
Ernst Ascher
*19.6.1921 in Liebemühl, Osterode, Ostpreußen; ✡ 7.10.2004 in Leiden
Staatsangehörigkeit deutsch
Religion jüdisch
Vater Albert Ascher *4.3.1885 in Rhein; ✡ 1943 in Auschwitz

Mutter Käthe Israel *3.2.1892 in Neumark; ✡ 1943 in Auschwitz
Geschwister
Lothar Ascher *11.6.1919 in Liebemühl; ✡ 1943 in Auschwitz
Lea Ascher *19.11.1924 in Liebemühl, Osterode; Israel
Cousin Arthur Ascher * 6.4.1913 Königsberg; ✡ 2001 in Surrey
Beruf Bäcker; Rotationsdrucker; Hafenarbeiter
Adressen Liebemühl; Ellguth, Steinau; Wieringermeer
Heirat 6.3.1946 in Amsterdam mit Nelly van den Akker *10.12.1917 in ASD
Kinder
Lea Ascher
Ruth Ascher
Stella Ascher
Weiterer Lebensweg
Lehrgut Ellguth
Ernst und Lothar Ascher zur Hachschara ins Lehrgut Ellguth
Die Eröffnung des Lehrgutes Ellguth in Steinau bei Falkenberg/Klein-Schnellendorf erfolgte in Trägerschaft des Hechaluz am 19.12.1937. Die Leitung wurde Edgar und Elly Freund von der „Jüdischen Jugendhilfe Berlin“ übertragen. Zur Eröffnung kam als Madrich für die Landwirtschaft Georg Josephsthal, zuvor Generalsekretär des Hechaluz und im Merkas des Habonim. Seine Frau Senta übernahm die Milchwirtschaft des Gutes. Als landwirtschaftlicher Inspektor wurde der Nichtjude Bless eingestellt. Bis zu 100 Chaluzim wurden hier ausgebildet.
Im August 1938 mussten Georg und Senta Josephthal, im September das Ehepaar Freund nach Warnungen vor der Gestapo das Gut verlassen. Nachfolger wird Fritz Wolff.
Polenaktion
28.10.1938 Bei der „Polenaktion“ wurden auch aus Ellguth wie in anderen Hachscharalagern 13 polnischstämmige Chaluzim abgeschoben.
Benno Teichmann berichtet:
„Es war am 28. Oktober 1938 in Ellguth, einem Hachscharah-Kibbuz von Mitgliedern des deutschen Hechalutz. Es kam der Befehl nach Ellguth: Alle Polen sind ausgewiesen. Sie müssen bis 5 Uhr über die Grenze sein…. Und dann kam der Autobus. […] Die Namen wurden verlesen und die Chawerim stiegen ein und verließen unser Kibbuz.“
Diese wurden aber von polnischen Dorfbewohner mit Hunden zurückgetrieben. Sechs von Ihnen reisten später regulär mit Pass nach Polen aus, sieben kehrten nach Ellguth zurück.
Novemberpogrom
10. 11.1938 zwei Jugendliche aus Breslau mit Motorrad berichten über die Pogromexzesse. 10.11.1938 nachmittags erscheint ein örtlicher Polizist, um Waffen zu suchen
10.11.1938 Mob aus Bauern und SA überfällt das Gut, alle Bewohner werden auf LKW in das Polizeigefängnis Oppeln gebracht;
12.11.1938 die über 16 jährigen Männer – mehr als 23 – werden nach Buchenwald transportiert, Frauen und Jungen wieder entlassen.
In Buchenwald erhielten die Chaluzim aus Ellguth Häftlingsnummern um 27450
10.12.1938 Entlassung einer großen Gruppe der Ellguth Chaluzim aus dem KL Buchenwald
Dezember 1938 — u.a. mit Kurt Hannemann, Adolf Hafner, Erich Naftalie, Joachim Simon zum Hachschara-Trainingskurs für die aus Buchenwald entlassene Gruppe aus Ellguth in der Schlosshofstraße in Bielefeld
6.1.1939 nach der Entlassung sammeln sich viele Chaluzim wieder in Bielefeld; einige flüchten mit einer Gruppe aus Ellguth unter Leitung von Madrich Fritz Wolff nach Deventer in die Niederlande in das Auffanglager der „Deventer Vereeniging tot Vakopleiding“, eine Pension auf dem zwischen Deventer und Apeldoorn gelegenen Flugschule Teuge zur Einzelhachschara auf Bauernhöfen in der Region.
25.2.1939 von dort wechseln einige der Ellguth-Gruppe ins Werkdorp Wieringermeer.
Januar 1939 Wiedereröffnung des Lagers Ellguth durch den BACHAD mit 40 Chaluzim; Die Leitung übernahm Armin Duschinski aus Wien.
Minderheiten-Volkszählung
17.5.1939 Ernst Ascher bei Minderheiten-Volkszählung mit 84 Juden in Falkenberg, Klein Schnellendorf
17.5.1939 die Eltern mit Lothar und Schwester Lea in Berlin, Bergstraße 67
24.-27.5.1940 neun Chaluzim wechseln als Gruppe aus Ellguth in das Umschulungs- und Einsatzlager Paderborn Rolf Apfel, Lothar Ascher, Herbert Brinitzer, Hermann Burstein, Walter Lion, Werner Salomon, Fritz Springer, Isbert Weinberg, Georg Witkowski. Zwischen 1939 und 1941 gingen insgesamt 21 von Ellguth nach Paderborn.

21.11.1939 Alija von Schwester Lea aus Berlin ab Triest auf der SS GALILEA nach Haifa mit einem Studentenzertifikat der Jugendalija der Kategorie B(III)
Flucht in die Niederlande
3.8.1939 Ernst Ascher in die Niederlande
Zur Hachschara ins Werkdorp
8.8.1939 Ernst Ascher gemeldet in Wieringermeer
Im 1934 kommt eine kleine Gruppe von Volontären als Aufbaugruppe in die verlassenen Baracken auf der Farm. Dreieinhalb Jahre lang dienten diese als Unterkunft für die Gruppe der Bauarbeiter. Ende 1934 stehen vier Baracken und eine Kantine dicht beieinander rund um das Haukes-Haus.
Oktober 1934 Aufnahme des regulären Ausbildungsbetriebs
Im Zentrum des Werkdorfs wird ein Gemeinschaftshaus errichtet, die Baracken werden in einem Halbkreis herumgebaut.
Anfang 1937 Offizielle Eröffnung der nun fertiggestellten Anlage

Ernst Ascher arbeitet im Werkdorp in seinem Beruf als Bäcker
10.5.1940 Einmarsch der Wehrmacht in die neutralen Niederlande.
Die Schlichim (Plural von Schaliach) aus Palästina mit ihrem Britischen Pässen wurden als „feindliche Ausländer“ verhaftet (Uri Koch, Mosche Katznelson, Zwi Kuttner).
10.1.1941 Beginn der systematischen Registrierung der Juden in den Niederlanden
Auflösung des Werkdorp
20.3.1941 Auflösung des Werkdorp durch den SD der SS; 210 der 290 Lehrlinge werden nach Amsterdam verbracht und in Familien untergebracht; Gerd Vollmann berichtet darüber:
„Am 20. März kamen morgens blaue Busse von der Amsterdamer Gemeindebahn am Rande des Polders. … Die ca. 300 Werkdörfler wurden inspiziert durch Lages in Uniform und Barbie in Zivil.
Willy Lages, SS-Sturmbannführer, Leiter des Sicherheitsdienstes in Amsterdam; Klaus Barbie, SS-Obersturmführer, Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam
Unser Betriebsleiter Kemmerlin sorgte dafür, dass ca. 60 Jungen und Mädels bleiben durften, um das Vieh usw. zu versorgen. Die anderen kriegten 10 Minuten die Gelegenheit, um etwas zu packen und dann wurden wir mit Bussen nach Amsterdam gebracht…“
Unterbringung der 210 Werkdorper zunächst in Asschers Diamantschleiferei im Amsterdamer „Pijp“
27.3.1941 Unterbringung der Werkdorper in Gastfamilien oder bei Verwandten;
11.6.1941 Offizielle Abmeldung der 210 Werkdorper aus der Gemeinde Wieringermeer
1.8.1941 endgültige Schließung des Werkdorpes
Zweite große Razzia in Amsterdam
14.5.1941 Bombenexplosion im Marine-Offiziersclub Amsterdam auf der Bernard-Zweerskade ist Anlass für Verhaftungswelle
Juni 1941 Zweite große Razzia in Amsterdam; der SD geht bei dieser Razzia anders vor als bei der ersten Razzia im Februar 1941, bei der Juden wahllos auf der Straße aufgegriffen und festgenommen wurden; bei der zweiten Razzia nutzen die Deutschen Adresslisten und gehen gezielt zu den Häusern von dem sie wissen, dass dort Juden leben.
11.6.1941 SS-Obersturmführer Klaus Barbie von der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam“ erschleicht sich durch Täuschung die Adresslisten der „Werkdorper“
11.6.1941 „Vergeltungsmaßnahme“ 300 vorwiegend Jugendliche, davon 61 „Werkdorper“ im Durchgangslager Schoorl inhaftiert; von ihnen werden vier, die keine vier jüdischen Großeltern haben, freigelassen.
Von Dezember 1940 bis August 1941 war SS-Untersturmführer Hans Stöver Kommandant des Camp Schoorl
Der Werkdorper Bernard Natt, ein Cousin von Lotte Brück, beschreibt die Razzia des 11. Juni 1941:
„Am Mittwochabend, dem 11. Juni 1941, besuchte ich mit Lotti in der Stadsschouwburg eine Aufführung von Griegs Oper „Per Gynt“. Es war eine schöne, angenehme Aufführung. Es war auch das letzte Mal, dass ich mit Lotti ausgegangen bin. Auf dem Heimweg trafen wir einige Freunde vom Werkdorp. Sie waren sehr aufgebracht und teilten uns mit, dass unsere Mitbewohner des Werkdorps noch am selben Abend von der Gestapo festgenommen worden seien.
22.6.1941 Deportation der 296 in Schoorl Inhaftierten in das KL Mauthausen; dort werden sie durch extrem harte Arbeit im Steinbruch und oftmals tödliche medizinische Experimente ermordet; keiner überlebt das Jahr 1941
9.8.1941 Ernst Ascher geht in das nur wenige Kilometer südlich gelegene Opdam zur Einzelhachschara beim Bauern

8.4.1942 abgemeldet nach Deventer, Papenstraat 45 ins Stammhaus der „Deventer Vereniging tot Vakopleiding“
26.5.1942 von der Deventer Vereniging mit Gerd Sperber und weiteren Werkdorpern zur Einzelhachschara nach Almelo
Onderduiker
15.7.1942 erste Aufrufe, Razzien und Massendeportationen ab Kamp Westerbork
August 1942 Ernst Ascher geht als „onderduiker“ ins Versteck; von den insgesamt 716 in den Niederlanden „auf Hachscharah“ lebenden jungen Juden überlebten 393 durch das Engagement der Westerweel-Gruppe, die gefälschte Papiere und Versteckplätze beschaffte.
10.8. öffentlicher Suchbefehl des Bürgermeisters von Almelo nach den „Werkdorpern“ wegen “illegalen Untertauchens“
Kurt Reilinger („Nanno“) ist neben Max Windmüller („Cor“) ein führender Widerstandskämpfer der Gruppe des holländischen Hechaluz, die ab dem Frühjahr 1943 von Paris aus 150 untergetauchte Pioniere mit gefälschten Papieren aus Holland über Belgien nach Frankreich schleust. Von diesen können etwa 80 Chaluzim über die Pyrenäen nach Spanien gerettet werden.
Verhaftung durch den SD/BDS Paris
27.4.1944 Verhaftung von Kurt Reilinger, Ernst Hirsch (Willy), Alfred Fraenkel (Zippi), Lollie Eckhardt und Susi Hermann infolge eines Verrates verhaftet im Zimmer von Lollie Eckardt in Paris.
18.7.1944 ein geheimes Treffen der jüdischen Résistance in Paris, Rue Erlanger zur Vorbereitung der Befreiung der fünf Inhaftierten wird von der Gestapo gestürmt, infolge des Verrats durch den Doppelagenten Karl Rebh. Ernst Ascher, Paul Wolff, Gerd Sperber, Max Windmüller, Maurice Loebenberg verhaftet. Max Windmüller wird zunächst als politischer Nichtjude unter seinem Decknamen arrestiert. Die Verhafteten wurden in das BDS-Hauptquartier in die Rue de la Pompe verbracht, verhört und auch gefoltert, Loebenberg starb in der Folge. Die Gruppe wird in das Gefängnis Fresnes gebracht. Von der Gruppe um Cor waren in Fresnes inhaftiert: Max Windmüller, Kurt Reilinger, Ernst Hirsch (Willy), Alfred Fraenkel (Zippi), Ernst Ascher, Paul Wolff, Paula Kaufmann, Gerd Sperber; aus der französischen Gruppe u.a. René Kapel, Jacquel-Lazarus.
Anfang August Verlegung der Gruppe in das Sammel-und Durchgangslager Drancy. Vor der Aufgabe von Drancy werden vom Hauptsturmführer Alois Brunner, einer der engsten Mitarbeiter Adolf Eichmanns, für den letzten Transport Nr 78 aus Drancy 51 Personen bestimmt. Neben jüdischen „Prominenten“, wie der Flugzeugkonstrukteur Marcel Bloch-Dassault, die illegale Leitung der Armée Juive in Paris und die Gruppe um Kurt Reilinger.
17.8.1944 die männlichen Gruppenmitglieder werden nach Buchenwald transportiert in einem Wagen mit der Aufschrift „Juden Terroristen“.
25.8.1944 Wegen der durch alliierte Angriffe massiv beeinträchtigten französischen und belgische Bahnstrecken erreicht der Zug das Konzentrationslager Buchenwald erst nach neun Tagen.


Nach der obligatorischen Quarantäne in Block 57 im kleinen Lager von Buchenwald wird die Gruppe Cor in verschiedene Außenlager überstellt

29.10.1944 Ernst Ascher überstellt in das Außenlager Dora-Mittelbau bei Nordhausen, von dort direkt ins KL-Nebenlager von Mittelbau Dora, in die Boelcke-Kaserne in Nordhausen; Dora-Mittelbau war Außenlager des KZ Buchenwald Sommer 1943-Oktober 1944, dann eigenständiges Konzentrationslager zur unterirdischen Produktion von V2-Raketen

12.1.1945 verlegt in das Dora Nebenlager Boehlcke Kaserne

Der Stempel M2E steht für das Außenlager Ellrich-Juliushütte (Mittelbau 2 Ellrich) und M3H für das in Harzungen (Mittelbau 3 Harzungen)

März 1945 Todesmarsch nach Bergen-Belsen
3.4.1945 fataler Luftangriff der Alliierten auf die Boelcke-Kaserne mit 1000 Toten und 2000 weiteren in den nächsten Wochen; Gerd Sperber kommt bei dem Angriff um.
Befreiung in Bergen-Belsen
Am 15. April 1945 befreiten britische Truppen das Konzentrationslager Bergen-Belsen
Das Schicksal der Gruppe Cor
Gerd Sperber kommt bei dem Luftangriff in Nordhausen um.
Ernst Hirsch stirbt kurz vor der Befreiung in Bergen Belsen
Max Windmüller wird auf einem Todesmarsch erschossen.
Alfred Fränkel wird in Lippstadt befreit.
Ernst Ascher wird in Bergen-Belsen befreit.
Kurt Reilinger wird auf einem KZ Schiff in der Flensburger Förde befreit
Paul Wolff wird im KL Mauthausen befreit
Nachkriegszeit
Rückkehr von Ernst Ascher in die Niederlande nach Almelo
6.3.1946 Heirat in Amsterdam mit Nelly van den Akker
23.4.1946 gemeldet in Amsterdam
10.12.1948 Alija nach Tel Aviv Israel
1960 zurück nach Amsterdam
16.9.1971 nach Alphen /Rijn

1983 auf der Adressenliste der überlebenden Werkdorper
Gedenken
–
Quellen
https://archief.amsterdam/indexen/persons?ss=%7B%22q%22:%22Ascher%201921%22%7D
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/5447993
https://apps.bundesarchiv.de/gedenkbuch/de834262
https://collections.arolsen-archives.org/de/search/topic/1-1-5-1_8012500074?s=8012500074
https://www.mappingthelives.org
Deutsche Minderheiten-Volkszählung 1939
https://hachschara.juedische-geschichte-online.net/ort/12
https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de
https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=FL4311316
Staatsarchiv Israel, Einwanderungslisten
Danuta Czech, Lagerbuch von Auschwitz
https://collections.arolsen-archives.org/de/document/5278110
August 1946 Hechaluz Liste Überlebende in den Niederlanden