Feingersch Moses

Moses Moshe Max Feingersch

*17.3. 1916 in Celle; ✡2008 in Israel

Staatsangehörigkeit russisch/staatenlos

Religion jüdisch

Vater Isaak Feingersch *17.7.1882 in Odessa; ✡ 1944 in Stutthof

Mutter Rebekka Rifka Aswolinskaya *17.6.1887 in Odessa; ✡ in Riga Jungfernfernhof

Die neun Geschwister

Foto ca 1935 hintere Reihe: v.l. Marie, Rafael, David, Moshe, Rosa,
vorn: Fanny, Elias, Mutter Rebecca, Benjamin, Hermann, Vater Isaak und Sally Feingersch

Marie Feingersch *21.10.1911 in Odessa; ✡26.10.1944 in Auschwitz; oo 23.5.1943 in Westerbork Gerrit Klijinkramer (1898-1945)

David Feingersch *7.4.1914 in Frankfurt; ✡30.5.1994 in Israel; oo 1939 Ruth Breuer

Rafael Feingersch *30.5.1917 in Oldau; Ramat Hascharon, Israel

Fanny Feingersch *7.10.1918 in Winsen, Aller; ✡6.3.1944 in Auschwitz; oo Wilhem Prager

Rosa Feingersch *29.8.1920 in Oldau; ✡7.9.1943 in Auschwitz

Sally Feingersch *19.1.1922 in Oldau; Kfar Saba Israel

Elias Feingersch später Eyal *19.7.1923 in Ovelgönne; ✡2009 Ramat Hasharon; oo Rubinstein

Benjamin Feingersch *17.12.1925 in Oldau, Celle; ✡ 19.7.1989 in Israel; Schindler‘s Liste!!; oo Renate Offner

Hermann Feingersch *16.6.1929 in Celle; Hanna Frank (1916 Ahlen, ✡1979) in Riga Jungfernfernhof

Beruf Tischler; Landwirtschaftlicher Praktikant

Adressen Celle; Aurich; Kirchdorf, Westenfeld;  

Heirat 1937 Hanna Frank *11.1916 in Ahlen; ✡ 11.11.1978 in Regba

Schwägerin Irma Frank * 21.12.1914 in Ahlen; ✡ 2001 ; oo mit Benno Wolffs (*23.10-1910 in Aurich, 5.10.1995 in Atlanta)

Kinder vier

Tochter Feingersch; oo Gefen

Itzchak Feingersch

Zehava Feingersch; oo Yefet

Tochter Feingersch; oo Ascher

Die Hachschara Bewegung

In den ersten acht Jahren der Nazi-Diktatur bis zum Beginn des Russland-Feldzuges 1941 wurden Auswanderungsaktivitäten jüdischer Organisationen nicht nur geduldet, sondern sogar gefordert.

Am 25. August 1933 wurde nach dreimonatigen Verhandlungen zwischen der Jewish Agency, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und dem deutschen Reichsministerium für Wirtschaft zur Erleichterung der Emigration und Förderung des deutschen Exports eine entsprechende Vereinbarung geschlossen.

Im gesamten „Deutschen Reich“ entstanden überwiegend landwirtschaftliche Ausbildungsstätten für jüdische Mädchen und Jungen, sogenannte Hachschara-Stätten (Hachschara hebräisch für Ertüchtigung).

So bestanden 1935 31 Hachschara-Lehrbetriebe für Landwirtschaft und Gärtnerei in Deutschland, in denen sich die „Chaluzim“ (hebräisch für Pioniere) durch Erlernen eines landwirtschaftlichen Berufs für ihre Auswanderung nach Palästina (Alija) vorbereiteten.

Der entsprechende Nachweis durch die jüdische Dachorganisation Hechaluz bildete die Voraussetzung für die Ausstellung eines Einreisevisums durch die britischen Behörden auf der Basis eines sogenannten „Arbeiterzertifikats der Kategorie C“. Von den ab 1933 nach Palästina auswandernden deutschen Juden gehörten „etwa 36 % zur »Mittelstandseinwanderung«, über das Kapitalisten-Zertifikat (Kategorie A), die 1000 Palästina Pfund mitbringen mussten. Etwa 32 % der Einwanderer waren Arbeiter der Kategorie C.

Zwischen 1933 und 1938 konnten mehr als 18.000 jüdische Jugendliche aus Deutschland emigrieren, überwiegend zur Alija nach Palästina. Das war etwa jeder vierte aus der Generation der 6- bis 25-jährigen.

Gut Westerfeld in Kirchdorf

Zionistische Bestrebungen waren in Aurich zunächst nur schwach entwickelt. Die zumeist nationalliberal ausgerichteten Juden der Auricher Gemeinde wie auch die streng orthodoxen der Ortgruppe „Agudas Isroel“ (26 Mitglieder) lehnten den Zionismus ab. Im Oktober 1933 bildete sich zwar in Aurich ein Ableger der Zionistischen Arbeitsgemeinschaft Emden, der aber nur 13 Mitglieder zählte. Dem 1864 gegründeten Israelitischen Jünglingsverein gehörten 25 Mitglieder an; Vorsitzender war Benjamin Samson, Schriftführer Oskar Hartog.

Der erste Hachschara-Hof in Ostfriesland entstand in der Gemeinde Kirchberg südlich von Aurich. Der von der Familie Benjamin Wolff/Nachfahren durch eine zionistische Jugendorganisation gepachtete Hof bestand als Hachschascharalager zumindestens in den Jahren 1935 und 1936. Im „Lehrjahrheim“ wurde eine landwirtschaftliche Ausbildung angeboten; vermutlich sowohl für die mittlere (14-17 Jahre) als auch die reguläre Hachschara(>17 Jahre)

Das Gut lag südlich von Kirchberg und dem Jade-Ems-Kanal an der Westerfelder Straße.

Beginn und Auflösung der Hachschara sind nicht bekannt. In den minutiös geführten Polizeiberichten über jüdische Versammlungen in Aurich an den Bürgermeister findet diese Hachschara wiederholt Erwähnung. So heißt es in der Einleitung zum Bericht des Polizeimeisters Krämer vom 14. April 1935:

„Es waren etwa 80 Personen, junge Juden und Jüdinnen, anwesend, ein großer Teil davon aus dem Lehrjahrheim Westerfeld bei Aurich.“

In einer Mitgliederliste des reaktivierten Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten RJF vom 20.1.1935 vom findet sich Ludwig Wolff als Bewohner des Gutes

In seinem Versammlungsbericht vom 19.1.1936 benennt Polizeimeister Krämer erneut Chaluzim aus dem Umschulungslager als Teilnehmer.

Die Auflösung dürfte im Mai/Juni 1936 erfolgt sein.

Verkauf des Hofes an den Landwirt Johann Siebels (1908-1988) aus Aurich Wallinghausen

Lebenswege der Familie Feingersch

August 1914 Familie Feingersch als feindliche Ausländer, Russen im Lager Holzminden interniert

Vater Isaak meldet sich freiwillig zur Arbeit im Kaliwerk Prinz Adalbert, Einigkeit II in Ovelgönne

1925 Stilllegung der Kaliwerke, Oldau 

Vier Brüder gehen rechtzeitig auf Hachschara und Alija nach Palästina.

8.7.1937 Benjamin zieht mit den Eltern und dem jüngsten Bruder nach Celle, Im Kreise 23

9.3.1939 Fanny Feingersch aus Celle nach Zevenaar

23.5.1939 Marie Feingersch mit Schwester Rosa als Flüchtlinge nach Amsterdam

Moses Feingersch
15.4.1930 als Tischler-Volontär nach Aurich; er wohnt bei Familie Löwenstein im Lüchtenburgerweg

1.3.1931 Wechsel zur Familie Wolff am Ostertorplatz 13
10.7.1935 bei Familie David Hoffmann in der Wallstraße 24

1.8.1935 Moses Feingersch angemeldet zur Hachschara auf Hof Westerfeld

Frühjahr 1937 Heirat mit Hanna Frank in Ahlen

12.4.1937 Einreise von Moses und Chanah Feingersch auf der SS JERUSALEM in Haifa mit einem Arbeiterzertifikat der Kategorie C

Jewish Brigade

Eintritt in die Palestinian Company der Royal Army, später Jewish Brigade

Bei Kriegsende nach Einsatz der Jewish Brigade in Italien Verlegung der Jewish Brigade nach Antwerpen und Eindhoven.

Moshe Feingersch als Soldat der Jewish Brigade bei einem Hechaluz Treffen in Castricum August/September 1945; u.a. Abbi Mayer

Die Hachschara-Jeugdfarm Catarinahoeve in Gouda

9.3.1939 Fanny Feingersch zur Hachschara nach Gouda

Das ab Oktober 1937 bestehende Hachscharalager Catharinahoeve in Gouda wurde möglich durch eine Schenkung von Catharina van Zon. Die Jeugdfarm diente der Mittleren Hachschara für 14-17-Jährige zur Vorbereitung auf die Alija.

Robert Levisson übernahm die Funktion des Sekretär des Vorstandes, dem auch Frau A. Vroman angehörte, Mutter des Dichters und Biologen Leo Vroman.

Die Leitung der Gruppe lag bei dem Ehepaar Dr. Manfred Litten und Shoshana Jansje Litten-Serlui zuvor Danzig. Als Betriebsleiter eingestellt war zunächst Herrn Knol, dem Henk de Raaf und Franz Man zur Seite gestellt wurden. Nachbar Dirk van Schaik half als Vorarbeiter.

Ab 1940 lag die Verantwortung bei der Joodse Centrale voor Beroepsopleiding JCB.

1941 nach dem Rücktritt von Herr Knol übernahm Jan Middelburg die Betriebsleitung, unterstützt von Dirk van Schaik.

Fanny Feingersch zur Hachschara auf der Jeugdfarm Catarinahoeve

Winter 1940: v.l.n.r.: Roza Pinkhof, Manfred Samson, Salomon Friedmann, Jansje (Schoschana) Litten-Serlui, Gerrit Philip Goudsmit, Bernhard (Berrie) Asscher, Isaäc Nico Goudsmit, Hedy Jenny Kalmar, Gabriel Cohen, Schalom Wolfgang Weiss,

sitzend: Fanny Feingersch, Bernhard Alfred Mayer, Eric Mossel; Fotoalbum Levisson

1.4.1940 abgemeldet nach Rotterdam

Onderduiker

April 1943 erhalten die Chaluzim Schreiben, sich in den Arbeitslagern zu melden. Daraufhin tauchen viele unter, auch Fanny Feingersch.

1944 Fanny Feingersch im Versteck verraten und verhaftet

28.2.1944 eingewiesen als Strafgefangene in das polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork, in die zusätzlich bewachte Strafbaracke 67

Auschwitz

3.3.1944 Schwester Fanny mit Mann und Sohn Gideon als Strafgefangene auf den nächsten nach Ausschwitz abgehenden Straftransport

6.3.1944 Tod von Fanny Prager und Sohn Gideon in Auschwitz

Ehemann Wilhelm übersteht die Todesmärsche von Auschwitz über Flossenbürg, Buchenwald nach Dachau und wird am 29.4.1945 in Dachau von der US-Army befreit.

Kibbuz Elden

5.7.1941 Einstellung von Marie Feingersch als Hauswirtschafterin im Jeugdtehuis Huize Voorburg in Elden

1941Gerrit Klijnkramer als Berater und Unterstützer ins Jeugdtehuis Elden

Kibbuz Elden im Huize Voorburg, Drielse Dijk war im Besitz der Familie Kahn und gehörte zur „Deventer Vereniging tot vakopleiding“

Juni 1941-Oktober 1942 für Chaluzim mit abgeschlossener Hachschara und Palästinazertifikat

Oktober 1942 Auflösung aller jüdischer Arbeitslager

4.10.1942 Razzia im Huize Voorburg, Verhaftung von 36 der 40 Chaluzim in Elden und Verbringung ins „Polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork“, dazu zählen auch der Leiter von Huize Voorburg Ernst Cosmann, Kurt Pollack aus Bochum, Rosa Kratzer aus Dortmund und ihr Verlobter Gerd Sternlicht (*16.7.1924); Leo Goldschmidt (*26.7.1924) und Verlobte Clara Helena Leefsma (*15.9.1924)

Verbringung der Chaluim nach Hooghalen, zu Fuß ins Kamp Westerbork. Die Bahntrasse Hooghalen-Westerbork wurde erst im November 1942 fertiggestellt.

Gerrit Klijnkramer, Marie Feingersch bleiben zunächst zum Aufräumen zurück.

31.12.1942 nach Auflösung des Kibbuz Elden Gerrit Klijnkramer und Marie Feingersch in das polizeiliche Judendurchgangslager Westerbork

In Westerbork blieb die gesamte Elden-Gruppe nach Intervention von Josef Samson („oude kampbewooner“) zunächst von den Deportationen zurückgestellt; dessen Sohn Manfred Shlomo Samson war ebenfalls Mitglied der Elden- Hachschara.

Vater Josef Samson, Leiter der Arbeitsverwaltung in Westerbork, Innendienst-Abteilung 5, arrangiert mit dem SS-Kommandanten Gemmeker, die Chaluzim als qualifizierte Landarbeiter auf Feldern außerhalb des Lagers einzusetzen. Neben dem Lager befand sich ein Bauernhof, genannt Schattenberg, den sie bewirtschafteten und dies Hachschara Westerbork nannten. Diese Pioniere, nicht nur aus Elden, wurden nach ihrem Leiter Josef Klijnkramer als „Klijnkramer-groep“ bezeichnet.

23.5.1943 in Westerbork Heirat mit Marie Feingersch

14.9.1943 Deportation der über 20-jährigen Chaluzim nach Auschwitz; auf diesem Transport befanden sich mehrere orthodoxe Chaluzim u.a. Ernst Cosmann, Heinz Friedländer, Arnold ErlangerKarl Elias und Erwin Moses.

 Die Chaluzim unter 21 Jahren mit Palästina Zertifikat nach abgeschlossener Hachschara erhielten eine Palästina-Verklaring als „Austauschjuden“; sie sollten gegen Deutsche, die in Palästina („Templer“) oder einem anderen Staat des Britischen Empire lebten.

Foto angefertigt von Rudolf-Werner Breslauer aus einer Serie von 80 Aufnahmen orthodoxer Zionisten, vermutlich für gefälschte Papiere, um untertauchen zu können

Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz

4.9.1944 Marie und Gerrit Klijnkramer und auf dem Transport XXIV/7 von Westerbork nach Theresienstadt

29.9.1944 Marie und Gerrit Klijnkramer auf dem Transport E t von Theresienstadt nach Auschwitz

18.1.1945 Evakuierung von Auschwitz; 30000 auf dem Todesmarsch nach Gleiwitz; nur die Kranken und marschunfähigen bleiben zurück

27.1.1945 Eintreffen der Roten Armee; Befreiung von Auschwitz

28.2.1945 Tod in Auschwitz, offizielles Todesdatum für Marie und Gerrit Klijnkramer

Schindlers Liste

Bruder Benjamin Feingersch ist Auschwitz-Überlebender als einer der von Schindler geretten Juden

Gedenken

2004 Stolpersteine für Isaak, Rebekka, Marie, Fanny, Rosa und Hermann Feingersch in Celle, Im Kreise 24

24.6.2021 Stolperstein für Moses Feingersch in Aurich Wallstraße 24

Februar 2024 Stolpersteine für David, Moses, Rafael, Sally, Elias und Benjamin Feingersch in Celle, Im Kreise 24

Grab Chanah Feingersch

Quellen

Johannes Diekhoff, Die Auricher Judengemeinde von 1930 -1940; in: Aurich im Nationalsozialismus, Hrsg. Herbert Reyer, 2005

Moses Feingersch

https://www.mappingthelives.org

Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939

Staatsarchiv Israel, Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947

https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de

Peter W. Lande,  Jewish „Training“ Centers in Germany, Manuskript von 1978 im Bestand des Centers for Jewish History

https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316

Veröffentlicht von Franz-Josef Wittstamm

Geboren 31. Mai 1951 in Recklinghausen Gymnasium Petrinum 1961 bis Abitur1970 Studium der Humanmedizin in Bochum Approbation 1981 Promotion1982 Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Intensivmedizin Im Ruhestand seit 2016

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