff (18 000 t)

8.11.1940 Registrierung im Camp Atlith; gibt als Referenz an

zunächst auch zur Deportation nach Mauritius vorgesehen

23. oder 24.11.1940 Ankunft der SS ATLANTIC in Haifa

25.11.1940 Sprengstoff-Anschlag der Haganah im Maschinenraum der SS PATRIA, zu diesem Zeitpunkt waren bereits 1771 Ma’apilim (illegale Immigranten) auf das Schiff gebracht.

Walter Steinitz, aus dem Umschulungslager Paderborn kommend, berichtet:

“ Am 25.November morgens um neun Uhr mussten alle auf die Reling, denn der Colonel hatte die Instruktion gegeben, aber um 9.12 Uhr hatte ein Kommando von 60-80 jungen Leuten ins Wasser zu springen, um die Engländer abzulenken, die mit kleinen Booten die Menschen auffischten. Zeitentsprechend zündete einer von uns eine Bombe, keine Zeitbombe, und ist mitgetötet worden. Es war der zweite Transportleiter – Hans Wendel. Niemand hatte von dieser Aktion gewußt – außer acht Leuten. Innerhalb von ein paar Minuten neigte sich das Schiff zur Seite. … Von den 4000 auf der SS PATRIA zusammengedrängten Menschen verloren etwa 260 ihr Leben.“ (ca 200 von 1771)

Die ins Wasser gesprungenen und die an Bord Überlebenden werden als Schiffbrüchige der SS Patria von den Briten an Land gebracht.

25.11.1940 Internierung in einer Lagerhalle im Hafen von Haifa; die von Bord gesprungenen werden in die Arrestzellen der Polizeiwache von Haifa; Serie von Verhören, insbesondere wenn sie von den Briten der Zugehörigkeit zur Haganah verdächtigt wurden.

26.11. und 8.12.1940 die Überlebenden der SS PATRIA werden mit Bussen in das Internierungscamp Atlith verbracht;

Dezember 1940 noch auf die Umladung wartenden 1581 Emigranten auf der MILOS und ATLANTIC werden als „Detainees“ mit holländischen Frachtschiffen nach Mauritius deportiert. Dort trafen sie am 26.12.1940 ein und wurden in das Zentralgefängnis von Mauritius nahe Beau Bassin verbracht.

1941 zunächst nur Freilassung kleiner Gruppen aus dem Camp Atlith, die eine Aufnahmeadresse in Palästina vorweisen können

September -Dezember 1941 Entlassung der meisten Internierten aus dem Camp Atlith

12.8.1945 Es sollte noch bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges dauern, bevor die 1.310 überlebenden Flüchtlinge aus Mauritius auf der SS FRANCONIA in das ersehnte Eretz Israel gebracht werden konnten.

Gedenken

Pages of Testimony für die Mutter, die Schwester Anneliese und dern Mann und Sohn von Raya Weil

Grabstein für Rachel Weil auf dem Friedhof von Kfar Shmarijahu

Quellen

Friedel Homeyer; Hrsg. Landkreis Hannover, Gartenbauschule Ahlem 1893-1979; 1980

https://www.mappingthelives.org

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

Staatsarchiv Israel, Einwanderungslisten

https://www.statistik-des-holocaust.de/OT411108-9.jpg

Harald Lordick, Landwerk Neuendorf in Brandenburg, in: Kalonymos, 2017, Heft 2

Naftali-Rosenthal-Ron, Aufblitzende Erinnerungen, Autobiografie; deutsche Übersetzung von Alice Meroz, Berlin 2015

Danuta Czech, Lagerbuch von Auschwitz

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/127212883

Ernest W. Michel, „Promises Kept – Ein Lebensweg gegen alle Wahrscheinlichkeiten“, 2013

Harald Lordick, Das Landwerk Neuendorf: Berufsumschichtung – Hachschara – Zwangsarbeit; in Pilarczyk, Ulrike (Hrsg) Hachschara und Jugendalija, Schulmuseum Steinhorst, 2019

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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