
Hermann Waldmann/ Uri Yaari
*23.6.1921 in Berlin; ✡3.2.1987 in Virum, Kopenhagen
Staatsangehörigkeit polnisch, staatenlos
Religion jüdisch
Vater Arie Waldmann *21.5.1892 in Tarnow;✡ vor 1945

Mutter Mindel Glatz *18.3.1894 in Jarocin;✡ ?
Geschwister

Max Meier Waldmann *5.4.1920 in Berlin; ✡ 4.9.1993 in Haifa
Achim Waldmann *16.1.1926 in Berlin;✡ 18.10.1880 im Kibbuz Gaash
Beruf Landarbeiter; Lehrer
Adressen Berlin;
Heirat Miriam Mieser *18.6.1920 in Berlin; ✡15.3.2013 in Israel
Kinder zwei mit Miriam Mieser
Nurit Waldmann/Yaari *17.12.1941 in Dänemark; ✡16.8.1968 in Neot Mordechai
Weiterer Lebensweg
Ostern 1927 Einschulung in Berlin
Ostern 1935 Schulentlassung
Waldgehöft Havelberg
1935 geht Hermann Waldmann für fünf Monate zur landwirtschaftlichen Hachschara ins Waldgehöft nördlich von Havelberg (1934-1941), Träger bis zum Pogrom November 1938 war der Hechaluz, dann die RVJD. Die frühere Jagdpacht gehörte dem jüdischen Rechtsanwalt Siegfried Freund, er war zunächst auch der Leiter.. Es umfasste acht Hektar Land, eine kleine Villa, zwei Wohnhäuser, eine Werkstatt, einen Stall, Gewächshäuser und Schuppen. Bis zu 50 Chaluzim waren hier untergebracht.
Im Novemberpogrom wird das Gehöft verwüstet. Die jungen Männer über 17 Jahre ins örtliche Polizeigefängnis gebracht. Die Chaluza Annette Eick berichtet:
»Die Frau unseres Leiters (Johanna Horn) war auf der Farm geblieben und stand vor der Entbindung. Das Kind blieb im Bauch, sie hat furchtbar gelitten und ist daran gestorben.«
Johanna Horn ist auf dem jüdischen Friedhof unweit vom Waldgehöft begraben. Richard Horn war Betriebsleiter in Havelberg bis September 1939. Nachfolger waren Siegfried Freund, Artur Posnanski, Alfred Selbiger, Heinz Berg und Hilde Nathan.
Sommer 1941 Bei Auflösung von Havelberg gehen der Leiter Heinz Berg nach Paderborn, die Chawerim Willy Ansbacher und Erich Wallach sowie die Chaweroth Johanna David, Suse Fliess, Ingeborg Frank, Susanne Rosenthal und Carla Wagenberg in das Arbeitslager Neuendorf, die Zwillingsbrüder Manfred und Artur Tannenbaum in die „Domäne Altlandberg“.
Hachschara in Urfeld
1935/36 geht Hermann Waldmann für weitere fünf Monate zur landwirtschaftlichen Hachschara ins Umschulungslager Urfeld auf dem Dietkirchener Hof zwischen Bonn und Köln-Wesseling; Besitzer war der mit Arthur Stern befreundete nichtjüdische Architekt Albrecht Doering aus Urfeld.
Von 1933 bis 1938/39 war der Dietkirchener Hof als Kibbuz/Beth Chaluz ein Zentrum der Vorbereitung auf die Alija nach Palästina für ca 60 Jugendliche über 18 Jahren. Das Zentrum des Hechaluz hieß auch Kibbuz Bamaaleh („Bamaaleh“=im Aufstieg), finanziert von dem jüdischen Textilfabrikanten und Architekten Arthur Stern – zu Beginn noch gemeinsam mit der Reichsregierung! Die landwirtschaftliche Ausbildung erfolgte auf Urfelder Bauernhöfen.
Anfang 1938 auch mittlere Hachschara für 15–17-Jährige Chaluzim.
28.10.1938 Herbert Taub verhaftet in Urfeld in der ersten Polenaktion, zusammen mit neun weiteren Chaluzim u.a. Susi Schmerler, Leo Geffner und Josef Kleinmann sowie Muchi, Max, Oskar und Ida (nicht identifiziert). Susi Schmerler notierte in ihrem Tagebuch:
„Es sind ungefähr 25 Chaluzim, die alle schon in Deutschland auf Hachschara waren und jetzt zur Auslands-Hachschara oder Alija gehen sollten.“
„Doch da kam man uns mitten in unseren (Alija-) Plänen dazwischen. Eines Tages kamen mehrere Polizisten ins Beth Chaluz und brachten 10 Ausweisungsbefehle. Wir rechneten alle damit, dass uns noch 2-3 Monate Zeit bleiben würde. Doch nein! Es sollte heute noch sein! Wir telefonierten mit dem Flugplatz, wann das nächste Flugzeug nach London ging, doch die Polizei stand daneben und forderte von uns, dass wir sofort mitkommen müssten. Nicht einmal unsere Sachen durften wir mitnehmen.“
Novemberpogrom in Urfeld
10.11.1938 im Novemberpogrom verprügelten vier besoffene bewaffnete Nazis die Chaluzim und zerstörten das Inventar. Der nichtjüdische Hausbesitzer Doering vertrieb die Eindringlinge mit seinen Söhnen, bewaffnet mit Jagdwaffen; nachts versteckte er die Chaluzim in seinem Keller.
Auflösung in Urfeld
15.10. 1939 nach Auflösung des Lagers Urfeld wechseln 5 Chawerim direkt nach Paderborn: Heinz Becker, Karl-Heinz Goldstein, Emil Heilbronn, Hans Peter Scheier, Hans Werner Rabinowitz. Bis zum Schluss war Benny Paul Stein Madrich in Urfeld. Manfred Wolf folgt Benny Stein nach Schniebinchen, der dort bis Juli 1940 Leiter ist.
Das jüdische Umschulungslager Gehringshof
1936 geht Hermann Waldmann zur Hachschara in das jüdische Umschulungslager Gehringshof in Hattenhof bei Fulda; Träger ist der Bachad, 1928 gegründete Jugendorganisation des orthodox-jüdischen Misrachi; das hebräische Akronym בָּחָ״ד BaChaD steht für Brit Chaluzim Datiim, deutsch ‚Bund religiöser Pioniere‘; Träger zuletzt die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland RVJD.
Die religiöse Kibbuz-Haddati-Bewegung betrieb ab 1924 den Hof in Betzenrod und ab 1926/27 in Rodges, dann erfolgte der Wechsel auf den Gehringshof; dieser wurde 1929 übernommen vom Bachad, ab April 1934 auch Kibbuz Hag Shamash
Die Ausbildung erfolgte auch auf den umliegenden Bauernhöfen. Neben dem Gehringshof bestanden in Hessen Hachscharalager in Grüsen, Külte bei Volkmarsen und Lohnberghütte bei Weilburg.
Auslandshachschara in Dänemark
Ende 1938 Hermann Waldmann abgemeldet aus dem Gehringshof, Hattenhof nach Dänemark zur Einzelhachschara auf verschiedenen Bauernhöfen.
Jüdischer Widerstand in Dänemark
Ende 1939 erste Begegnung mit Bertram Grass vom Hechaluz bei einem Seminar für die dänischen Chaluzim
5.11.1940 bei der dänischen Volkszählung in Asminderød, Asminderød-Grønholt, Lynge-Kronborg, Frederiksborg, Denmark auf Einzelhachschara als Landarbeiter bei der Familie von Ida und Henning Jensen.
Zusammen mit Bertram Grass Gründung der aktivistischen zionistischen Gruppe „Neuer Weg“ mit bis zu 50 Mitgliedern;
Die Gruppe testete illegale Routen durch Deutschland auf den Balkan, von wo aus man über Istanbul nach Palästina zu kommen hoffte.
So gelangte Hermann Waldmann unter einem Güterwaggon nach München und nach Maastricht. Dort wurde er beim Waschen des Waggons von einem holländischen Bahnarbeiter entdeckt, aber nicht verraten.
Letztlich scheiterten alle Versuche und der „Neue Weg“ löste sich auf.
Ausnahmezustand in Dänemark 1943
9.4.1940 Einmarsch der Deutschen in Dänemark; Dänemark bleibt in Teilen autonom bis zum Oktober 1943
29.8.1943 Die deutschen Besatzer verkünden den „Ausnahmezustand“ wegen zunehmender Widerstandaktionen
17.9.1943 Adolf Hitler befiehlt die Endlösung in Dänemark
September 1943 Anordnung von Werner Best, SS-Obergruppenführer und Generalbevollmächtigter für Dänemark
„Die Festnahme der zu evakuierenden Juden erfolgt in der Nacht vom 1. zum 2.10.43. Der Abtransport wird von Seeland zu Schiff (ab Kopenhagen), von Fünen und Jütland mit der Bahn Sonderzug durchgeführt“.
28.9.1943 der deutsche Diplomat Georg Ferdinand Duckwitz verrät die geplante Deportation bei einem Treffen mit dänischen Sozialdemokraten.
Oktober 1943 7700 Juden können sich mit Hilfe der dänischen Bevölkerung in einer Massenflucht über den Øresund (Ostsee) nach Schweden retten.
Verhaftung
Hermann Waldmann bleibt in Dänemark, schloss sich dem dänischen Widerstand an, nahm auch an bewaffneten Aktionen teil.
2.12.1943 Verhaftung in Odense durch die Gestapo; vermutlich nach Verhören zunächst ins Konzentrationslager Frøslev
Evakuierungen des Internierungslager Frøslev ins KL Neuengamme
15.9.1944 Transport von 196 dänischen Gefangenen aus dem Internierungslager Frøslev zunächst in das KL Neuengamme
19.9.1944 Transport von 1981 dänischen Grenz-Polizisten aus dem Internierungslager Frøslev zunächst in das KL Neuengamme
27.9.1944 Transport von 166 dänischen Gefangenen aus dem Internierungslager Frøslev zunächst in das KL Neuengamme
6.10.1944 Transport von 141 dänischen Gefangenen aus dem Internierungslager Frøslev zunächst in das KL Neuengamme
20.10.1944 Transport von 195 dänischen Gefangenen aus dem Internierungslager Frøslev zunächst in das KL Neuengamme
Oktober 1944 Verlegung von Hermann Waldmann nach Auschwitz
Auschwitz-Häftlingsnummer 199749; in Auschwitz Zwangsarbeit in der Lederfabrik
Im Oktober 1944 wurden die Auschwitz Nummern 199532 bis 199883 vergeben.
Todesmarsch
15.1.1945 die Häftlinge in Auschwitz hören den russischen Kanonendonner 30 km aus dem Osten
18.1.1945 Evakuierung aller drei Auschwitz-Lager; ca. 60 000 Häftlinge; 10000 Männer aus Monowitz
18.1.1945 Beginn des Todesmarsches mit 400 Frauen von Auschwitz- Birkenau nach Loslau
Auschwitz-Überlebende berichten von der Brutalität der SS-Leute während des Todesmarsches:
Asher Aud:
„Wenn wir sind gegangen Totenmarsch, da sind keine Menschen gegangen, da sind nur Skelette gegangen.“
Sigmund Kalinski:
„Wer nicht konnte oder wer zur Seite war, wurde erschossen, bei ungefähr 15 bis 20 Grad minus in unseren Kleidern.“
Isidor Philipp berichtet:
„Wer sich hinlegte, wurde von den SS-Männern, die auf Motorrädern fuhren, erschossen.“
19. – 23.1.1945 Ankunft in den Eisenbahnknotenpunkten Gleiwitz und Loslau. Von Gleiwitz oder Loslau in Güterwaggons zu westlich gelegen Konzentrationslager wie Buchenwald, Ravensbrück, Sachsenhausen, Dachau
Isidor Philipp berichtet:
„Von dort begann dann – in offenen Kohlewaggons und bei 15 Grad unter Null – die Fahrt durch Polen, Tschechoslowakei und Österreich zurück nach Deutschland.“
Nach Schätzungen starben bei diesen Räumungstransporten von Auschwitz insgesamt zwischen 9.000 und 15.000 Häftlinge.
Dachau Außenlager Mühldorf
28.1.1945 Ankunft von Hermann Waldmann in Dachau; Häftlingsnummer 140141; er wird dem Außenlager Komplex Mühldorf zugewiesen zur Zwangsarbeit beim Bau eines Rüstungsbunker für die Produktion des Düsenjägers Messerschmitt Me 262.
Mitte bis Ende April wurden die Häftlinge der kleineren Lager in die Lager M I und Waldlager V/VI gebracht. Dort wurden sie schließlich auf Befehl aus Dachau in Güterwaggons verladen und abtransportiert
Die Lager um Mühldorf wurden von der US Army am 1. und 2. Mai 1945 erreicht.
Befreiung in Mühldorf
Nach der Befreiung geht Hermann Waldmann in den Kibbuz Neot Mordechai
Umbenennung in Uri Yaari; Meir Yaari war ein führender Ideologe des Hashomer Hatzair zwischen den beiden Weltkriegen
Rückkehr nach Dänemark
Lehrer und Personalrat an der St. Petri-Schule in der Larslejsstrade in Kopenhagen
November 1986 Uri Yaari unheilbar erkrankt; er muss das geplante Referat auf der wissenschaftlichen Fachtagung zum Thema „Die Rettung der dänischen Juden“ in der Dänisch-Deutschen Akademie in Hamburg absagen
Gedenken
Nachruf auf Uri Yaari
Quellen
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/10356796
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/10776350
Uri Yari, Konfrontationer, Manuskript in Deutsch, 1980
Arolsen Archives, Arolsen Signatur DE ITS 2.1.1.1 HE 016 JÜD 7 ZM
Volkszählung in Dänemark von 1940
https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch
http://www.tenhumbergreinhard.de/transportliste-der-deportierten/transportliste-der-deportierten-1944/index.html
Staatsarchiv Israel, Einwanderungslisten
Mandat zur Einbürgerung in Palästina, 1937-1947